Der Mob greift an! Oder?

Im Vordergrund eine Leuchtfackel, Rauch, und Bäume, durch die das Sonnenlicht scheint. Im Hintergrund hinter einem Geländer auf einer tiefergelegenen Straße mehrere im Rauch verschwindende Wasserwerfer und andere Polizeifahrzeuge. Am linken Bildrand in der Distanz zwei Menschen.

Aufstand als Spektakel? Ein Bild von den G20-Protesten. Montecruz Foto | CC BY-SA

Wisst ihr, wo Schorndorf liegt? Ich auch nicht. Bis heute Morgen. Denn als ich die Allgemeine Zeitung aufschlug, lachte mich eine kleine Randnotiz an: „Übergriffe auf Stadtfest“. Aha. Warum berichtet eine Mainzer Zeitung über ein Volksfest in der Provinz bei Stuttgart? Ich war verwundert und schlug die nächste Seite auf. Auf dem jährlichen Volksfest „Schorndorfer Woche“ kam es am Samstagabend zu kleineren Randalen, außerdem zeigten drei betroffene Frauen sexuelle Übergriffe an. Einige Flaschen flogen auf Polizist*innen und Feiernde, eine Person widersetzte sich ihrer Festnahme.

Im Normalfall hätte dies nicht sehr viel Beachtung gefunden. Sexuelle Übergriffe oder andere Gewalttätigkeiten sind auf Volksfesten, wo Alkohol in Strömen fließt, leider keine Neuigkeit. Doch zwei der drei betroffenen Frauen gaben an, die Übergriffe seien von Asylbewerbern ausgegangen. Und die Riots von Hamburg liegen gerade eine Woche zurück.Deshalb hat Reinhard Breidenbach, Politikredakteur und Kolumnist der AZ, einen Kommentar geschrieben. Breit strahlte mir daneben sein Gesicht entgegen. Die Menge an Fehlinformationen und die Skandalisierung in dem Artikel sind bezeichnend für ein autoritäres gesellschaftliches Klima, das von Angst und Kontrollwahn beherrscht ist.

Skandal oder nur Skandalisierung?

Breidenbach schreibt zum Beispiel: „In Schorndorf herrschte kein Ausnahmezustand, aber die – relative – Eskalation an dem eher beschaulichen Ort deutet darauf hin, dass G20 wie ein Jungbrunnen auf Kriminelle und andere Chaoten gewirkt haben könnte.“ Warum zieht Breidenbach auf abstrusen Wegen eine Verbindung zwischen den Krawallen in Hamburg und einigen Randalierern in der Provinz?

Darüber hinaus wirft er Leute, die „Bullen“ rufen, in einen Topf mit Leuten, die die Polizei angeblich mit Brandsätzen angegriffen hätten. Die Einsatzleitung der Hamburger Polizei begründet ihr Vorgehen im Schanzenviertel unter anderem mit angeblichen Würfen von Molotow-Cocktails. Viele Medien verbreiteten die Meldung zunächst ungeprüft. Später kamen mehrfach Zweifel an dieser Darstellung auf. Es könnte sich bei den Brandsätzen schlicht um Böller oder Leuchtfackeln gehandelt haben. Ebenfalls machte die Phrase der “bürgerkriegsähnlichen Zustände” schnell die Runde. Als einer, der vor Ort gewesen ist, halte ich diese Bezeichnung für grob übertrieben.

Das Spektakel entpuppt sich als Marktschreierei

Vielerorts wurden die Riots als Spektakel inszeniert. Brennende Autos, grapschende Flüchtlinge und gewalttätige Jugendliche verkaufen sich gut in Zeiten sinkender Printauflagen. In der AZ stand gar, dass sich in Schorndorf rund 1000 aggressive Jugendliche versammelt hätte. Auf einer Pressekonferenz teilte Polizeipräsident Eisele hingegen mit, nur einige wenige der Versammelten hätten sich auffällig verhalten. Die spektakuläre Berichterstattung entpuppt sich als Marktschreierei. Dennoch wirkt sie wie Wasser auf den Mühlen der Rassist*innen, Konservativen und Leuger*innen von Polizeigewalt.

Auch Breidenbach will die Polizei nicht als Teil des Problems sehen. Die maßlose und entfesselte Gewalt der Polizist*innen in Hamburg hat es für ihn nie gegeben. Jutta Ditfurth, die dieses Problem öffentlich ansprach, bezeichnet Breidenbach abwertend als Alt-Revoluzzerin. Die von ihm geforderte demokratische Diskussionskultur tritt Breidenbach mit seiner Polemik selbst mit Füßen.

All das ist reichlich Futter für Reaktionäre und Konservative, die nun zusammen rufen: „Wir haben es immer gewusst!“ Schorndorf sehen sie als Bestätigung ihrer Ansichten. Wir müssen anfangen, kritischer mit den Aussagen der Medien umzugehen. Wir sollten versuchen, besonnener an konfliktbeladene Situationen heranzugehen. Alles andere führt in meinen Augen zu einer weiteren Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft.

Hagen Gersie

Über Hagen Gersie

Hagen Gersie studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim (naja, ab Oktober dann). Politisches Alltagsgeschehen, Medien und die Schnittstelle zwischen den beiden sind seine Themen. Er engagiert sich nebenbei noch als Aktivist, vor allem zum Thema Demokratie. Darüber hinaus ist er literatur- und filmbegeistert und schreibt so viel und oft wie möglich.

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