Der Platz der aufrechten Menschen

Sömmering Rassismus Platz

Altes Schild, alte Uni, altes Rassismusproblem: Der Sömmeringplatz in Mainz. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

26. Oktober 1898. Die Mainzer Stadtverordnetenversammlung tritt unter Oberbürgermeister Heinrich Gassner zusammen. Sie beschließt, wie es in dem Protokoll der Sitzung heißt, den „ausgezeichneten Anatomen und Physiologen Samuel Thomas von Soemmering zu ehren“ und benennt die „Straße Nr. 7 in der Neustadt“ Soemmeringstraße und den „anschließenden freien Platz“ Soemmeringplatz.

Soemmering war damals schon 68 Jahre tot, aber seine Gedanken wirkten fort. Sie legitimierten den deutschen Kolonialismus, der auf dem Gebiet des heutigen Namibia herrschte. 1898, das war sechs Jahre vor dem Aufstand der Herero und Nama, der unter Lothar von Trothas Vernichtungsbefehl im ersten Völkermord des 20. Jahrhunders niedergeschlagen wurde. Als Soemmering 1784 und 1785 seine Aufsätze „Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren/Negers zum Europäer“ veröffentlicht hat, fielen sie in eine Zeit, die so Georg Lilienthal „verschärft durch die Auseinandersetzung über die Sklaverei, einem neuen Gipfel zustrebte“.

Soemmerrings Forschungsergebnisse rechtfertigen Kolonialismus

In seinen Texten will der als „ausgezeichneter Physiologe“ geehrte Aristokrat Soemmering die rassistische Hypothese des sogenannten Stufenleiterkonzepts mit anatomischen Befunden untermauern. Wild, animalisch, rückständig, unzivilisiert – es ist dieses Bild von Schwarzen Menschen, das „die gewaltsame Aneignung des [afrikanischen] Kontinents zu rechtfertigen [half]“, wie die Afrikanistin Marianne Bechhaus-Gerst feststellt.

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) sieht das ähnlich: „Der kolonialrassistische Teil der deutschen Geschichte ist auch heute noch weitgehend verdrängt und spielt kaum eine Rolle in der Geschichtsschreibung. Der spezielle Fall von Samuel Thomas Soemmerring ist deshalb so wichtig, weil hier klar wird, dass die rassistisch begründete Unterdrückung indigener Völker, die ohne die pseudo-wissenschaftliche ‚Forschung‘ nicht denkbar war, auch heute noch einen weißen Fleck darstellt im Bewusstsein der deutschen Gesellschaft.“

Doch nicht nur die Forschungsergebnisse Soemmerings sind vom Interesse geprägt, die Beherrschung und Unterdrückung kolonialisierter Völker zu rechtfertigen. Auch der Forschungsprozess selbst ist, wie Marianne Bechhaus-Gerst schreibt, von seinem „hierarchischen Rassen-Verständnis“ beeinflußt. Triumphierend schreibt Soemmering über seinen Forschungskollegen Merck: „Er verlangt sehr darnach, und schrieb mir, daß er mich beneidete, soviel Gelegenheit zu haben, Mohren zu disseciren. Er hätte allenthalben hingeschrieben, z.B. an seinen Sohn nach Lissabon, ihm Mohrinnenbecken zu verschaffen, und hier ist just ein weibliches Mohrenkind.“

Die Umbenennung von Soemmeringplatz und -straße sind nur der erste Schritt

In Mainz und Wiesbaden zeigt sich die Kontinuität mit Kolonialismus und Rassismus in dem Firmenlogo Thomas Negers, in Konzept und Bildern der stumpfen Wiesbadener Fastnachtsparty „Rummel im Jungel“, in rassistischen Dienerfiguren eines Schmuckhändlers in der Mainzer Altstadt, in der Tradierung und Verehrung Samuel Thomas von Soemmerings in Straße und Platz.

Nach mehr als hundert Jahren gilt es, Platz und Straße umzubenennen. Dabei ist aus Sicht von Tahir Della von der ISD „darauf zu achten, dass die Geschichte und die Hintergründe der Verstrickung Deutschlands in der Kolonialisierung deutlich bleiben. Wir plädieren deshalb dafür, dass diejenigen Menschen, die für die Widerständigkeit gegen die kolonialrassistische Unterdrückung stehen, bedacht werden.“

Es bleibt zu wünschen übrig, dass diese Gesellschaft die Erinnerung an die  kolonialrassistische Unterdrückung nicht als Bedrohung abwehrt. Vielmehr bleibt zu hoffen, dass die Widerständigkeit gegen den Kolonialismus dazu inspiriert, uns zusammen für die Befreiung von Herrschaft einzusetzen. Denn dort, wo rassistische Bilder reale Gestalt annehmen, gilt es, die Anklage des Flüchtlingstribunal gegen die Bundesrepublik Deutschland zu wiederholen, die im Juni letzten Jahres mächtig und laut erklungen ist.

Das Flüchtlingstribunal klagt Neokolonialismus an

„Die Bundesrepublik wird angeklagt, unsere Länder zu zerstören, durch Plünderung der Rohstoffe in unseren Herkunftsländern, durch Ausbeutung unserer Arbeitskraft, durch Zusammenarbeit mit Diktaturen, durch Ausbildung von Militär und Polizei in unseren Ländern, durch wirtschaftliche und politische Einmischung.“ Es ist dieser Neokolonialismus, der oft Menschen zu Migration veranlasst. Was Refugees in Europa begegnet, nennt Firoze Manji, ehemaliger Direktor von Amnesty International Afrika, ein „rassistisches Grenzregime“.

Die Umbenennung einzelner Straßen- und Platznamen kann also nur ein erster Schritt sein, die Verantwortung für die koloniale Vergangenheit und Gegenwart zu übernehmen. Die Aktivist_innen, die zu der Demonstration zum Gedenken an Oury Jalloh in Dessau gekommen sind oder die Menschen auf dem Refugees-Welcome-Protest in Mainz am 8. Februar dieses Jahres kommentieren: „Solidarität muss praktisch werden: Feuer und Flamme den Abschiebebehörden!“

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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