Kulturschock am Zollhafen

Zollhafen Mainz Betreten verboten

Betreten verboten! Der Zollhafen wird ungemütlicher. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Viele kennen ihn, und manch eine_r hat bei ihm schon den einen oder anderen schönen Abend verbracht: Es geht hier um den Mainzer Zollhafen. Das Hafengelände am Rande der Mainzer Neustadt ist einer der letzten Plätze in Mainz, an denen öffentliche Kultur und Musik ohne Eintritt genossen und geschaffen werden kann. Ein Ort, an denen Menschen unter freiem Himmel zusammenkommen, um den Sonnenuntergang zu genießen, zu grillen oder einfach nur unter Menschen zu kommen. Und ein Ort, der bald nicht mehr für alle nutzbar sein wird.

Denn schon seit einiger Zeit plant die Stadt, dort ein luxuriöses Quartier mit über 100 „exklusiven Eigentumswohnungen“ zu errichten, wie ein großes Plakat am Zollhafen wirbt. Am Bauzaun davor ein unübersehbares Schild: „Hafengebiet Privat!. Betreten verboten!“ Um ihre Eigentumsinteressen und die ihrer Investoren durchzusetzen, soll ab dem Sommer nun ein Sicherheitsdienst die bisherigen Nutzer_innen des Geländes gängeln. Der Grund sind angebliche Sicherheitsbedenken, wie sich der Pressesprecher der Zollhafen Mainz GmbH, Peter Zantopp-Goldmann, in einer Mainzer Lokalzeitung vernehmen lässt.

Die Menschen vor Ort sind mit dem Einsatz des Sicherheitsdienstes nicht einverstanden. „Ich finde das gar nicht toll“, kommentiert Tobi (35), Softwareentwickler, die Entscheidung, das Gelände durch Securities bewachen zu lassen. „Ich will mich hier doch nur nen bisschen entspannen und den Sonnenuntergang genießen. Eine Gefahr bin ich sicher nicht.“ So sehen dass auch viele andere Nutzer_innen des Zollhafens, die die Entscheidung mit Unverständnis und Widerspruch aufnehmen. Einige, mit denen ich hier spreche, treffen sich hier in den wärmeren Jahreszeiten regelmäßig zum gemeinsamen musizieren.

Ort des gemeinsamen Musizierens und Treffpunkt für alle

So zum Beispiel Bijan (53). Der derzeit Erwerbslose ist fast täglich am Zollhafen unterwegs, um Bekannte zu treffen, Musik zu machen, den Abend zu genießen. „Schade, dass das alles verloren gehen wird. Warum bauen die hier eigentlich keinen Park hin?“ Der würde doch neben die Kunsthalle viel besser passen als Wohnhäuser und dem Status des Zollhafens als Ort öffentlicher Kultur und Lebens eher gerecht werden. Stattdessen wird der Anteil an Grünflächen auf dem Gelände zukünftig nicht wesentlich größer sein als jetzt.

Auch Dino (37), ebenfalls erwerbslos, kommt fast täglich zum gemeinsamen Treffen und musizieren an den Zollhafen. „Die Menschen, die hierher kommen, werden sich letztendlich durchsetzen gegen die Securities, wenn die Ärger machen.“, hofft er. Hans (73), ist sich da nicht so sicher. Der Rentner, der durch seine Arbeit viel in der Welt herumgekommen ist und sich über Begegnungen mit politischen, jungen Menschen auf dem Hafenareal freut, genießt dort auf seine alten Tage die Stimmung, Musik und gute Gespräche. Doch ist er sich sicher, dass das nun vorbei sein wird, unumkehrbar.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

10 Gedanken zu “Kulturschock am Zollhafen

  1. Britta WernerBritta Werner

    Ich habe mir im Februar 2013 den offengelegten Bebauungsplan des Zollhafengeländes angesehen und ihn mir ausführlich von dem zuständigen Mitarbeiter erläutern lassen. Als Mieterin eines Büros am Nordhafen bin ich sehr daran interessiert, wie sich meine Umgebung gestaltet. Mir wurde glaubhaft versichert, dass der Freiraum am Rheinufer erhalten bleibt und durch die Fußgängerbrücke noch erweitert wird. Wenn jetzt nicht nur gefährliche Bauabschnitte kurzzeitig gesichert werden, sondern das Gelände über einen langen Zeitraum und weiträumig unzugängig gemacht wird, bin ich gespannt, wie die Stadt Mainz dies begründet!

