Krieg und Revolution in Rojava

Was macht die Revolution in Syrisch-Kurdistan? Michael Thompson | CC BY-NC

Zwischenzeit: Was ist die Bedeutung von deinem Buch „Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan“?

Thomas Schmidinger: Mein Buch ist auf der einen Seite der Versuch einer differenzierten Darstellung der Geschichte und der Gegenwart in Rojava. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch der Versuch, in Europa ein gewisses Verständnis für die Leute zu erzeugen, die als Flüchtlinge aus Rojava kommen.

Wie hast du für dein Buch recherchiert?

Das Buch basiert neben der Literaturrecherche auf mehreren relativ kurzen – aus Sicherheitsgründen – aber intensiven Forschungsaufenthalten in Rojava selbst. Im Kanton Cizîrê und im Kanton Afrin.

Hat sich die Stimmung dort verändert?

Als ich 2013 zum ersten mal in Rojava war, war die Stimmung so, dass die Leute zwar durch eine schwierige Zeit hindurchgingen, dass Mangel an Elektrizität, an Heizmaterialien, an medizinischen Geräten und Medikamenten herrschte, aber dass es als notwendig empfunden wurde. Dass es das alles Wert war, um am Ende des Tages eine Demokratie und Autonomie zu erkämpfen. Demokratie für Syrien und Autonomie für die Kurden. Die Stimmung war optimistisch.

Als ich dann 2014 nochmal hingekommen bin, war davon nichts mehr zu sehen. Da war klar: Jetzt ist Bürgerkrieg. Die Menschen waren den Volksverteidigungseinheiten, den kurdischen Militärs, dankbar, dass sie ihnen die schlimmsten Folgen des Krieges, die Djihadisten zum Beispiel, vom Hals halten. Aber von einer Hoffnung auf ein zukünftiges demokratisches Syrien war außerhalb der Parteifunktionäre nicht mehr viel zu spüren. Natürlich haben die Parteien teilweise immer noch davon geredet, aber die einfachen Leute haben schon 2014 begonnen, mit den Füßen abzustimmen und zu gehen.

Das hat sich 2015 nochmal verstärkt. Der Krieg hatte schon zu lange gedauert und es hat sich zunehmend gezeigt, dass sich innerhalb des Krieges die reaktionärsten Kräfte – das säkularfaschistische Regime einerseits und die djihadistischen Gruppen andererseits – durchzusetzen drohen.

Du sprichst von einer Revolution in Rojava. Wo siehst du die emanzipatorischen Prozesse dort?

Diese Revolution war am Anfang definitiv eine Demokratische. Es war eine Revolution, die sich für ein gemeinsames Syrien aller Syrer_innen – im Gegensatz zum Konzept einer arabischen Republik – ausgesprochen hat. Bei manchen Parteien, zum Beispiel bei der PYD, waren auch soziale und wirtschaftliche Vorstellungen dabei. Wobei diese Vorstellungen in der Revolution von 2011/2012 nicht so zentral waren wie demokratiepolitische Forderungen. Wie diese Demokratie aber genau aussehen sollte, darüber gab es unterschiedlichste Vorstellungen, die of nur wenig ausgearbeitet waren und keine konkreten Pläne für eine zukünftige Verfassung Syriens. Genauso wenig gab es eine Einigkeit darüber ob das zukünftige Syrien föderalistisch oder zentralistisch organisiert sein sollte und ob die Kurdinnen und Kurden dabei eine eigene Autonomie erhalten sollten.

Aus Kreisen kurdischer Aktivist_innen ist oft zu hören, dass die Revolution den Nationalstaat überwinden will.

Die offizielle Linie ist, dass mit dem demokratischen Konföderalismus die Idee des Nationalstaats überwunden werden kann. In der Praxis, wenn man mit einzelnen Aktivist_innen redet, bin ich nicht so sicher, wie sehr sich das innerhalb der Partei durchgesetzt hat. Da gibt es schon noch oft den Traum nach einem kurdischen Nationalstaat, der weit verbreitet ist. Zumindest wird über Alternativen nachgedacht, sie werden diskutiert. Das funktioniert relativ pragmatisch.

Es gibt Zusammenarbeit mit der Freien Syrischen Armee gegen die Djihadisten. Auch nicht-kurdische Minderheiten, Araber und Assyrer, werden in das politische System eingebunden. Gleichzeitig ist dieses Überwinden des Nationalstaats noch relativ diffus. Es ist noch nicht so ganz klar, was an die Stelle des Nationalstaats treten soll. Das Verlagern von politischer Macht auf lokale Strukturen, eine gewisse Föderalisierung des nahen Ostens, könnte schon in eine Richtung weisen, wie man die Konflikte etwas entschärfen könnte.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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