Die neue Rechte und ihre Trumpeter

Thorsten Hindrichs, angeschnitten

Auf Diskriminierungen aufmerksam machen – darauf komme es jetzt an: Thorsten Hindrichs.

Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hinterlässt einen tiefen Schock bei vielen Progressiven. Der weltweite Rechtsruck schreitet ungebremst voran, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, der BRD und dem Rhein-Main Gebiet. In einer Serie von Interviews hören wir uns in der Region um und sprechen mit politisch Aktiven, Publizist*innen und Intellektuellen: Heute mit Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler an der Uni Mainz, freier Autor und Fachreferent für Musik der rechtsradikalen Szene(n).

Zwischenzeit: Die Wahl von Donald Trump ist ein weiteres Moment einer Welle rechtsradikaler Erfolge. Hat dich das schockiert?

Thorsten Hindrichs: Ja und nein. Zunächst war ich natürlich erschrocken, auf den zweiten Blick war ich aber eher enttäuscht, weil eingetreten ist, womit schon zu rechnen war – und wenn sich eine dunkle Vorahnung dann tatsächlich bewahrheitet, bist du halt erst einmal enttäuscht. Mit einem gewissen Sarkasmus ließe sich allerdings auch argumentieren, dass jetzt eben deutlich offengelegt und damit sichtbar ist, was vorher nurmehr Ahnung war. Sexismus, Rassismus und ‚White Supremacy‘-Glauben sind keine Erfindungen ‚der Medien‘, von als ‚political correct‘ gelabelten Menschen oder von fortwährend rassistischer und/oder sexistischer Diskriminierung ausgesetzten Menschen. Diskriminierende Haltungen und Handlungen gibt es, erstens, tatsächlich und sie finden zweitens bei ziemlich vielen Menschen offenbar Zustimmung. Norwood Fisher von Fishbone hat das ganz gut auf den Punkt gebracht in einem ‚offenen Dankesbrief‚ an Trump, in dem er Trump dafür dankt, dass er den rassistischen ‚White Supremacy‘-Schleier gelüftet hat.

Nach den Wahlergebnissen haben in den Vereinigten Staaten viele Demonstrationen stattgefunden, Studierende, Schüler*innen, Black Lives Matter Aktivist*innen und die migrantische Community sind auf den Straßen. Glaubst du, dass die Wahl von Trump auch in der Rhein-Main Region ein Weckruf für progressive Kräfte sein kann?

Ich bin mir nicht sicher, inwiefern die Wahl von Trump so etwas wie ein Weckruf sein kann; ich vermute eher, dass davon erst einmal kein größerer Impuls ausgeht. Dazu sind die gesellschaftspolitischen Konstellationen in den USA und hier wohl zu unterschiedlich, zumal die USA von vielen „progressiven Kräften“, wie Du es nennst, ja auch als weltpolizeilicher und turbokapitalistischer Machtfaktor enorm kritisch bewertet werden.

Das Erstarken der Rechten in Mainz und Wiesbaden lässt sich auch an den Wahlergebnissen vom März ablesen. Die AfD ist im Landtag eingezogen und hat in Wiesbaden 12% geholt. Ist das Erstarken der Rechten auch eine Schwäche progressiver Kräfte?

Spannende Frage, auf die ich für den Moment eigentlich nur mit „ja, auch, aber nicht nur“ antworten kann. ‚Rechte‘ Einstellungen sind in den letzten zwei, drei Jahren ja nicht wirklich stärker geworden, sie sind nur deutlicher sichtbar geworden und werden mehr und mehr öffentlich artikuliert. Der Bielefelder Wissenschaftler Wilhelm Heitmeyer und sein Team haben in ihren „Deutsche Zustände“-Untersuchungen ja schon lange belegt, dass Einstellungen der sogenannten gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit erschreckend weit verbreitet sind. Das wurde nur lange Zeit – mal mehr, mal weniger absichtlich – übersehen; von ziemlich vielen, übrigens, auch von den von dir so genannten „progressiven Kräften“. Was sich also geändert hat, ist die Grenze des ‚Sagbaren‘, also der Artikulation, nicht aber die des ‚Denkbaren‘, der Einstellungen. Das ist ja das, was strukturell hinter der beliebten Wendung „Das wenigstens wird man ja noch sagen dürfen.“ steckt.