    • Jan ZombikJan Zombik Autor

      Ein Freiraum ist nicht nur eine Fläche, sondern eine Nutzungsmöglichkeit von Raum: Worin die hier besteht, steht ja oben ausführlich. Es mag sein, dass es danach – rein räumlich gesehen – mehr Fläche gibt, nämlich noch zusätzlich die einer Brücke. Dafür geht jedoch auch viel Fläche verloren: Durch die Bebauung des Areals verkleinert sich die freie, respektive freistehende, umbebaute Fläche also unter dem Strich massiv. Dazu kommt, dass die übrige Fläche nicht mehr einfach im Sinne einer freien und kostenlosen Kultur zu nutzen sein: Das bekannte Gemurre reicher Leute, wenn vor ihrem Fenster laut gefeiert und musiziert wird, bedeutet eine faktischen Verlust der Fläche. Und wer außer reichen Leuten fühlt sich schon wohl, von allen Seiten eingezwängt von Luxuswohnungen und Büros? Die Menschen, mit denen ich vor Ort gesprochen habe, sind das alle nicht.

  2. Dennis FirmansyahDennis Firmansyah

    Ich habe gestern mit Leuten geredet, die von der Sicherheitsfirma vom Zollhafen vertrieben wurden. Wir erleben hier Gentrifizierung in Echtzeit: die Verdrängung von Menschen aus ihrer Stadt zugunsten einer Eigentumsordnung, die ungerecht ist.

  3. fosca

    Was für ein grotesker Quatsch. Der Zollhafen, bzw. das Gelände befindet sich in Besitz der Stadtwerke Mainz AG. Es handelt sich entsprechend um Eigentum, mit dem jeder machen kann was er möchte. Bis vor nicht allzu langer Zeit wurde die gesammte Fläche industriell genutzt, einerseits als Containerhafen, andererseits durch Firmen wie Schott, die ehemals, bevor die Gebäude nur noch als Lagerfläche genutzt wurden, Ceran-Produktionsstrassen dort betrieb. Heizöl- und Zementfirmen waren ebenso vor Ort. Zu der Zeit war Grillen oder sonstige Privatvergnügen dort untersagt. Nun schützt sich die Eigentümerorganisation vor Regressansprüchen durch möglich Unfälle auf der Baustelle durch den Einsatz einer Sicherheitsfirma. Über die Art der geplanten Bebauung kann man selbstverständlich verschiedener Meinung sein. Wenige werden sich die Mieten dort leisten können, wie im Übrigen im kompletten Rest der Mainzer Innenstadt oder Winterhafen. Trotzdem wird das ehemalige Industriegelände zur Stadt geöffnet, der lange Zaun verschwindet. Das restliche Rheinufer steht weiterhin zu geselligem Beisammensein, auch unter dissonantem Geschrammel, der Allgemeinheit offen. Grillen ist am Rheinufer am Winterhafen noch geduldet. Wenn man sich die Sauerei betrachtet die dort regelmäßig hinterlassen wird, fragt sich allerdings wie lange noch. Ihr könntet mal gegen Einweggrills Sturm laufen, Oder gegen die Deppen die damit die Rasenflächen zerstören. Aluminium läßt sich nämlich nur dort wirtschaftlich produzieren wo Energiekosten niedrig sind. Oder anders gesagt, wo Großindustrie zur Herstellung ihrer ach so Arbeitsplatz erhaltenden Produkte von der EEG-Umlage befreit ist. Denkt mal drüber nach.
    Wie wollt Ihr denn die geplante Druckversion Eurer ZWISCHENZEIT finanzieren? Mit einem Verkaufspreis wird das nix.

    • Jan ZombikJan Zombik Autor

      Angesichts der gesellschaftlichen Realität mag es grotesk erscheinen, das goldene Kalb des Eigentums praktisch handelnd in Frage zu stellen. Manche wagen den Versuch dennoch. Die Frage nach der Umweltbelastung durch Aluminium ist dadurch freilich unberührt. Schreib doch einen Artikel darüber, wenn dich das Thema bewegt; wir veröffentlichen gerne auch Gastbeiträge, wenn sie sich mit unseren Selbstverständnis vereinbaren lassen.

    • K

      ich verstehe hier etwas nicht. Die Stadtwerke Mainz AG ist 100% in kommunaler Hand. Das heißt für mich, die Eigentum ist nicht privat zu verstehen sondern kollektiv. Als Neustadt Bewohnerin gehöre ich zu den Eigentümerinnen. Ich habe die AmpelParteien nicht gebraucht um mir den Zollhafen schmackhaft zu machen, gehe seit Jahren hin zum spazieren, wie viele anderen auch. Um mögliche regress Ansprüche bei eventueller Verminderung unserer physische Integrität hatte sich bis jetzt keiner gekümmert. Der Sicherheitsmensch dort soll verhindern, dass diese Raum weiterhin von Bürgerinnen kosten- und kontrolllos benutzt werden kann.
      Hier wird entscheidend die Mainzer Neustadt verändert von oben herab. 10% der Wohnfläche ist für soziale Schwäche gedacht (damit sind Studenten und Rentner gemeint laut verschiedene Berichterstattungen…), den Rest geht direkt an Superverdiener.
      Weiß jemandem wie viel das alles in die Mainzer Kasse einbringt oder wird uns diese modernste Stadtquartier auch noch Geld kosten?
      Man wird langsam aber sicher nirgends mehr den Blick schweifen lassen in der Neustadt, überall nur Gebäude und AUTOS!
      Wollen wir hier nichts ändern und wenn ja, wie? Mir gefällt diese urbane Wildnis am Zollhafen zu sehr und mag diese Bau- und Asphaltierumswut nicht.

