Die „Mainzer Schule“ macht Schule

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Die Uni Mainz im düsteren Zeichen der Rassenkunde. Patrick Nisch | CC BY-SA

Die Mainzer Universität wurde kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs neu gegründet. In dieser Zeit fällt die Hochschulleitung wichtige Entscheidungen darüber, wer an der Uni lehren soll. So finden eine Handvoll Emigrant_innen eine Anstellung, die das NS-Regime zuvor ins Exil getrieben hatte. Auch einige von den Nazis entlassene und versetzte Professor_innen erringen Stellen. Eine große Mehrheit aller neu Berufenen aber wird von anderen deutschen Universitäten abgeworben, wo sie mit den Nazis kollaboriert hatten – und sorgen so für eine Kontinuität mit der Lehre unter dem NS-Regime.

Unter den achtzehn Hochschullehrer_innen, die von der Universität Breslau nach Mainz gelangen, befinden sich auch Egon Freiherr von Eickstedt und Ilse Schwidetzky. Die beiden Wissenschaftler_innen sind nicht unbekannt: In der NS-Zeit kooperierten sie mit den Nazis und rechtfertigten ihre Politik. So gehören zu ihren Errungenschaften eine Rassendiagnoseformel oder die sogenannte Schlesien-Studie. Diese half den Nazis, ihre mörderische Lebensraumpolitik zu rechtfertigen. In Mainz übernimmt Eickstedt 1946 die Leitung des Anthropologischen Instituts. Er führt es bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1961. Ihm folgt Schwidetzky, bis sie selbst 1975 emeritiert wird.

Schwidetzky und Eickstedt rehabilitieren die Anthropologie

Eifrig machen sich die beiden daran, die biologische Anthropologie zu rehabilitieren: Wissenschaftliche Publikationsorgane und wissenschaftlicher Nachwuchs werden aufgestellt. Die Zeitschrift für Rassenkunde wird in Homo – Zeitschrift für vergleichende Forschung am Menschen umbenannt und weiter betrieben. Sie dient der Breslau-Mainz-Connection bis heute als Verbreitungsplattform. Lehrbücher über die Geschichte der Anthropologie deuten sie als eindeutige Fortsetzung des Vorgängerprojektes aus der NS-Zeit. Auch der Nazi Hans Friedrich Karl Günther spendet kurz nach dem Krieg Buchbestände an das Mainzer Institut für Anthropologie. Noch heute finden sich in der Bibliothek Werke wie Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes (1934), Rassenkunde des jüdischen Volkes (1931), Herkunft und Rassengeschichte der Germanen (1937) oder Führeradel und Sippenpflege (1936).

Während sich die internationale Anthropologie schon 1949 vom Rassenbegriff verabschiedet, ist Schwidetzky weiter erpicht darauf, Rassen zu klassifizieren. „Das Untertauchen der Rassenkunde in Bevölkerungsuntersuchungen ist gut an den anthropologischen Landeserhebungen, die von der Breslauer, später Mainzer Schule (…) durchgeführt wurden“ ersichtlich, so Schwidetzky. In den späten 50er und in den 60er Jahren will sie weitere Studien in der Tradition der Schlesien-Studie durchführen: In Westfalen mobilisiert sie alte Bekannte aus der Weimarer- und der NS-Zeit und führt eine 1931 begonnene Studie fort. In Rheinland-Pfalz macht sie unter anderem einen „fälischen“ und „rheinischen“ Typus aus. Sie bedauert, ihre Forschungen nur an Kindern durchführen zu können, für die Forschung an Erwachsenen bräuchte es eine autoritärere Regierung.

Die Debatte in den 80ern und 90ern

Der schlechte Ruf des Faches fällt in den 70er Jahren auch den Fachgesellschaften auf, die ausgerechnet Schwidetzky anweisen, eine Image-Umfrage durchzuführen. Währenddessen soll der wissenschaftliche Nachwuchs sicherstellen, dass die Mainzer Tradition fortlebt. Rainer Knußmann lehrt bis in die 90er Jahre Rassengeschichte. Wolfram Bernhard, der Schwidetzky in der Leitung des Instituts ablöst, gibt heute Die Rassengeschichte der Menschheit heraus und der Neurechte Andreas Vonderach, Schüler Schwidetzkys, kann sich auf eine vermeintlich objektive und wertfreie Wissenschaft berufen.

