Polizei fördert Obdachlosigkeit in Frankfurt!

Besetzte Haus bei Nacht mit Bannern:

"Die Häuser denen, die sie brauchen": Das von Project Shelter besetzte Haus in Frankfurt Bornheim. Thilo Korz | CC BY-NC-SA

Es ist Donnerstagabend, eisig pfeift der Wind durch die Straßen von Frankfurt. Mehrere Dutzend dunkel gekleidete Personen reichen sich Pavillons von einem eilig geparkten Lieferwagen durch, einen Generator, Lautsprecher, eine improvisierte Bar. Wir befinden uns vor einem leerstehenden Haus in der Bergerstraße. Die Initiator*innen von Project Shelter wollen hier einen Raum schaffen, in dem zumindest einige der vielen obdachlosen Refugees in der Stadt selbstverwaltet ein Dach über dem Kopf haben. Gerade eben wurde das Haus besetzt. 4 Stunden später wird es geräumt sein.

Während wir die Materialien aufbauen, warten wir auf eine antirassistische Demonstration aus der Innenstadt, die gerade nach Bornheim, in Richtung des besetzten Hauses zieht. Wer nichts mehr zu tun hat, beginnt sich schützend vor dem Haus aufzustellen. Schließlich könnte die Polizei noch vor Ankunft der Demo eintreffen und Probleme machen. Doch der Demonstrationszug erreicht uns rechtzeitig, gelöster Jubel und Sprechchöre auf beiden Seiten, erleichtertes Aufatmen bei uns Helfer*innen vor dem Haus. Wir waren auf Prügel eingestellt, stattdessen können wir nun erstmal feiern. Wir denken, dass wir mit den gut 400 Anwesenden nun sicherer sind.

„We suffer in the streets!“

Verschiedene Redebeiträge werden vor dem Haus gehalten, bevor die Räumung beginnt. Vor allem Geflüchtete kommen dabei zu Wort. Eine lange, sehr wütende, fast geschriene Rede trifft mich besonders. Ein Geflüchteter richtet sich darin immer wieder an die Menschen aus Frankfurt, die er um Hilfe bittet. Gleichzeitig prangert er voller Wut die Zustände an, unter denen er leben muss: „Migrants here have to live in the streets. But temperatures are falling. We are forced to live like animals! We suffer! Some of us die! This is not human! We’re here to fight for equality! We’re here to fight for our rights!“

Es sind hunderte Migrant*innen vor allem aus dem europäischen Süden, die in Frankfurt obdachlos sind. Viele von ihnen kamen auf der Suche nach Lohnarbeit und Unterkunft in die Stadt. Nach der globalen Kapitalismuskrise fehlte ihnen in Ländern wie Spanien, Italien oder Griechenland oft jegliche Zukunftsperspektive. Dort hatten einige von ihnen einen dauerhaften Asylstatus. Finden sie aber in Deutschland nicht sofort Arbeit, haben sie keinerlei soziale Grundsicherung. Schnell schließt sich ein scheinbar auswegloser Kreis aus Obdachlosigkeit und Erwerbslosigkeit. Verantwortlich sind vor allem der strukturelle Rassismus dieser Gesellschaft und dieses Staates.

Die Staatsmacht kennt kein Erbarmen

Ein Haus, in dem sich die Obdachlosen organisieren können und Unterkunft finden, ist deshalb zwingend notwendig. Schon deshalb, weil die Übernachtung im Freien bei Minusgraden oft lebensgefährlich ist. Die Initiative Project Shelter will einen solchen Schutzraum schaffen. Immer wieder appellieren die Redner*innen daher an die Polizei, Menschlichkeit zu zeigen und das Haus nicht zu räumen. Wir stehen währenddessen frierend herum, wärmen uns mit Tee und Brötchen und warten darauf, was als nächstes passiert. Doch die Staatsmacht kennt kein Erbarmen. Mehr und mehr Bullerei marschiert auf, in ihrer martialischen Kampfausrüstung gleichen die Uniformierten den Stormtroopers aus Star Wars.

Gerade noch gelingt es, das wichtigste Material vor dem Haus wegzuschaffen, bevor die Bullen gegen 23 Uhr mit der Erstürmung bringen. Brutal treiben sie die Unterstützer*innen der Besetzung aus dem Hof des Gebäudes. Etliche durch Knüppel und Pfefferspray Verletzte werden von den anwesenden Sanitäter*innen versorgt. Doch immer wieder strömt die Menge zurück zum Haus. Immer wieder rufen wir „Die Häuser denen, die sie brauchen!“ und „BRD! Bullenstaat! Wir haben dich zum Kotzen satt!“, und versuchen, uns nicht abdrängen zu lassen. Wir wollen und können es einfach nicht akzeptieren, dass dieses Haus nun wieder eine leere Spekulationsruine werden soll. Doch bald sind die staatlichen Schlägertruppen in das Haus eingedrungen.

Ich verachte den Kadavergehorsam

Ich könnte nicht sagen, dass ich die Polizei hasse, auch wenn ich gemeinsam mit den anderen „Ganz Frankfurt! Hasst die Polizei!“ skandiert habe. Hass ist für mich ein sehr persönliches Gefühl, dass ich nur gegen Menschen empfinden kann, zu denen ich eine enge emotionale Beziehung hatte. Wut und Zorn gegen die Bullen habe ich aber sehr wohl, neben einer tiefen und aufrichtigen Verachtung für ihren entmenschlichenden Kadavergehorsam. Wie kann irgendwer ernsthaft glauben, Recht und Ordnung schützen zu müssen, während im Namen des Rechts und der Ordnung Menschen aus dieser Gesellschaft verstoßen werden und ohne ein Zuhause in den Straßen erfrieren?

Bei mir und meiner Bezugsgruppe, mit der ich für die Besetzung unterwegs war, bleiben am Ende des Abends, als wir gegen halb 1 die Szenerie verlassen, Wut, Frust und Betroffenheit zurück. Eine Freundin hat Pfefferspray abbekommen, eine andere humpelt. Das Haus ist verloren. Viele Menschen wurden verletzt. Noch mehr werden weiterhin in den Straßen frieren und sich fragen, was für eine Zukunft sie hier noch haben. Nur eins steht fest: Für eine Zukunft werden wir kämpfen müssen. Gemeinsam, entschlossen, solidarisch. Und wenn nötig, dann auch gegen die Staatsgewalt.

Thilo Korz

Über Thilo Korz

Seit Mitte der 2000er Jahre ist Thilo in antirassistischen Gruppen in Frankfurt aktiv und kämpft zusammen mit Geflüchteten für eine gerechte und menschlichere Welt. Als Unterstützer des Project Shelter berichtet er für uns von einer gescheiterten Hausbesetzung, die obdachlosen Refugees in Frankfurt Unterschlupf bieten sollte.

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