Erich Mühsam – Dichter und Anarchist

Wer in Dichtung und Prosa außer der Reihe tanzt, wessen Sinnesart sich nicht von einer nicht mehr wirklichen Vergangenheit trennen kann oder zu weit in eine noch nicht wirkliche Zukunft vorauseilt, muß sich gefallen lassen, dass er unter dem Huf einer auf ihren unerbittlichen Mechanismus sehr stolzen Gegenwart zertrampelt wird – E. Mühsam, 1931″

Am 10. Juli 94 jährt sich zum 60. Mal Erich Mühsams Todestag. In der Nacht vom 9. auf den 10.Juli 1934 wurde der anarchistische Literat und Kriegsgegner Mühsam im Konzentrationslager Oranienburg auf grausame Weise ermordert. Die Nazis sahen in ihm den Prototyp des kommunistischen Juden. Nach dem Reichstagsbrand war er einer der Ersten, die verhaftet wurden.

Das offizielle Deutschland konnte Erich Mühsam nie ertragen – während der Kaiserzeit steckte ihn die militärische Justiz in ein Internierungslager, ein Standgericht der sozialdemokratischen Regierung verurteilte ihn wegen seiner aktiven Teilnahme an der bayrischen Räterepublik zu 15 Jahren Festungshaft. In der Weimarer Republik wurden seine Bücher kaum gedruckt. Schließlich wurde Mühsam einen Tag nach dem Reichstagsbrand von den Hitlerfaschisten verhaftet und anderthalb Jahre lang in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern gefoltert.

Insgesamt 8 Jahre seines Lebens verbrachte der aktive Anarchist hinter Gittern – aber trotz all dieser staatlichen Eingriffe war er ein Leben lang produktiv, als Literat, Agitator und Versammlungsredner. Seit Mai 1903 stand der als freier Schriftsteller in Berlin lebende Mühsam unter „regelmäßiger Überwachung“. Auch im Ausland, wohin er ausgedehnte Reisen unternahm, wurden im Auftrag der Berliner Behördern Überwachungsberichte über ihn angefertigt.

Die ersten Verhaftungen

In München, wo er sich 1909 niederließ, gründete er die „Gruppe Tat“, deren Ziel die Agitation des sogenannten Lumpenproletariats war. Im Oktober des gleichen Jahres war es dann soweit: Wegen „Geheimbündelei“ wurde Mühsam erstmals verhaftet. Trotz eines Freispruchs folgte danach ein Boykott der bürgerlichen Blätter gegen ihn. War er zuvor ein anerkannter Mitarbeiter renommierter Zeitschriften, wurde er von da an als Jude diskriminiert. Erich Mühsam konnte er nur noch in der „Schaubühne“, der „Zukunft“ und dem „Sozialist“ publizieren und trat die Flucht nach vorn an. Trotz immerwährender Geldnot gründet er 1911 die „KAIN – Zeitschrift für Menschlichkeit“. Mit der Figur des Kain will er das Stigma ausdrücken, das er wegen seines Ausbruchs aus der bürgerlichen Konformität auf sich lasten fühlte.

Trotzdem war Mühsam alles andere als ein knochentrockener, ernster Agitator. In jener Zeit gehörte er zur Schwabinger Boheme. Im Kabarett „Simplizissismus“ trat er als Bänkelsänger auf und begeisterte das Publikum mit seinen Liedern und Satiren. Sehr früh begann er auch mit dem Kampf gegen den Krieg; er machte mehrere Anläufe, eine geschlossene antimilitaristische Bewegung in Deutschland zu sammeln. Zwischen 1914 und 1918 versuchte Mühsam immer wieder, durch direkte politische Aktionen zur revolutionären Beendigung des Krieges aufzurufen.

Wegen Verstoßes gegen das politische Betätigungsverbot und der Weigerung, am „Vaterländischen Hilfsdienst“ teilzunehmen, erhielt er bald sechs Monate Festungshaft. Gerade rechtzeitig zur Teilnahme an der Novemberrevolution 1918 wurde Mühsam wieder entlassen. Am 7. November nahm er an der spektakulären Demonstration der Münchner Arbeiter auf der Theresienwiese teil und verkündete die Absetzung der Monarchie – unabhängig von Kurt Eisner, aber ungefähr gleichzeitig mit ihm.

Erich Mühsam in der Münchner Räterepublik

Am 7. April proklamierten Mühsam und der Anarchist Gustav Landauer die erste – anarchistische – Räterepublik auf deutschem Boden. Das Experiment dauerte eine Woche, dann wurde Mühsam erneut verhaftet. Drei Wochen später war die zweite, kommunistische Räterepublik blutig niedergeschlagen, Gustav Landauer ermordet, und Eugene Leviné, einer der führenden Köpfe der zweiten Republik, wurde hingerichtet.

