Closed Ohr

OpenOhr-Plakat an einem Zaun, dahinter eine Mauer

Wie offen ist das Open Ohr? Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Seit über 40 Jahren findet in Mainz alljährlich zu Pfingsten das Open Ohr statt. Das Festival hat einen politischen Anspruch: Dieses Jahr steht es unter dem Motto „Wegwerfware Mensch“. Die Projektgruppe der  Organisator*innen bezeichnet das Open Ohr selbst als „nichtkommerzielles Jugendkulturfestival“. Traditionell erhalten dort viele lokale Politgruppen einen kostenlosen Standplatz. Neben der Antifa Nierstein, dem Infoladen Cronopios und einer Antira-Gruppe beteiligt sich dort auch die Rote Hilfe mit einem Infostand.

Doch diesmal ist die Rote Hilfe nicht offiziell hier. Der linke Rechtshilfeverein hat keine Zusage für einen Stelllplatz bekommen – obwohl Beate, die sich bei der Roten Hilfe engagiert, bereits ein halbes Jahr im Vorfeld angefragt hatte. Frau Zendel, seitens der Stadtverwaltung mit der Platzvergabe betraut, begründete dies mit einer hohen Nachfrage. Zeitweilig hätten sich fast doppelt so viele Initiativen beworben, wie Standplätze vorhanden seien. Daher sei bei der Auswahl ein nicht näher beschriebenes Losverfahren zum Einsatz gekommen. Verschiedene Emails und Notizen zu Telefonaten belegen das hin und her, an dessen Ende eine Absage stand.

Intransparenz und Kommerz

Beate ist damit nicht zufrieden. Erst nach Monaten sei sie informiert worden, das Verfahren von Anfang an nicht durchschaubar gewesen. Nicht einmal ein offizielles Anmeldeformular hätte es gegeben. Doch woher rührt die Knappheit an  Stellplätzen, die ein Losverfahren erst nötig macht? „Im Verlauf der letzten zwanzig Jahre bekommen Infostände immer weniger Platz. Früher gab es noch einen Bereich rund um den Haupteingang, wo sich Initiativen aufstellen durften. Jetzt sehe ich auch rund um die Hauptwiese immer weniger Infostände. Dafür gibt es dieses Jahr wieder mehr Verkaufsbuden. Das Open Ohr wird immer kommerzieller!“, klagt Beate.

Ist etwas dran an den Vorwürfen? Zahlen zu den Ständen, Hintergründe zum Vergabeverfahren und zu den Kriterien einer Zu- oder Absage könnte die Stadtverwaltung liefern. Doch Frau Zendel will sich auf Anfrage der Zwischenzeit nicht äußern. Eine Interview mit ihrem Vorgesetzten, das Zendel verspricht, kommt nicht zustande. Für Beate ist diese Verschwiegenheit keine Überraschung: „Es entsteht der Eindruck, dass Stadt und Organisationsteam durch intransparente Verfahren und fehlende Auskünfte etwas unter den Teppich kehren wollen: Dass sie das Open Ohr über die Jahre schleichend zu einem Kommerzfest umgebaut haben. Ich wünsche mir ein Festival, das für unkommerzielle Initiativen offener ist und seinem politischen Anspruch wieder gerechter wird.“

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.