Pfade durch Utopia

Cover des Buches

Fragend schreiten wir voran – auf den Pfaden durch Utopia. Nautilus | ©

Sie haben dir gesagt, dass du naiv bist, dass es so nie funktionieren kann. Dass der Mensch faul und eigennützig ist, wenn er nicht reglementiert, kontrolliert und regiert wird; wenn er für sein Geld nicht lohnarbeiten muss. Sie haben dir gesagt, du sollst aufhören zu träumen. Dass es utopisch ist, sich eine befreite Gesellschaft zu wünschen, wo alle ihr Leben selbst gestalten können. Vielleicht ist das utopisch – aber nicht unmöglich. Um das unter Beweis zu stellen, gibt es glücklicherweise ein Buch: „Pfade durch Utopia“ von Isabelle Fremeaux und John Jordan. Es wurde 2012 von Nautilus veröffentlicht.

Mit hochleistungsfähigem Internet und Strom sowie einer voll ausgestatteten Küche im Wald leben – mit einem ökologischen Fußabdruck, der um 94% kleiner ist als der durchschnittliche. Kinder, die auf einer hierarchiefreien Schule ohne Lehrer selbst Mathe lernen. Arbeiter, die Fabriken übernehmen und autonom verwalten. Eine Gruppe Freunde, die durch die Besetzung riesiger Länderreien ein fast ausgestorbenes Tal zu pulsierendem Leben erwecken. Wohnen zu Hunderten in Gemeinschaften ohne feste Regeln und dabei ein eigenes rund-um-die-Uhr-Radio mit Kultur-, Musik- und Nachrichtensendungen machen. Ganze autonome Zonen errichten, Freiräume wo es weder Chefs, noch Polizei, Gebühren, Bürokratie oder Institutionen gibt.

All das sind weder utopische Märchen, noch Phantasiebilder – es sind real existierende Orte und Begebenheiten in Europa. Orte, die besucht werden können. Orte, die nicht mal exotische Ausnahmeerscheinungen sind, sondern regelmäßige utopische Durchbrüche der Normalität. „Utopia ist nicht nirgendwo, sondern überall, wenn wir es dem Reich der Zukunftsphantasie entreißen und es vom Ende der Geschichte in diesen Augenblick der Gegenwart zurückholen. Utopia ist nicht ‚kein Ort‘, sondern ‚dieser Ort‘, es bedeutet jetzt, hier und genau jetzt hier. Es handelt sich darum, ganz in der Gegenwart zu sein, sodass uns die Zukunft gehört“, heißt es ganz am Ende des Buches. Isabelle und John schreiben das, nachdem sie 300 Seiten lang mit einem Bus durch besetzte Dörfer, Fabriken, Kommunen und Squats gefahren sind.

Die Utopie ist hier und jetzt

Sie waren in England in sogenannten „benders“ am Waldrand, mit einer Windturbine ausgestattet, in einer Gemeinschaft aus Kindern und Erwachsenen, die Permakultur betreiben – nachdem sie das legendäre Klimacamp 2007 beim Flughafen Heathrow mitorganisiert hatten. Isabelle und John haben auch nicht schlecht über die Funktionsweise einer anarchistischen Schule in Spanien gestaunt und in der nähe von Berlin das sexuell befreite Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG) kennengelernt. Hinzu kommen sieben weitere faszinierende Ort und deren Beispiel.

In ihrem Buch beschreiben die Autor_innen immer detailliert, wie die von ihnen besuchten Utopien funktionieren. Es werden Wege aufgezeigt, wie sich Menschen ohne Herrschaft und Repräsentation selbst organisieren und dabei glücklich leben. Wir lesen, auf welche Schwierigikeiten sie stoßen und wie sie damit umgehen, wie die Anfänge ihrer Utopie waren. So lässt sich dieses Buch sogar als konkreter Anstoß zur Selbstorganisation verstehen – oder einfach als ein Pfad, zu dem, was alles möglich ist, wenn Träume von Selbstbestimmung verwirklicht werden möchten. Hier und jetzt.

Lotta Liest

Über Lotta Liest

Lotta liest am liebsten Bücher, die aufregend sind, die von Politik, Theorie, sozialen Bewegungen oder der Praxis des Widerstands handeln. Sie hat auch mal studiert. Heute lernt sie von ihrer Umwelt und hat Spaß dabei.

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