Kein Nationalstaat ohne Rassismus

Dem deutschen Volke

Die Inschrift des Berliner Reichstages macht deutlich, worum es im Nationalstaat gehen soll. redlun | ©

Am gestrigen Samstag gab es mal wieder einen Anlass für überschwänglichen Lokalpatriotismus unter angelinksten und ‚alternativen‘ Mainzer Bürger*innen. Gegen die Mittagszeit fanden sich etwa 1000 Menschen auf dem Gutenbergplatz vor dem Staatstheater zu einem ‚antirassistischen‘ Flashmob zusammen und trällerten „friedlich“, wie sie nicht müde waren zu betonen, ein Lied „für Toleranz und mehr Menschlichkeit“. Was diese in letzter Zeit häufig verwendete Floskel eigentlich heißen soll, kann mensch sich mit Recht fragen.

Juhu, bürgerliche Moral!

Im besten Fall ist diese Formel ein Plädoyer für gute Manieren und einen paternalistischen Gönner*innen-Gestus. An die zur Leitkultur erklärte bürgerliche Moral solle mensch sich doch zumindest auf individueller Handlungsebene halten, wenn der Staat es bezüglich Asyl- und Migrationspolitik schon nicht macht. Und wenn dann aus der mitleidvollen Barmherzigkeit und der mutigen Abgrenzung vom rechten Mob noch ein wenig Patriotismus generiert werden kann, ist doch alles wunderbar. Oder nicht?

Lieber pathologisieren als analysieren

Was all das schöne Treiben völlig außer Acht lässt – oder vielleicht auch bewusst übersehen will – ist der Zusammenhang zwischen dem bürgerlichen Staat und des vermeintlich erst durch die sogenannte „Flüchtlingskrise“ offenbar gewordenen latenten Rassismus in Schland und darüber hinaus.

Besonders schön verdeutlicht dies die Wahl der Aktionsform der Flashmobster*innen: Fröhlich sangen sie einige Zeilen aus dem nicht nur musikalisch schrecklichen, sondern auch analytisch komplett schwachsinnigen Song „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten. Rechtes, protofaschistisches und rassistisches Gedankengut wird hier als Konsequenz von individueller gesellschaftlicher Verwahrlosung pathologisiert.

Das Problem ist der Nationalstaat

Dieses Deutungsschema verkennt den strukturellen Zusammenhang zwischen der Gesellschaft, in der wir leben, und dem allgegenwärtigen Rassismus. Dieser ist nicht das Ergebnis einer individuellen ‚falschen‘ Erziehung im ‚richtigen‘ System, wie das Lied suggeriert, sondern Ausgeburt einer systematischen und strukturellen rassifizierten Vergesellschaftung, die dem bürgerlichen Nationalstaat inhärent ist. Seine Existenz, auch bei liberalen Demokratien, basiert nicht zuletzt auf der Kultivierung von Nationalismus und damit verbundenen Ein- und Ausgrenzungsmechanismen. Ohne diese kann er nicht existieren, die Identifikation mit der „Nation“ ist grundlegende Voraussetzung für seine innere Befriedung und die Naturalisierung seines Herrschafts- und Gestaltungsanspruchs.

Wahlprogramme wie die der AfD verdeutlichen eindrücklich, dass es mit einem vermeintlichen „Verfassungspatriotismus“ oder der sogenannten „Wertegemeinschaft“ auch nicht weit her ist. Eine „Willkommenskultur für Kinder“, wie sie bisweilen von der AfD gefordert wird, heißt in letzter Konsequenz nichts anderes als die Konstruktion der „Nation“ durch völkische Kategorien und die Forderung nach ihrer „Aufzüchtung“. Nationalismus (ganz egal, wie er offiziell konnotiert sein mag), nimmt immer rassistische und ausgrenzende Formen an.

Wer nicht vom Nationalstaat reden will, soll von der AfD die Klappe halten

Das Problem heißt deshalb nicht primär AfD. Die Partei mag zwar die Gruppierung sein, die gerade am offensten rechtes Gedankengut kanalisiert und salonfähig macht. Doch sie ist keineswegs „systemfremd“. Denn wie eine demokratische Partei das eben so machen soll, bündelt die AfD letztendlich nur Meinungen und Einstellungen, die sowieso gesellschaftlich vorhanden sind. Hätte mensch tatsächlich Mittel, Afd, PEGIDA und Spießgesellen effektiv zu bekämpfen, wäre der gesellschaftliche Rassismus trotzdem nicht überwunden, solange der Nationalstaat weiter als unproblematisch angesehen wird.

Deshalb sollten die 1000 Menschen vom Gutenbergplatz sich vielleicht die Zeit nehmen und sich fragen, was sie eigentlich mit ihrer gestrigen Aktion bezwecken wollten. Steckten dahinter tatsächliche gesellschaftliche Analysen? Oder waren alle einfach nur ein bisschen entsetzt über die Wahlergebnisse der AfD und wollten nun doch zeigen, dass sie aber anderer Meinung sind? Ging es um das Spektakel des Flashmobs? Oder doch nur darum, sich durch die bewusst performte Abgrenzung selbst wieder ein bisschen moralischer und besser zu fühlen?

Vielleicht wäre es an der Zeit, solche sinnentleerte Freizeit- und Spaß-orientierte Symbolpolitik zu überdenken und in die Tonne zu treten. Und sich tatsächlich mit den anti-emanzipatorischen Phänomenen auseinander zu setzen, mit denen mensch sich konfrontiert sieht – zumindest ist das eine Konsequenz, die ich aus den aktuellen Entwicklungen gezogen habe.

