Platz für Kunst

Das Leben vor der Blauen Moschee in Wazar-i-Sharif, Afghanistan, fotografiert 2007 von Künstler und Aktivist Nasir Khan Mansoori

Die Eröffnung dreier Ausstellungen am Sonntagnachmittag im sonst leerstehenden Mainzer Allianz-Haus verlief etwas chaotisch und begann erst mit leichter Verspätung. Schließlich präsentierten die ausstellenden Künstler*innen und Aktivist*innen ihre Werke aber doch in Anwesenheit von rund 25 Besucher*innen mit kurzen Ansprachen in einer freundlichen und fast familiären Atmosphäre.

Die Ausstellungen sind Teil der Platz Da?!-Aktionswoche, die vom 18. bis zum 25. April stattfindet. Das Bündnis wird von unterschiedlicher Initiativen, die versuchen, durch aktivistische, künstlerische und kulturelle Aktionen die Themen Flucht und Migration, Leerstand und Recht auf Stadt zusammen zu denken und in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Zwischenzeit berichtete an anderer Stelle bereits über weitere Veranstaltungen. Die Teilausstellungen nähern sich alle auf inhaltlich und künstlerisch unterschiedliche Weise den Themen Flucht und Raum.

„The People of Afghanistan“

Herzstück der Gemeinschaftsausstellung ist die großformatig gedruckte Fotografie-Sammlung „The People of Afghanistan“. Die Ausstellung ist 2005 entstandenen und wurde bereits drei Mal in Kabul und Ingelheim gezeigt. Auf den Bildern sind Menschen in Afghanistan zu sehen, die in Gruppen-, Moment- und portraithaften Aufnahmen abgebildet werden und aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und in unterschiedlichen Situationen dargestellt werden.

Der Künstler* und Menschenrechtler* heißt Nasir Khan Mansoori und wurde 1982 in Wardak, Afghanistan, geborenen. 2013 musste er mit seiner Familie vor dem Krieg nach Deutschland fliehen. Es ist ihm wichtig, nicht die medial omnipräsenten Stereotype von Elend und Zerstörung wiederzugeben. Er will ein „anderes Gesicht“ der afghanischen Bevölkerung zeigen. Trotz seiner eigenen Fluchterfahrungen will er anstelle des Krieges lieber Traditionen und Kultur, aber auch zeitgenössische Jugend- und Freizeitkultur eine Bühne geben. Er bildet die „Hoffnungen“ der Menschen ab. Das gelingt ihm in teilweise freudigen, teilweise aber auch nachdenklichen Aufnahmen.

„Nichts ist unmöglich“ – Flüchtlingsunterkünfte in Rheinland-Pfalz

Der Ausstellungsbeitrag des Mainzer Aktivisten* und Sozialarbeiters* Bernd Drüke dagegen vermittelt eine bedrückende Stimmung. Bernd betont immer wieder, er sei selbst gar kein Künstler*, sondern in erster Linie Aktivist*. Dementsprechend stehe in seiner zweiteiligen Ausstellung auch nicht der künstlerische Aspekt im Vordergrund, sondern die politische Intention. Seit rund 23 Jahren engagiert er sich in der antirassistischen und Flüchtlingsunterstützungsarbeit in Mainz.

Den ersten Teil seiner Ausstellung bilden auf Pappe angebrachte Fotos von Flüchtlingsunterkünften aus ganz Rheinland-Pfalz. Die nach Themen wie Küche, Badezimmer und Schlafen geordneten Bilder zeigen eine Bandbreite an Unterbringungsmöglichkeiten. Von Massen-Zelten wie in Worms über Container und Sammelunterkünfte bis hin zu Wohnungen, die im Gegensatz zu der oft engen und isolierten Unterbringung in Massenunterkünften wenigstens eine Chance auf Eigenständigkeit und Privatsphäre bieten.

Dabei, so der Aktivist*, erhebt die Ausstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ihr primäres Interesse ist es aufzuzeigen, dass es möglich ist, geflüchtete Menschen mit lebenswürdiger Unterbringung zu versorgen, wie der Titel „Nichts ist unmöglich“ bereits andeutet. Gleichzeitig soll veranschaulicht werden, dass dies aber in der Realität oftmals nicht der Fall ist.

Das ist, nach Einschätzung des Aktivisten*, in erster Linie politisch motiviert. Es wird zwischen vermeintlich ’nützlichen‘ und ’nutzlosen‘ Geflüchteten unterschieden. Vor allem die zweite Gruppe soll durch die widrigen Lebensbedingungen im Asylverfahren abgeschreckt werden. Dass diese Taktik Tradition hat, verdeutlicht der zweite Teil der Ausstellung. Eine Sammlung von Zeitungsartikeln von 1990 bis 2015 zeigt, wie wenig sich verändert, geschweige denn verbessert hat.

„Konsumsplitter“

Im Gegensatz zur Veranschaulichung der sehr konkreten Unterbringungssituation von Geflüchteten in Rheinland-Pfalz schlägt die dritte und letzte Ausstellung einen anderen Weg ein. Sie versucht, künstlerisch zu hinterfragen, wie ‚westliches‘ Konsumverhalten und postkoloniale Machtkonstellationen im Zusammenhang zu den Phänomenen globaler Flucht und Migration stehen.

Um den Leitgedanken ihrer Ausstellung zu veranschaulichen, zitiert die 1959 in Lauffen geborene Künstler*in und antirassistische Aktivist*in Martina Hammel die selbstorganisierte Refugee-Protestorganisation The Voice Refugee Forum: „Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört.“ Diesen Zusammenhang zwischen postkolonialer Ausbeutung und Unterdrückung und der Entstehung von Fluchtgründen will sie in ihrem Werk veranschaulichen.

Die 30 Ausstellungsstücke sind auf Recyclingpapier aus den 80ern gedruckt und gezeichnet. Sie zeigen unterschiedliche Aspekte globaler Grenz-, aber auch Wirtschafts- und Handelspolitik mit Schwerpunkt auf die Beziehungen zwischen Europa und Afrika. Frontex und die mörderische Abschottungspolitik an den europäischen Außengrenzen werden genauso thematisiert wie unter anderem Raubbau an seltenen Mineralien, Überfischung oder Landraub. Wem die teilweise doch sehr ins Abstrakte gehenden Bilder zu wenig informativ sind, der*die kann sich mithilfe eines mit den Werken zusammen ausgestellten und auch online verfügbaren Readers näher mit den angeschnitten Themen auseinandersetzen.

Unterschiedliche Ansätze, interessantes Gesamtbild

Trotz und in ihrer unterschiedlichen Abstraktion, ihren unterschiedlichen thematischen und künstlerischen Ansatzpunkten ist die Gemeinschaftsausstellung eine interessante Veranstaltung, deren Teile sich zu einem zwar fragmentarischen, aber vielschichtigen Bild zusammenfügen. Zwar ergeben sich durch die Kunstwerke wenig bahnbrechende Erkenntnisse zu den Themen Flucht und Migration, sie arbeiten bestehende Missstände und gewaltförmige Strukturen aber treffend und künstlerisch interessant auf.

Besichtigen kann mensch die Ausstellungen noch die ganze Woche – kostenlos in der Großen Bleiche 60-62, nachmittags und vor allem im Rahmen der stattfindenden Platz Da?!-Veranstaltungen.

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