In deiner Forschung interessierst du dich für die Rechte und Musik. Welche Rolle spielt Musik für die Neurechte?

In der radikalen Rechten, der NPD, Kameradschaften und so weiter,  spielt Musik nach wie vor eine große Rolle als eine wesentliche Form sozialer Praxis der Gruppenbildung und -stabilisierung. Innerhalb des institutionalisierten Rechtspopulismus hingegen, also bei der AfD, Pegida und Ähnlichem, ist Musik aktuell interessanterweise noch einigermaßen unwichtig. Bei der AfD gibt es so gut wie kein ‚musikalisches Programm‘ und auch bei Pegida scheint mir das im Moment alles noch ziemlich konfus und wenig systematisch. Das ist insofern bemerkenswert, als dass es in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren eigentlich keine politische Bewegung gab, die auf Musik als Faktor sozialer Stabilisierung verzichtet hat. Bislang kann ich mir das nur damit erklären, dass Rechtspopulismus eigentlich über keine einheitliche politische Programmatik oder gar eine geschlossene Ideologie verfügt, sondern eher eine politische Strategie ist. Das heißt nun aber nicht, dass es im Umkehrschluss keine Verbindungen zwischen Rechtspopulismus und Musik gäbe.

Denke nur mal an die Beteiligung der inzwischen wieder RechtsRock-Band Kategorie C bei HoGeSa oder jemanden wie Fler, der seit Jahren auf seiner von ihm proklamierten ’neuen deutschen Welle‘ reitet; oder Andreas Gabalier, der sich immer wieder mal auf die Bühne stellt und verkündet, er würde jetzt mal sagen, wie’s ‚wirklich‘ ist, weil ‚man(n) das ja nicht mehr sagen dürfe‘, er würde es aber tun. Seine derartigen Ansprachen enden dann in einer entsprechenden Endlosschleife. – Oder natürlich Frei.Wild: Die sind in Sachen Rechtspopulismus für mich immer noch das spannendste Beispiel, weil sie mit ihrem völkischen Heimatkonzept einerseits ein klassisch rechtspopulistisches Themenfeld bespielen, sich andererseits klar und deutlich von AfD, Pegida und ‚Fremdenfeindlichkeit‘ (was auch immer das sei) distanzieren. Daraus kann ich erst einmal nur den Schluss ziehen, dass sich Rechtspopulismus in Deutschland doch deutlich heterogener zeigt als es die – dem Rechtspopulismus eigene – Annahme eines ‚homogenen Volkswillens‘ suggeriert.

In Klaus Farins Buch über Frei.Wild kommt der Autor zu dem Schluss, dass Frei.Wild „konservative Antifaschisten“ sind. Bist du damit einverstanden?

Nein, wie auch?! Bei allen Vorbehalten, die ich gegen Klaus Farins ‚Fanbuch‘ habe, wäre es wohl aber auch unfair zu unterstellen, er käme argumentativ zu diesem Schluss. Zumal ich nicht sehe, dass er überhaupt zu einem argumentativen Schluss kommt… „Konservative Antifaschisten“ jedenfalls trifft die Selbstwahrnehmung von Frei.Wild sehr genau, die verstehen sich tatsächlich so. Bei näherer Betrachtung ist es natürlich Unfug, ‚Antifaschismus‘ mit ‚gegen Neonazis sein‘ gleichzusetzen, da ‚Antifaschismus‘ und ‚völkisches Denken‘ einigermaßen inkompatible Konzepte sind und sich von ‚Rassismus‘ zu distanzieren und stattdessen kulturalistisch im Sinne von ‚Rassismus ohne Rassen‘ zu argumentieren, scheint mir auch nicht so wirklich durchdacht. Gleichzeitig sind Frei.Wild nicht das Problem, sondern ein Symptom, an dem ein Problem, in dem Fall völkisches Denken, sichtbar wird; so wie Trump Sexismus und Rassismus ja auch nicht ‚erfunden‘, sondern sichtbar gemacht hat. Auf diskriminierende Haltungen und Handlungen wieder und wieder aufmerksam zu machen, dagegen zu argumentieren und dagegen Position zu beziehen – und gleichzeitig Argumente und Positionen nicht miteinander zu verwechseln -, darauf käme es spätestens jetzt wohl an.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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