 

4 Gedanken zu “Kein Nationalstaat ohne Rassismus

  1. mensch

    Selten so einen total überheblichen Artikel gelesen. Ich empfehle der Autorin ihre Nase etwas tiefer zu tragen…

    • Klara SimoneKlara Simone Autor

      Wie wäre es, wenn ihr euch – statt mit meiner Person – ein wenig mit dem Inhalt auseinandersetzen würdet ;)

  2. mensch 2

    hallo,
    ich teile deine kritik an nationalstaaten und protestformen voll und ganz. dennoch denke ich, dass mensch aktuell über alle froh sein kann, die sich nicht freudig klatschend vor ein brennendes haus stellen. auch halte ich es für notwendig, einen anschlusspunkt für bürgerlich geprägte menschen zu schaffen, um den gesellschaftlichen rechtsruck wenigstens abzumildern. die abschaffung des nationalstaats wird nicht bis morgen geschehen. es ist zwar sehr wichtig, weiter für unsere utopien (und das meine ich nicht negativ konnotiert) zu kämpfen, aber wir müssen auch jetzt dafür sorgen, dass „linkere“ positionen nicht in der masse des braunen matschs untergehen. ohne breitere unterstützung bleibt, meiner ansicht nach, sonst auch der nationalschmodder weiter erhalten.

  3. Struppi

    Ich frage mich wirklich woher die Autorin die sehr steile These hat, dass dieser Flashmob etwas mit „Lokalpatriotismus“ zu tun hätte?
    Diese Behauptung wird im ersten Absatz aufgestellt, ich finde darüber aber nirgendwo einen Beleg oder Hinweis. Wurde Fahnen mit dem Mainzer Rad geschwenkt? Oder ist die Tatsache, dass dies an einem definierten Ort stattfand ein Zeichen für Patroitismus? Oder ist das eine Art Prophezeiung? Muss man für diese These einem „inner circle“ angehören, damit auch ich verstehe womit dieser Patriotismus ausgedrückt wurde.

    Das ein Liedchen, das eindeutig eine Persiflage sein soll, keine ernsthafte soziologische Studie darstellt, ist vermutlich der Autorin nicht bewußt gewesen als sie den Text schrieb. Doch die meisten Menschen verstehen Ironie und erkennen in dem Lied die überzogene Deutung. Also dieses „analytisch schwachsinnige“ ist genau der Punkt in diesem Lied, warum es die Menschen als „lustig“ empfinden, es ist Schwachsinnig, aber mit einem Kern Wahrheit.
    Aber da hat eine Studierte vielleicht andere Massstäbe und erwartet eine Art Doktorarbeit in politisch relevanten Texten. Kann man, muss aber nicht.

    Inwiefern das Liedchen ein „richtiges System“ suggerieren soll ist mir auch nach mehrmaligen Lesen des (Lied-)Texts nicht klar, da der Text auschließlich eine Person (den Nazi) anspricht, ihm aber keinerlei optionen für ein „richtiges Leben“ gibt. Was ist denn das „richtige“ System in dem Lied?

    Naja, und über die Analyse der Auswirkungen und Zusammenhänge des Nationalstaat kann man sicher debatieren, ist aber wenn die Grundlagen schon so mangelhaft sind eher müsig und dürften nicht zielführend sein.

    Was z.b. fehlt ist eine Hintergrundblick darauf, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten der Nationalstaat in Folge von Entwicklungen der EU politisch immer weiter in den Hintergrund getreten ist.
    Was sicher ein weiterer Baustein der aktuellen Entwicklung der Parteienlandschaft ist. Immer mehr Menschen haben den Eindruck, dass eine übermächtige EU „Regierung“ ihnen alle Möglichkeit raubt ihre lokalen Interessen zu verwirklichen.

    Und ja, genau darüber sollten Analysen gemacht werden, dass es Menschen gibt die hier leben und denen seit Jahren gesagt wurde sie müssen sich von ihrer soziale Absicherung verabschieden. Egal ob Gesundheit, Geburt, Bildung, Arbeit, Alter, Tod, Energie, Nahrung oder Wohnung unser ganzes Leben ist einem kapitalistischen vermeintlichen Optimierungssystem unterworfen. Was aber schlußendlich nur die Verschiebung von Kapital vom Lebensnotwendigen in die Taschen einer kleinen Kaste bedeutet. Alle glauben marktwirtschaftliche Optimierungen sind gut und keiner Hinterfragt dieses System. Auch von der Linken Seite sind leider selten Analysen darüber zu finden.

    Ob diese Entwicklung wirklich mit einem neuen Nationalismus aufzuhalten ist (wie viele Menschen wohl glauben, die sich zu der AFD hingezogen fühlen), bezweifle ich auch. Aber eine echte Internationale Alternative ist tatsächlich nirgendwo zu sehen. Und nur dadurch, dass man freundlich zu Menschen aus Krisenregionen ist, hilft den Menschen die dort leben auch nicht. Es kann also primär nicht darum gehen, Menschen die hierher kommen wollen zu helfen, sondern denen die dort bleiben und daran mangelt es. Es ist doch absurd zu glauben die, die hierher fliehen wollen dies. Nein, diese Menschen wollen in ihrer Heimat leben. Genau wie die hier gerne genannte „Kartoffel“ auch.

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