„Olé, Kommunismus!“

Rote Fahnen 1. Mai

Ein Meer von roten Fahnen. Lukas | CC BY-NC-SA

Es ist der 1. Mai – der internationale Kampftag der Arbeiter_innenbewegung. Seine Wurzeln hat dieser Tag in der Haymarket Affair in Chicago: Damals protestierten dort mehrere tausend Arbeiter für den 8-Stunden-Tag und gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Schließlich eskalierten die Proteste, die von den Arbeitenden unter Mitwirkung einer Gruppe von Anarchist_innen organisiert worden waren, und wurden von der Polizei blutig niedergeschlagen. Sieben der Organisatoren im Umfeld der Chicagoer Arbeiterzeitung wurden daraufhin zum Tode verurteilt, ein achter konnte sich durch seinen Selbstmord dem hochgradig fragwürdigen Prozess entziehen.

Die internationale Empörung, die dem folgte, begründete die Tradition dieses besonderen Tages. Dieses Jahr wurde der 1. Mai auch in Mainz begangen – und das gleich zweifach: Während der DGB vor dem Rathaus eine Art Volksfest organisiert hat, ist es einem Bündnis gelungen, eine revolutionäre internationalistische Demo auf die Beine zu stellen. An dem breiten Demo-Bündnis beteiligt waren unter anderem die türkische TKP, die noch bis Aschaffenburg ihre Mitglieder mobilisieren konnte, der kurdische Studierendenverband XYK, die Parteien Die Linke und RSB, die Gruppen Red Action und REBELL aus Wiesbaden, die SDAJ und etliche mehr.

Gegen viertel nach 10 setzte sich die Demonstration in Bewegung, die vom Mainzer Hauptbahnhof über Schillerplatz und Gutenbergplatz bis zum Rathaus führte. Über 300 Menschen waren zur Freude der Veranstalter_innen erschienen – die meisten hatten eigentlich mit weniger gerechnet. Doch fiel die Demonstration trotz der angereisten Massen wenig druckvoll aus. Bis auf einige Parolen wie ein wütendes „Olé, olé, Kommunismus“ oder ein kämpferisches „No justice, no peace – fight the police!“ gaben sich die Teilnehmer_innen wenig agitiert. Die Revolution muss wohl auch an diesem 1. Mai noch ein wenig warten.

Für einen 1. Mai des 21. Jahrhunderts

Die Redebeiträge auf der Demo hatten viel anzuklagen: Gegen die aktuelle europäische Kapitalismuskrise, gegen Hartz IV und die NATO oder gegen Ausplünderung der Länder Afrikas und Asiens richteten sich die Ansprachen, wenngleich eine grundsätzliche Kritik am Konzept der Nationalstaaten oder die Forderung nach Abschaffung der Lohnarbeit etwas zu kurz kam. Dafür drückte ein Redner seine Solidarität mit der aktuellen Zerschlagung der 1.-Mai-Demonstrationen in der Türkei aus. Beim DGB freilich spricht mensch weniger offen: Der gab sich auf dem Rathausplatz bei Bratwurst und Pommes so volksnah wie reformistisch-zahm, und Werbeplakate für die SCHOTT AG gesellten sich zu unkritischen Reden auf die Bologna-Reform. Angesichts der Übermacht dieses biederen Spektakels verstummte die internationalistische Demo unweigerlich, kaum dass sie vor dem Rathaus eingetroffen war.

Was wäre dort auch auszurichten gewesen, neben der Mainzer Zentrale neoliberaler Stadtpolitik? Wo sogar Bürgermeister Ebling reden darf, der selbst in Tarifverhandlungen als Arbeitgeber auftritt? Wenn der herrschenden Politik der Unterdrückung beizukommen ist, dann braucht es eine Kritik, die sich nicht auf die Dimension kapitalistischer Ausbeutung beschränkt. Der Arbeitsplatz ist nur ein Ort des Widerstandes gegen Unterdrückung, Produktionsarbeit nur eine Facette der Mehrwertproduktion, und Gewerkschaften und Parteien nur eine Form der Organisation.

Im 21. Jahrhundert treten neue Orte, neue Arbeiten und neue Organisationsformen neben die genannten. Die Zeltstädte, Squats, Gemeindezentren und Wohngemeinschaften gilt es, als Experimentierfelder einer neuen Politik anzuerkennen und zu politisieren. Wenn der 1. Mai seine Bedeutung für gesellschaftlichen Wandel wieder erlangen soll, ist eine Politisierung des Alltags notwendig, die Schaffung neuer Räume des Widerstands auch jenseits des Arbeitsplatzes oder die Anerkennung von Sorge- und Reproduktionsarbeit jenseits der Produktionsarbeit. In diesem Sinne lasst uns rufen: Der 1. Mai ist tot! Es lebe der 1. Mai!