  4. Runkel Gisela

    Hy, Fosca, vielleicht könntest Du das ganze ja mal in einer der nächsten Stadtratssitzungen ja als Frage an OB Ebling stellen. Ich denke mir, dass man das Problem mit dem Muüll auch ganz einfach lösen könnte, indem ausreichend Müllbehälter auf gestellt werden. Ich weiß nämlich aus ziemlich sicherer Quelle dass die Müllbehälter oft nicht ausreichen.

    • Struppi

      Weniger Müll durch mehr Müllbehälter?
      Ich glaube das wurde bereits wiederlegt. Viele Städte bauen Mülleimer ab, da dadurch die Menschen eher ihren Müll wieder mitnehmen, statt ihn in der Öffentlichkeit zu verteilen. Wobei Mainz aber tatsächlich das gegenteil macht, gerade am Winterhafen wurde eine Reihe zusätzlicher Behälter aufgestellt.
      Aber letztlich ist das hier eine Strohmanndiskusion, es geht ja um die Bebauung des Zollhafens.

      Ein Artikel über die Entwicklung und die Konsequenzen am Rhein wäre vielleicht wirklich interessant?
      Wer hier schon länger wohnt, wundert sich auch über die explosionsartige Zunahme der Menschen, die ihre Zeit am Rhein verbringen. Gerade auf der Mainzer Seite war das früher unüblich.
      Meine Eindruck ist, dass das seit 2003 – dem „Jahrhundertsommer“ – angefangen hat. Davor hat niemand am Rhein gegrillt.

  5. Runkel Gisela

    und noch was Fosaca, das ist leider ein politisches Problem, und zwar der Zollhafen ist eigentlich Hochwasserschutzgebiet und wenn dort Luxuswohnungen gebaut werden, kann es einfach nicht angehen, wenn das Gelände und die Häuser dort teilweise überflutet werden, dass der normale kleine Steuerzahler dort für die Schäden in diesen Luxuswohnungen aufkommt, so ist das nämlich leider geplant. Ich wohne selber nur ca 100 Meter vom Wasser weg und weiß von was ich rede. Nur, ich sage mir, das Hochwasser kommt und es geht auch wieder. Ich habe es im laufe meines Lebens gelernt, mit dem Wasser zu leben.

  6. Struppi

    Da ich den Zollhafen seit ich in Mainz lebe, als „öffentlichen“ Raum erlebt habe und oft dort zwischen Schrott und Container (die kamen erst später ab mitte der 90’er) am Rhein gesessen habe, ist die Entwicklung spannend. Vorher gab es diesen Raum dort eigentlich nicht, er ist erst entstanden, nachdem die Nutzung beendet wurde.
    Soweit ich das in Erinnerung habe konnte man die Südseite eigentlich gar nicht betreten, da dort auch die Wasserschutzpolizei ihr Auge drauf hatte. Auf der Nordmole war lange Zeit (vor den Containern) eine Brache, die kaum beaufsichtigt wurde, daher betretbar war, trotz Verbotsschilder.

    Das nun viele die Situation nach der Nutzung erlebt, enstand der Eindruck, dass der Zollhafen mal ein öffentlicher Raum war. Das war er aber lediglich ein paar Jahre. Daher sehe ich die Entwicklung auch positiv, wenn das Ufer als öffentlicher Raum erhalten bleibt.

    Wobei die Art der Bebbauung auf der restlichen Fläche natürlich die andere Seite ist. Nachdem am Winterhafen zu beobachten ist, wie das abläuft, läuft’s einem schon kalt den Rücken runter. Aber auf der anderen Seite, scheint eben genau diese Hochwasserschutzgebiet ein Problem, da es das bauen teuerer macht – aber ein Park wäre mir persönlich auch lieber gewesen. Zumal durch die Verlegung des Containerhafens, dort viel Freiraum tasächlich flöten gegangen ist. Der Zugang hinter der Kaiserbrücke wurde komplett gesperrt, dort gab es früher auch lauschige Ecken.

    Was mich ein wenig stört ist das im Artikel es so dargestellt wird, als ob von vorneherein mit einer Verschlechterung der Situation durch Anwohner gerechnet werden muss. Und auf der anderen Seite sind auch die „bisherigen“ Anwohner am Ufer nicht immer erfreut gewesen, über die Menschenmassen am Rhein.

    Alles in allem sehe ich die Bebauung des Zollhafens optimistisch.

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