Politische Räume frei machen

Martin Schulz mit zwei Krawatten vor Europaflagge

Martin Schulz wägt ab welche Krawatte er tragen soll Facebook | Martin Schulz | ©

Heute ist der internationale Tag für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen. Auf verschiedenen Kanälen äußern sich politische Aktivst_innen: über Facebook, Snapchat, YouTube und Twitter. Verlage veröffentlichen Statistiken über gewalttätige Übergriffe gegen Frauen. Sie rufen auf, etwas dagegen zu tun. Manchmal mit konkreten Handlungen, manchmal streben sie längerfristige Veränderungen an.

Was sich unbedingt verändern muss, ist, dass solche Tage kein Hobby für Martin Schulz sein dürfen, der sich überlegt welche Krawatte er anziehen will: Hauptsache orange, weil das irgendwie seinen Aktionismus gut symbolisiert. Und dabei bleibt er dann auch. Nur einem Symbol verhaftet und Gewalt wird nur an einem Tag im Jahr thematisiert.

Warum kommen Frauen* nicht einfach in die Räume?

Seit Jahren bewege ich mich in politischen Räumen. Unterschiedliche Parteien, Organisationen, Institutionen und Gremien – die Erfahrungen mit Sexismus sind ähnlich: Ich bin eine der wenigen Frauen* im Raum. Oft die einzige. Woran das liege, wollen manche erörtern. Die grundlegende Annahme ist dabei, dass Räume offen sind und politische Teilhabe von der Bevölkerung nicht wahrgenommen wird.

Ich beantworte die Frage gerne mit der Gegenfrage: Warum werden eindeutig sexistische Personen geduldet? Die Erklärung der Gegenseite fällt einfach aus: Weil Männer* sich zwar sexistisch äußern, aber es ja nicht so meinen würden. Aber ich könne sie ja darauf aufmerksam machen. Durch meine Anwesenheit könne ich Themen setzen und die Räume bereichern.

Das Problem – die Erklärung

Genau darin liegt das Problem: Ich bin weder die Personifikation des Anti-Rassismus, noch die des Anti-Sexismus. Um politisch Themen setzen zu können, muss ein Raum weitgehend Sexismus- und Rassismus-kritisch sein. Es kann nicht sein, dass ich als Woman of Color dazu angehalten werde, die Reflektionsarbeit für weiße Männer zu übernehmen. Es ist weder für mich, noch für die Rassismus und Sexismus reproduzierenden Personen eine angenehme Konfrontation. Zudem erlebe ich zu oft Aggression, Hate-Speech und Ablehnung. Und zusätzlich ist es Blödsinn sich vorzumachen, ich könne die geballte Dummheit, Unreflektiertheit und Aggression eines ganzen Raumes alleine aushalten.

Damit ich meine Themen setzen und in einer produktiven Atmosphäre arbeiten kann, muss es bereits die Voraussetzung sein, dass die Anwesenden in den Räumen zumindest die Bereitschaft haben, weitgehend Sexismus- und Rassismus-kritisch zu sein.

Sexismus-Kritik ist kein Luxus, sondern essentiell

Diese Themen sind keine Bereicherung, kein wertvoller Nebenbeitrag, kein Luxus, sondern essentiell. Denn Räume, in denen keine kognitive Auseinandersetzung mit Sexismus und Rassismus vorhanden ist oder in denen sich bekannte Sexisten befinden, sind keine sicheren Räume. Genau dort kommt es sowohl auf verbaler, als auch auf körperlicher Ebene zu Übergriffen.

Statt zu behaupten, dass politische Teilhabe für alle zugänglich sei, sollte darüber reflektiert werden, was denn die Teilhabe verhindert. Und ja, die Duldung von Sexisten in den eigenen Reihen ist ein Hindernis.

Damit sich strukturell etwas verändert, muss Frauen* politische Teilhabe ermöglicht werden. Zweck des Tages sollte nicht sein, auf die alltägliche Gewalt aufmerksam zu machen, sondern solche Tage überflüssig zu machen. Weil die Themen als solche bereits als wichtig erkannt werden. Und schließlich der Sexismus überwunden wird. Dann muss sich auch Martin S. keine Gedanken mehr um seine Krawatte machen.

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