Wenn nichts mehr geht

Thierry an einem Tisch im Jobcenter, unglückliche Miene.

Was ist ein Mensch wert? Thierry soll sich am Arbeitsmarkt verkaufen. Temperclayfilm | ©

„Leistung lohnt sich! Wer sich anstrengt, wird auch belohnt!“ Es sind Sätze wie diese, die nicht nur Thierry (Vincent Lindon) ein ganzes Leben lang gebetsmühlenartig eingetrichtert wurden. Angesichts der Umstände, in denen sich der Protagonist des neuen Films „Der Wert des Menschen“ von Stéphane Brizé wiederfindet, wirken sie wie blanker Hohn. Seinen Job hat Thierry (52) wie andere verloren. Nicht wegen persönlicher Inkompetenz oder weil seine Firma pleite wäre, sondern „während weiter Profit gemacht wurde“.

Der unaufhörliche Zwang zur Selbsterniedrigung

Was in den nächsten 90 Minuten folgt, ist für die Zuschauer*innen manchmal nur schwer zu ertragen: Thierry quält sich durch unnötige, vom Arbeitsamt angeordnete Weiterbildungsmaßnahmen, demütigende Selbstoptimierungskurse und mehr als zähe Bewerbungsgespräche. Die Kamera bleibt meist unaufhörlich auf die Beteiligten gerichtet, auf musikalische Untermalung wird weitestgehend verzichtet.

Was dadurch hervortritt, ist die ungeschminkte Rohheit, die eine kapitalistische Gesellschaft für unnötig-gemachte Menschen wie Thierry übrig hat. Die verbalen und emotionalen Erniedrigungen prasseln dabei nur so auf ihn ein, selbst wenn den Beteiligten – wie beispielsweise den Mitarbeiter*innen im Jobcenter – klar ist, dass es wirklich nicht am mangelnden Willen liegt. Trotzdem macht Thierry im Film unaufhörlich weiter. Nicht weil er unbedingt möchte, sondern weil er einfach muss, denn seine Familie ist auf ihn angewiesen.

Wer fleißig und anständig ist, dem wird Gutes passieren?

Durch seinen schonungslosen Sozialrealismus stellt Der Wert des Menschen damit zwei nicht eingelöste Versprechen bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften in den Vordergrund: Erfolg und Sicherheit. Beides, so wird es uns zumindest tagtäglich vorgebetet, beruht hauptsächlich auf persönlichem Einsatz und moralischer Anständigkeit der Individuen (vielleicht noch in Kombination mit einer Prise Glück). Wer fleißig und anständig ist, dem sollte und wird Gutes passieren – so zumindest die altbekannte Story, die sich trotz aller gegenteiliger Erfahrungen beharrlich in den Köpfen hält.

Wie jede gute Ideologie ist auch diese eben dadurch beständig, weil in ihrem Kern ein Quantum Wahrheit enthalten ist. Tatsächlich bleibt den von den Produktionsmitteln getrennten Subjekten im Kapitalismus nichts anderes übrig, als ihre Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen. Oder einfacher gesagt: Wer hier leben will, braucht Geld. Wer Geld will, muss in den meisten Fällen (es sei denn, mensch besitzt eine Firma, hat geerbt oder ähnliches) arbeiten. Die Menschen tragen ihre Arbeitskraft also wie Waren zum Markt, wo sie mit der von anderen Menschen verglichen und beurteilt wird. Schon das zwingt dazu, sich allein in der Konkurrenz stets gut zu präsentieren. Hier liegt, neben dem vom Staat eingeforderten Gehorsam seiner Untertan*innen, eine der reellen Grundlagen der ideologischen Verklärung von Fleiß und Anstand als Mittel zum Erfolg.

Gesellschaftliche Verhältnisse als ‘Naturgesetze‘

Das Problem dabei ist, dass im Kapitalismus nur produziert wird, wenn es sich auch lohnt, also durch eine zahlungskräftige Nachfrage ein Profit erzielt werden kann. Die Zahl der tatsächlich zur Produktion benötigten Arbeitskräfte ist damit von Anfang an beschränkt und verringert sich durch Krisen und ständige ‚Rationalisierungsmaßnahmen‘ (Weiterentwicklung der Produktivkräfte) der Unternehmen zudem beständig. Im Ergebnis bleiben Menschen wie Thierry zurück, für die es in dieser Gesellschaft schlichtweg keine wirkliche Verwendung mehr gibt, und das, obwohl sie immer fleißig und anständig waren.

Anstatt nun aber gegen dieses gesellschaftlichen Verhältnis aufzubegehren, suchen die Individuen wie Thierry weiter den Fehler bei sich. Andere verharren in einem dumpfen Unrechtsempfinden. Grund ist die Verklärung der gesellschaftlich gemachten Bedingungen und Zwänge zu Naturgesetzen. So fragt sich Thierry kein einziges Mal nach dem Grund für das ganze Rattenrennen und wenn doch, dann nur um sich im nächsten Moment die Frage mit einem „ist halt so“ zu beantworten.

Zurichten und zugerichtet werden für die kapitalistische Gesellschaft

Wenn sich am Ende des Films mit einem neuem Job als Sicherheitspersonal in einem Supermarkt doch ein Fenster für Thierry zu öffnen scheint, dann nur, um im Anschluss noch fester zugeschlagen zu werden. Soll der Sinn seines Lebens von nun darin bestehen, Kleinkriminelle zu bestrafen, die oft allein aus der Not heraus stehlen? Als anschließend mehr oder weniger deutlich wird, dass der Manager des Supermarktes das Sicherheitspersonal einsetzt, um die Zahl der Verkäufer*innen unter fadenscheinigen Gründen zu verringern und so Kosten zu sparen, wird es Thierry schließlich zu bunt. Am Ende des Films bleibt die Frage einer Anklage gleich offen, wem letztlich mit all dem geholfen ist.

Der Wert des Menschen zeigt damit in aller Brutalität, dass Fleiß und Anstand wenig mit Erfolg oder Misserfolg in unserer Gesellschaft zu tun haben. Sie sind notwendige ideologische Zurichtungen, die für das Weiterbestehen der kapitalistischen Gesellschaft essentiell sind. Indem die Zuschauer*innen die Protagonist*innen beim Scheitern an diesen Verhältnissen beobachten, öffnet sich aber ein Horizont für die kritische Analyse der eigenen Lebensumstände.

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