Das ist nicht mehr meine Stadt!

Im frühen Morgengrauen wird Anfang November seitens der Stadt Wiesbaden demonstriert: Wir zeigen´s euch jetzt mal – wir roden wann und wo wir wollen. Am Tag nach der Fällgenehmigung wird die gesamte Lesselallee dem Erdboden gleich gemacht. Ganz egal, ob die Bäume gesund oder krank sind, alle 74 Bäume fallen der Kettensäge zum Opfer, denn der Wiesbadener Magistrat plant, eine neue Allee anzulegen.

Die Polizei hat den Zugang zur Maaraue komplett und weiträumig mit einem Zaun abgesperrt. Von dort aus müssen sich die völlig überraschten KostheimerInnen die Zerstörung ihrer über 100 Jahre alten Kastanienbäume hilflos mit ansehen. Damit geht eine monatelange Auseinandersetzung der Bürgerinitiative „Rettet unsere Kastanien“ mit der Stadt zuende. Jeder Kompromissvorschlag wurde ignoriert, ausstehende gerichtliche Entscheidungen torpediert. Außerdem lief noch ein Bürgerbegehren zur Rettung der Allee.

Wut über die Arroganz der Macht

Das obenstehende Video ist nicht geeignet für Natur- und BaumliebhaberInnen. Unmittelbar und schonungslos wird den BetrachterInnen die Zerstörungsmacht von Kettensägen und modernsten Maschinen vor Augen geführt. Dabei aber gehen wir vor dem Absperrzaun der Frage nach, wie die in der Bürgerinitiative Engagierten ihre Niederlage nach Monaten des Kampfes um den Erhalt der Allee verarbeiten.

Wer die Macht hat, hat nicht das Recht! Wie bewerten die KostheimerInnen die von der Stadt behauptete Legitimation für die Rodung? Was sind für sie die stärksten Argumente gegen die Fällung? Die Stadt Wiesbaden hatte immer betont, dass sie um den Erhalt einer Allee bemüht sei und hier Flatterulmen anpflanzen will. Was halten die Menschen vom Versprechen der verantwortlichen PolitikerInnen bezüglich der Neugestaltung der Allee?

Der Videobeitrag will ein wenig zur Verarbeitung der Wut über die Arroganz der Macht beitragen, die sich über den Willen der Bürger hinwegsetzt und mit politischen Tricksereien und Parteienfilz ihre Ziele durchzusetzen. Daher kommen ausschließlich AnwohnerInnen und andere PassantInnen zu Wort.

Willfried Jaspers

Über Willfried Jaspers

Schon seit vielen Jahren erstellt und veröffentlicht Willfried Videos als Quer-TV für Initiativen und Gruppen im linksalternativen Spektrum, um ihnen ein Sprachrohr für ihr Anliegen anzubieten, vorrangig zu lokalen Themen. Bei der Zwischenzeit arbeitet er unter anderem am Ausbau der Videoproduktion und organisiert dazu Workshops.

3 Gedanken zu “Das ist nicht mehr meine Stadt!

  1. Runkel Gisela

    Was ich über den Verursacher dieses Verbrechens an dne Hals wünsche, schreibe ich lieber nicht, ich weiß nur 2 Dinge, Wiesbaden war niemals meine Stadt und Mainz wird ist nicht mehr meine Stadt.

  2. dino

    Mir blutet das Herz, wenn ich diese Bilder sehe, eine Katastrophe für mich, Bäume sind meine Freunde. Wenn ich davon Wind bekommen hätte, wäre ich bei Euch gewesen und hätte mitprotestiert. Auf der anderen Seite bin ich, ehrlich gesagt, froh, nicht dort gewesen zu sein, denn mir kommt gerade ein bestimmtes Poster gegen Gewalt in den Kopf, welches ich mal vor Jahren in einem Stadtbus gesehen habe. Auf diesem Poster stand: „Eine Frau ist gestern von fünf Menschen vergewaltigt worden – vier haben dabei zugesehen. Wer nichts tut, macht mit“.

    Was kann man schon tun in dieser Situation. Die Polizei rufen kann und muss man nicht, die war ja schon da. Wenn man sich entgegenstellt, riskiert man Geldstrafen und Freiheitsentzug. Das ist wirklich traurig und deprimierend. Respekt vor Euch, dass Ihr überhaupt da wart und auf dieses schlimme Übel aufmerksam macht.

