Der Kranz, das Kriegsschiff und der Oberbürgermeister

Hans, aus dem Bild gedreht, betrachtet eine Karte vom Mittelmeer

Gegen das Sterben auf dem Meer in allen Variationen: Kriegsgegner Hans. Kaspar Skwatten | CC BY-NC-SA

Am Mainzer Rheinufer steht ein Kriegsdenkmal. Es verherrlicht den Einsatz des Marinekreuzers MS Mainz. Aufgestellt haben es die Nazis 1939, die Stadt lässt es nicht abreißen. Das ist soweit in Kaltland nicht ungewöhnlich, gibt es doch auch in vielen Städten noch Hindenburgstraßen- und Plätze. Doch lässt der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling an dem Denkmal jedes Jahr einen Kranz niederlegen. Ebling, ein Freund deutscher Eroberungskriege und Unterstützer des Nazi-Denkmals? Der Antimilitarist Hans hat das fragwürdige Gedenken die letzten Jahre wiederholt sabotiert, den Oberbürgermeister informiert und versucht, Öffentlichkeit zu schaffen. Wir haben Hans im Kunstverein Eisenturm getroffen und zu seiner diesjährigen Aktion interviewt.

Zwischenzeit: Wir treffen uns hier in einer Ausstellung über Flucht und Heimatlosigkeit. Was hat das mit deiner Aktion zu tun?

Hans: Kriege produzieren Tote, Vertriebene und Geflüchtete. Die Akteure machen ganze Landstriche unbewohnbar und unbegehbar, darum geht es hier. Auch wenn es viele Menschen in Europa nur noch indirekt zu betreffen scheint, ist das Thema aktuell. Es gibt eine historische Kontinuität zwischen den Weltkriegen und aktuellen Kriegen, zwischen dem Sterben in Europa und dem an den Außengrenzen, zwischen historischen und aktuellem Nationalismus, dem damaligen Kolonialismus und der postkolonialen Abschottungspolitik der Gegenwart. Viele stellen sich genauso blind und taub gegen die Situation von Geflüchteten in Europa wie sie vergangene und gegenwärtige Kriegseinsätze ignorieren wollen und beim Heldengedenken oder Waffenexporten wegschauen. All das hängt miteinander zusammen.

Du hast die Kranzniederlegung in den letzten Jahren wiederholt sabotiert und auch die Gründe dafür öffentlich gemacht. Warum hört das Gedenken am Nazi-Denkmal nicht auf?

Einmal ist das sehr stark ritualisiert, da denken die Leute nicht mehr darüber nach. Dann rechtfertigt Herr Ebling die Kranzniederlegung mit einem Gedenken für die Opfer der Weltkriege. Dabei wäre ja gegen ein Totengedenken für die Kriegsopfer überhaupt nichts einzuwenden. Aber wer gedenkt den Opfern der Gegenwart? Außerdem ist das Kriegsmarinedenkmal gar kein Denkmal für die Opfer, sondern eines für die Täter. Der Einsatz auf einem Kriegsschiff wird dort als Vorbild zur „Nacheiferung“ empfohlen. Im Weißbuch der Bundeswehr ist auch jetzt zu lesen, dass die die Armee zum Zwecke der Sicherung von Wirtschaftsinteressen eingesetzt werden kann. Dem gegenüber gibt es eine riesengroße Gleichgültigkeit in den politischen Institutionen und in der Gesellschaft. Kriege werden schlicht als normal oder notwendig akzeptiert.

Auch dieses Jahr hast du die Kranzniederlegung am Kriegsmarinedenkmal sabotiert. Wie bist du vorgegangen?

Einmal habe ich den Kranz aus der Öffentlichkeit entfernt und dem Oberbürgermeister zurückgegeben. Ein anderes Mal hab ich den Kranz mitgenommen und fachgerecht entsorgt. Diesmal habe ich dem Ding die Schleife abgeschnitten. Ich habe begleitend jedes Mal die Presse und Herrn Ebling über die Aktion und die Hintergründe informiert, passiert ist aber nie etwas.

Wurdest du nicht einmal wegen Sachbeschädigung angezeigt?

Nein, es gab wirklich gar keine Reaktion. Der Oberbürgermeister hat mir nicht auf meine Schreiben geantwortet, es gab keine öffentliche Stellungnahme von der Stadtverwaltung und erst recht kein Ende der Kranzniederlungen. Eine Anzeige zu bekommen käme mir sogar entgegen. Ich könnte den Prozess als Bühne nutzen, um das Thema endlich publik zu machen.

Wirst du mit deinen Aktionen weitermachen? Und falls ja: Was können wir nächstes Jahr erwarten?

Mit Sicherheit werde ich auch nächstes Jahr wieder eine Aktion machen. Wie die dann aussieht? Das überlege ich mir, wenn es soweit ist.

Kaspar Skwatten

Über Kaspar Skwatten

Vor etwa einem Jahr tauchte Kaspar Skwatten in Mainz auf: Müde von der Reise beschloss der gelernte Gärtner, der schon viel herumgekommen war, sich auf ein neues Arbeitsfeld einzulassen und fand schnell neue journalistische Freunde. Nun schreibt er für die Zwischenzeit und beschäftigt sich vor allem mit dem Thema Rassismus.

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