Dieses Scheitern stellt einen tiefen Einschnitt in Mühsams Leben dar. Auch während der fünfeinhalb Jahre lang andauernden Festungshaft im Anschluss an die Räterepublik, blieb Mühsam literarisch produktiv und kämpfte für Verbesserungen der Haftbedingungen von politischen Gefangenen unter denen auch er stark litt. Ironischerweise springt für Erich Mühsam und seine Genossen nach fünfeinhalb Jahren schließlich eine Begnadigung heraus, da die Obrigkeit den ebenfalls inhaftierten Hitler den Faschisten zurückgeben will.

Nach seiner Amnestierung arbeitete Erich Mühsam aktiv in der Roten Hilfe Deutschlands mit. Vorübergehend näherte er sich sogar der KPD an und geriet damit in Widerspruch zu vielen anarchistischen Gruppierungen. Mühsam hatte nämlich schon früh die Gefahren des sich ausbreitenden Nationalismus erkannt und suchte ein aktives Bündnis aller sogenannten fortschrittlichen Kräfte gegen den Faschismus. Allerdings warnte er nicht nur vor der heraufziehenden Gefahr des Faschismus, sondern erhob auch seine Stimme gegen den Stalinismus, insbesondere gegen die stalinistische Justiz: „Inquisition und Sozialismus sind unvereinbare Dinge“, so Mühsam.

Der Kommunismus als Feind und Alliierter

1927 analysierte er die deutsche Entwicklung so:

Bismarck praktizierte den Obrigkeitsstaat, dessen Machtfundament von der Kommandogewalt des Unteroffiziers über den Rekruten gestützt wurde; Marx kopierte in Partei und Gewerkschaften die Disziplin und den Drill, die Subordination und Schnauzerei des Kasernenstaates und übernahm von der katholischen Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes und die Avancement-Stufenfolge nach dem Grade ergebener Frömmigkeit“

Da er gegen jede Diktatur von rechts und von links kämpfte, geriet er in seinen letzten Lebensjahren immer mehr in eine politische Isolation. Dafür stürzt er sich in die Theaterarbeit (Judas, Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti), nimmt teil an den Tätigkeiten des „Deutschen Arbeiter-Theaterbundes“. Aber seine Stärke lag eindeutig auf dem Gebiet des kritischen Journalismus – seine Kritiken und Essays in seiner 1926 gegründeten Zeitschrift „Fanal. Anarchistische Monatszeitschrift“ gehören zum publizistisch Wichtigsten, das in der Weimarer Zeit geschrieben wurde; sie sind eine Art Anti-Chronik des Endes der Weimarer Republik.

Kampf gegen Zentralismus und Obrigkeit, für Freiheit und Erneuerung sind die Themen dieser Zeitschrift. „Fanal soll ein Organ der sozialen Revolution sein. Es soll helfen, die Revolution vorzubereiten und ihr Richtung, Sinn und Ziel zu geben.“ Als diese Publikation folgerichtig im Juli 1931 vom Berliner Polizeipräsidenten, dem Sozialdemokraten Grzesinski, verboten wurde, brachte Mühsam als Sonderheft die Schrift „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ heraus, eine Zusammenfassung seines anarchistischen Gedankengebäudes, des „kommunistischen Anarchismus“.

Bis zum Ende aktiv

„Ich bin wütend, weil ich nun fünfzig Jahre alt werde, ohne dass es mir gelungen wäre, einen Verleger zu finden. Ich werde an diesem Tage kein Buch auf dem Markt haben! Das kommt, wenn man unerwünschte Ansichten hat …“ schrieb Erich Mühsam 1928 in einem Brief. Er hatte aber nicht nur unerwünschte politische Ansichten, sondern stand auch im Widerspruch zur etablierten Kunstauffassung des Expressionismus. Mühsam wählte für seine Gedichte eine traditionelle Form, weil er vermeiden wollte, daß die Verständlichkeit und Anschaulichkeit des Inhalts litten.

Mit seinen Versen wollte er „die arbeitenden Menschen revolutionieren und nicht die deutsche Grammatik“, antwortete er Oskar Maria Graf, der seine Gedichtsammlung „Brennende Erde. Verse eines Kämpfers“ verrissen hatte. Für ihn war die sinnliche Wahrnehmung der Botschaft, die durch ein Gedicht vermittelt werden sollte, entscheidend. Die Form sollte nicht den Inhalt verschleiern. Die Kunst war für ihn Mittel zum Zweck, Tendenzkunst mit einer politischen Appellfunktion. Er wollte für die gesamte Gesellschaft Bedingungen aufzeigen und vorbereiten, unter denen „jeder Mensch Mitglied eines freien Volkes sein kann. Kunst hilft vorbereiten, was der revolutionäre Mensch ausführen muß.“

Redaktion

Über Redaktion

Das hier ist die Redaktion der Zwischenzeit selbst - unser Account, mit dem wir gemeinsam an der Seite herumbauen, moderieren, kommentieren. Wenn wir mal was gemeinsam zu sagen haben, dann veröffentlichen wir es auch als Redaktion.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.