Auf die Initiative der AG gegen Rassenkunde in Hamburg startet in den 80ern und 90ern eine Debatte über die rassistische Wissenschaft, die Rainer Knußmann an der dortigen Uni betreibt. Die AG besetzt Unigebäude, Ringvorlesungen werden organisiert, das Institut umbenannt, die Studierendenschaft, der Lehrkörper und die Unileitung werden informiert. In Mainz erscheint dank engagierter Unipress-Redakteur_innen das Buch Elemente einer anderen Universitätsgeschichte, das die Vergangenheit und Gegenwart der Uni Mainz kritisch beleuchtet.

Offenbar keine Aufarbeitung in Mainz

Dennoch: Institutionelle oder personelle Konsequenzen scheint es bisher keine gegeben zu haben. Wolfram Bernhard und Rainer Knußmann trauern 1997 um die verstorbene Schwidetzky, loben ihre Forschung in höchsten Tönen und beschönigen ihre Geschichte. Die Anthropologin sei gar ein Opfer der NS-Politik gewesen. „Der Krieg war auch für sie ein scharfer Einschnitt. Sie verlor ihren Mann, und mit ihren drei kleinen Kindern floh sie nach Westen“. Außerdem verbrämt Schwidetzkys wissenschaftlicher Nachwuchs ihre Rassenkunde als naturwissenschaftliche Leistung, die sie mit unermüdlicher Tatkraft vorangetrieben habe.

Ein Blick in die Veröffentlichungen der Mainzer Professoren Henke, Alt und Zischler zeigt, dass sie weiter rege in der Homo publizieren. 2013 richten das Land Rheinland-Pfalz und das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim ein neues Forschungszentrum für das anthropologische Institut ein. Zu diesem Anlass feiert Unipräsident Krausch die internationale Beachtung der hiesigen anthropologischen Forschung. Institutsdirektor Zischler preist die Wirtschaftsnähe des Institus und täuscht gegenüber der Presse eine aufgearbeitete Vergangenheit vor: Die Rassenkunde und die pseudowissenschaftliche Kategorisierung von Menschen sei ein unhaltbarer Fehler gewesen.

Auf unsere Fragen, welchen Umgang das Institut heute mit seiner braunen Geschichte pflegt und welche Konsequenzen auf die Debatten folgen, hat die Institutsleitung bis jetzt nicht geantwortet. Auch die Fachschaft äußert sich uns gegenüber nicht. Wird es eine Aufarbeitung geben und werden dabei die berücksichtigt, die dem NS-Regime Widerstand geleistet haben? Klaus Pohl von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Mainz Bingen (VVN-BdA): „Die Wissenschaft trägt eine große Verantwortung an der Durchsetzung des Faschismus in Deutschland“. Die Wissenschafter_innen müssten alles tun, um den Rückfall in die Barbarei zu verhindern und klar für eine menschliche Wissenschaft einstehen. Die Debatte der 80er und 90er hat gezeigt: Die Lebenswissenschaften mit ihrem vermeintlich wertfreien Ansatz sind nicht in der Lage, die Reflektion über ihre gesellschaftlichen Randbedingungen zu leisten.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

2 Gedanken zu “Die „Mainzer Schule“ macht Schule

  1. T. Wiesner

    Als ich noch studierte, hingen im Dekanat der Biologie (Gresemundweg 2) die Bilder der ehemaligen Institutsangehörigen immer an der Wand rum. Unter anderen auch ein Bild von der „großen“ Anthropologin Schwidetzky.

    Es wurde damals gemunkelt, dass das Bild von Schwidetzky häufiger ersetzt werden musste. Es ist nämlich wohl mehrfach „abgehängt“ (= geklaut) worden. Und das nicht von Schwidetzky-Fans!

  2. Dennis FirmansyahDennis Firmansyah Autor

    In Hamburg haben die Studis Knußmanns Institut in sowas wie „Institut für Rassenkunde“ umbenannt. Das Abhängen gefällt mir aber auch gut :-). Hihi, danke für die Info.

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