Die Moral der Banken

Leere Hotelruine an einem spanischen Strand.

Wer profitiert hier eigentlich? Szene aus "Let's make money". Allegro Film | ©

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Abendschule Ware – Mensch – Kapital“ zeigte das Weltkulturen-Museum Frankfurt in der Veranstaltung „Die Moral der Banken. Ethische Probleme auf den Finanzmärkten“ den Film „Let’s make money“ von Erwin Wagenhöfer. Dazu geladen war der Frankfurter Soziologe Prof. Dr. Sighard Neckel von der Johann Wolfgang Goethe-Universität.

„Let’s make money“ erscheint 2008 – zwei Monate nach Beginn der Weltwirtschaftskrise durch den Zusammenbruch der Investmentbank Lehmann Brothers. Der Dokumentarfilm spürt den globalen Geldströmen im Zeitalter des Neoliberalismus nach. Einzelne Abschnitte beleuchten beispielsweise moderne Arbeitsverhältnisse, die historische Entkoppelung von Geld und Goldstandard oder die Folgen des Verkaufs der „Wiener Linien“, der Straßenbahn der österreichischen Hauptstadt.

Klare Bilder ohne dramatisierende Effekte

Der Regisseur Erwin Wagenhofer setzt auf die Macht seiner Bilder. Mit scharfen Kontrasten aber ohne viele Worte zeigt er die Widersprüche und Fehlentwicklungen des heutigen Wirtschaftssystems. Beide Seiten – Gewinner und Verlierer, Insider und Aussteiger – erzählen aus der Ich-Perspektive, mit Klarnamen und ohne verpixelte Gesichter. Nur schwer zu ertragende Szenen kommen ohne dramatische Musik oder einen Kommentar aus: Ein Steinbruch in Ghana – unter dem gleißend weißen Licht der Mittagssonne arbeiten schweigend Männer, Frauen und Kinder mit bloßen Händen im Staub.

Wagenhofer wendet einen weiteren Kunstgriff an und verzichtet auf explizite Wertungen: Der Bauherr an der spanischen Costa del Sol erklärt, dass die im Hintergrund sichtbare Hotelanlage gut für die Menschen, das Meer und das nahe gelegene Naturschutzgebiet sei. Dabei wirkt er weder unsympathisch noch skrupellos. Doch als die Kamera langsam in die Totale gleitet, wird ein gigantischer unverputzter Betonkoloss sichtbar. Mitten im Nirgendwo ragt dieser aus den küstennahen Hügeln über den Strand bis fast in die Wellen des Mittelmeers hinein.

In weißer Schrift lesen wir dazu: Die Baulizenz wurde wegen Verletzung von Bauauflagen und Umweltstandards entzogen. Die Kosten für Entschädigungen und Entsorgung der Bausubstanz trägt der spanische Staat. Hier blitzt der rote Faden des Films auf und schließlich doch Wagenhofers Wertung. Er stellt sich dem auf die Gewinnsteigerung von Investoren ausgerichteten Handeln Einzelner entschieden entgegen, denn dieses beeinträchtigt die soziale wie natürliche Umwelt Vieler.

Der globale Süden als billige Masse von Arbeitskräften

Mit diesem Fazit beginnt die anschließende Diskussion am Abend. Sighard Neckel zufolge bedeute der Neoliberalismus nicht nur wirtschaftliche Wertschöpfung im Sinne von ökonomischen Gewinnen ohne gesellschaftlichen Nutzen. Er bezeichnet ihn sogar als Schadensökonomie – individueller Nutzen kommt von kollektivem Schaden. Im Unterschied zum Kapitalismus des 20. Jahrhundert braucht der heutige Finanzkapitalismus in seiner krassesten Form gar keine Arbeitskräfte mehr, die ihn tragen. Wenn der Arbeiter nicht spurt, kann auf dem globalisierten Markt Kapital schließlich jederzeit abgezogen und verlagert werden. So kann die Wirtschaft wachsen, ohne dass dies der Wohlstand der Gesamtgesellschaft tut.

Kritik wird vor allem an der einseitigen Darstellung des Films laut. In Indien beispielsweise haben tatsächlich Teile der Bevölkerung vom Wachstum der letzten Jahre profitiert. Allerdings driften Gesellschaften weltweit im Innern auseinander. Die Dokumentation verdeutlicht, dass kein Bedarf der Akteure des Marktes an einer starken, stabilen Mittelschicht in den Ländern des Südens besteht. Sie stellen nur die Massen an billigen Arbeitskräften bereit, die die Rohstoffe für den Export fördern. Jegliche Wertschöpfung durch Verarbeitung und Verkauf findet dann bereits an einem anderen Ort statt.

Und sind wir machtlos angesichts der global vernetzten, hochtechnisierten Akteure und Geldströme? Neckel verweist hier unter anderem auf die (Teil-)Privatisierung gemeinschaftlicher Güter, bei denen wir eingreifen könnten. Schließlich werden Verkäufe wie die der Wiener Straßenbahnen immer durch gewählte Volksvertreter_innen bestätigt. Bevor der Soziologe uns in die eiskalte Fankfurter Nacht entlässt – bewegt, nachdenklich, wütend – erntet er mit seinem Handlungsvorschlag noch fatalistisches Lachseufzen im Publikum: Gehen Sie zum Abgeordneten Ihres Vertrauens und sprechen Sie mit ihm!

Jasmina Kapelka

Über Jasmina Kapelka

Jasmina wundert sich dank ihres Soziologiestudiums etwas weniger über alles. Nichtsdestotrotz wundert sie sich immer noch die meiste Zeit. Manchmal schreibt sie darüber. Wenn die Wohnungsmiete mal zu teuer sein wird, will sie in der Stadtbibliothek einziehen und im Gang "Gesellschaftstheorie" schlafen. Sollte da schon besetzt sein, ginge auch "Schöne Literatur".

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