    Wie Ihr wisst, bin ich nicht immer Eurer Meinung und ein Fan davon, Themen nicht immer nur gesondert, sondern auch zusammenhängend zu begreifen und darzustellen. Bitte erlaubt mir dies in diesem Kommentar.

    Wieso waren nicht mehr Leute da um zu protestieren (?), frage ich mich. Haben die Leute keine Zeit oder kein Interesse? Wenn ja, warum?
    Ca. 40% aller Bürger arbeiten im Niedriglohnsektor, 30% in der Mittelschicht, 30% Oberschicht (so ungefähr..)
    Unabhängig, ob für Miete oder Eigenheim.. Die Menschen der sogenannten Unter- und Mittelschicht zumindest zahlen 50-70% ihres Einkommens für ein Dach überm Kopf. Deshalb brauchen viele noch einen Zweitjob. So wird Zeit zum Problem. Häuser sind in erster Linie zum Wohnen, nicht zum Geld machen da. Oskar Lafontaine wurde belächelt als er vor ca. zehn Jahren den Mindestlohn forderte. Heute ist er da, wenn auch lachhaft niedrig. Wie wäre es mit einer Vermögenshöchstgrenze? Eine Begrenzung von Wohnraum pro Person/Familie? Eine Begrenzung des Erwerbs von Wohnungen und Häusern zwecks Vermietung über den notwendigen Lebensunterhalt hinaus? Wie definieren wir Vermögen? Wie würden wir dann mit Menschen umgehen, die sich z.B. zehn Häuser innerhalb des kapitalistischen Systems hart erschuftet haben, wenn wir den Besitz auf drei Häuser begrenzen?
    Wenn für Wohnraum nicht mehr so viel Zeit im Sinne von Arbeit aufgewendet werden muss, gibt es mehr Zeit für bewußtes Leben (Bildung, Familie, Landwirtschaft.. und sorry.. auch vernünfiges Konsumieren und Kapitalismus in Maßen, dessen Freund ich bin/wäre)

    Thema Polizei: Habt Ihr die Polizisten/innen nach ihrer privaten Meinung gefragt? Für meine Begriffe müßte ein Gesetz verabschiedet werden, dass jedem Polizisten und Soldaten erlaubt, einen Befehl zu verweigern, wenn er/sie die Ausführung für unethisch/unmoralisch hält und dies schriftlich beim Vorgesetzten begründet. Eine Kommision könnte dann entscheiden, ob dem Einspruch stattgegeben wird. Nicht nur Polizisten vertreten irgendeinen Mist, um ihren Job nicht zu verlieren. Auch Anwälte, Jounalisten, Security, Lehrer.. es braucht Mut, im Zweifel auf seinen Job zu scheissen. Bitte bedenkt dies, liebe Menschen.

    Bildung: Wir würden nicht existieren ohne Bäume! Ca. zwanzig Prozent Sauerstoff in unserer Luft sind nur durch unsere Pflanzen möglich. Welch wunderschönes Multimedia-Ereignis ist ein Feuer, vom Holz, dass ein Baum auf natürliche Weise hergegeben hat(!) Ein Fest für die Sinne: Man kann ins Feuer schauen, es knistert (Ohren), es wärmt (Haut), es nährt, weil es Nahrung garen kann. Diese Kenntnis sollte verbreitet und erklärt werden! (Traurig genug, dass man das erwachsenen Menschen, die zur Schule gegangen sind, erklären muss)
    Nur.. meist wird zwar für Bildung demonstriert, leider aber nicht diskutiert, welche Bildung und warum.
    Wie gebildet ist ein Mensch, der solch eine Baumfällung vorschlägt, anordnet, umsetzt?

    Meine Hoffnung ist, dass sich irgendwann in einem solchen Falle hunderte und tausende Menschen für den Erhalt dieser Bäume einsetzen, weil sie Zeit dafür haben.

    Nun.. schön, dass die Zwischenzeit-Mitarbeiter trotzdem noch etwas Zeit über hatten, um auf dieses Unrecht aufmerksam zu machen. Dafür Euch ein dickes Dankeschön von mir!

  3. dino

    Kleiner Nachtrag: Liebe Gisela, Du weisst hoffentlich, dass für echte Mainzer, die „andere Seite des Flusses“ immer noch Mainz ist. Dass nach dem zweiten Weltkrieg unsere Stadt in zwei geteilt und die Hälfte davon Wiesbaden zugesprochen wurde, ist nicht die Schuld der Wiesbadener. Dies wäre echt mal wert, zumindest thematisiert zu werden, finde ich. Liebe Grüße

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