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

6 Gedanken zu “„Olé, Kommunismus!“

  1. Pancho

    Danke für die Berichterstattung, auch wenn mich die lakonisch-distanzierte Grundhaltung des Artikels ein wenig irritiert. Sicher ist das noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, aber mit der Erkenntnis, dass die Revolution noch ein wenig warten muss, sprichst Du ja nun alles andere als ein Geheimnis aus. Oder wo genau verhält sich das anders?
    Dessen ungeachtet war das ein eindrucksvoller Meilenstein nach unzähligen Jahren, in denen der DGB den 1. Mai zum Bratwurstessen und Abfeiern sozialdemokratischer Regierungspolitik hat herunterkommen lassen!

    Und dass Gewerkschaften und Parteien mitnichten die einzigen Akteure im Kampf gegen die herrschende Politik sind und der Arbeitsplatz nicht das einzige Kampffeld – das ist auch alles andere als überraschend. Immerhin reden wir aber hier nicht von irgendeinem Tag, sondern vom Ersten Mai, dem Kampftag der Arbeiter_innenbewegung, mit der sich weltweit auch Bewohner_innen von Zeltstädten, Squats und WGs solidarisieren. Nächstes Jahr vielleicht auch in Mainz noch etwas zahlreicher? Gerne auch im Vorbereitungsbündnis, das auch nächstes Jahr alles andere als ein Closed Shop sein wird!

    Hoch die internationale (gern auch antinationale) Solidarität!

    • Jan ZombikJan Zombik Autor

      Danke für die solidarische Kritik, Pancho! Dass dein Kommentar hier nur mit Verzögerung auftaucht, liegt daran, dass wir, um Spam und fragwürdiges Gepöbel zu vermeiden, Erstkommentator_innen erst freischalten, und dann die Kommentare durch unser Caching-System auch nur verzögert auftauchen.

    • Willfried JaspersWillfried Jaspers

      Hoch die transnationale Solidarität!
      Und vielleicht, angesichts der Mobilisierungsstärke, im nächsten Jahr mit eineR RednerIn bei der DGB-Kundgebung, offiziell von der revolutionären Demo gestellt? Vor oder anstelle von Ebling u. Co! In vergangenen Jahren war, wie auch diesmal wieder, Hüseyin Kaya vom Verein für Freiheit und Solidarität Mainz e.V., auch Unterstützergruppe der Internationalen 1.Mai-Demo, dort als Redner. In 2007 ein Redner der Mainzer Hartz IV Initiative (https://www.youtube.com/watch?v=X85UP_Pmsdo).

      • Pancho

        Sehe ich genauso. Dass das Orgabündnis der Gewerkschaftsjugend weit entgegenkam und solidarisch zum DGB hinmobilisierte, halte ich bei allem Unbehagen für die richtige Entscheidung, um Aufgeschlossenheit zu signalisieren.
        Dass die rund 300 Demoteilnehmer_innen die lasche DGB-Bühnenveranstaltung überhaupt erst füllten, sollte dann aber doch auch dort aufgefallen sein. Ohne Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe, was da zumindest Begrüßung und Unterstützung bedeutet, wird eine solche Entscheidung jedenfalls nicht dauerhaft zu halten sein. Der Ball liegt im Spielfeld der Gewerkschaftsjugend.

  2. Ralf Dreis

    Schöner Bericht, nur was soll der Satz: „Schließlich eskalierten die Proteste, die von den Arbeitenden unter Mitwirkung einer Gruppe von Anarchist_innen organisiert worden waren, und wurden von der Polizei blutig niedergeschlagen.“? Soll angedeutet werden, dass die Proteste eskalierten weil Anarchisten involviert waren? Oder muss man die Anarchisten gezwungenermaßen erwähnen weil sie es waren, die die Kundgebungen und Streiks organisiert hatten um den 8-Stunden-Tag durchzusetzen? Oder weiß der Autor sogar, dass alle acht zum Tode verurteilten Arbeiter Anarchisten waren? Wenn ja, warum schreibt er es nicht einfach. Acht anarchistische Arbeiter fielen einem Justizmord zu Opfer, der Bewegung gelang es dennoch den 8-Stunden-Tag durchzusetzen. Die anarchistische Arbeiterbewegung war zu dieser Zeit übrigens die mit Abstand stärkste Fraktion der Arbeiterbewegung in den USA.

    • Dennis FirmansyahDennis Firmansyah

      Hallo Ralf,

      Ich habe es so verstanden, dass die Anarchisten erwähnt werden, um die Bedeutung des 1. Mai für diese Bewegung herauszustellen. In Emma Goldman’s Biographie, die ich gerade lese, wurde mir klar wie wichtig dieser Tag für die anarchistische Bewegung war, wieviele Leute nach den Justizmorden ein Interesse an anarchistischen Ideen entwickelt haben und sich der Bewegung angeschlossen haben. Deshalb habe ich Jan empfohlen das aufzunehmen. Die Formulierung ist wohl etwas missverständlich, danke für den Hinweis.

      Beste Grüße
      Dennis

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