Polizei ließ AfD-Täter laufen

Leute, die sich Augen und Mund zuhalten.

Hat mal wieder nichts gesehen und schweigt dazu: Die Polizei. Dierk Schaefer | CC BY

Vergangenen Samstag wurde bei einer Protestaktion an einem Wahlkampfstand der rechtsradikalen AfD eine der Gegner*innen der Partei durch Pfefferspray verletzt. Der Täter: Ein AfD-Wahlkampfhelfer, der seine Aufgabe offenbar wörtlich verstand. Wir hatten zeitnah berichtet, die Polizei dementiert den Vorfall jedoch: In ihrer Pressemeldung heißt es zwar, ein AfDler sei getreten worden, von dem Pfeffersprayangriff ist dort aber keine Rede. Gegenüber einer bekannten Lokalzeitung äußerte ein Polizeisprecher, „weder hätten die eingesetzten Beamten eine Pfefferspraydose gesehen, noch hätte einer der Gegendemonstranten gesundheitliche Schäden davongetragen.“ Wir haben mit mehreren Zeug*innen gesprochen, die den Angriff alle detailliert bestätigen. Sie belasten vor allem die Polizei, die den rechten Täter unbehelligt ließ.

Kein Glaube an die Polizei

Unter den Zeug*innen des Ereignisses ist auch die Angegriffene selbst, die den Ort des Geschehens verlassen hat, weil sie kein Vertrauen in die Polizei hat. „Weil ich nicht daran glaube, dass diese Institution was gegen rechte Gewalt tut, bin ich gegangen.“, so ihr Kommentar. Tatsächlich wurden auch zunächst die Personalien von einigen Protestierenden aufgenommen. Eine Pressesprecherin der Polizei, an die sich die Zwischenzeit heute zur Klärung des Vorfalls wendete, will sich nicht dazu äußern. Ob der Täter durchsucht worden sei, könne sie nicht sagen und verweist auf „laufende Ermittlungen“. Ein Pfefferspray sei nicht gefunden worden. Währenddessen berichtet uns ein Zeuge, der die Aktion von Anfang bis Ende beobachtet hat, dass die Polizei auch gar nicht danach gesucht hat.

Und die Lokalpresse? Die Allgemeine Zeitung und der Merkurist, die beide berichteten, hielten es nicht für nötig, eine andere Quelle als die Polizei zu befragen. Guter Journalismus sieht anders aus. Auch das Verhalten der Polizei passt in ein bekanntes Muster, in dem rechte Gewalt oftmals verharmlost, ignoriert oder totgeschwiegen wird. Dabei ist sie ein ernstzunehmendes Problem, das geflüchtete Menschen genauso wie emanzipatorisch Denkende oder Antifaschist*innen betrifft. Wir wollen der Ignoranz etwas entgegensetzen. Deshalb veröffentlichen wir hier die Berichte von Augenzeug*innen des Vorfalls.

Die Berichte der Zeug*innen

Im Folgenden lest ihr die Berichte von mehreren Zeug*innen des Ereignisses, die wir lediglich für die Veröffentlichung leicht gekürzt haben. Alle hier zitierten Personen sind der Redaktion namentlich bekannt, auch wenn sie zu ihrer Sicherheit anonymisiert oder ohne Namensnennung sprechen.

Die Angegriffene berichtet

A. wurde durch die Pfefferspray-Attacke im Gesicht verletzt: „Wir kamen an diesem AfD-Stand mit Wahlkampfauto an, an dem gar nicht so wenige Kerle herumstanden, die da ihre rassistische Propaganda verteilt haben. Erst haben wir versucht, den Stand mit einem Absperrband einzuzäunen, damit die Hetzkampagne nicht weiter im öffentlichen Raum ankommt. Danach bin ich auf den Stand zugegangen und habe versucht, die Infomaterialien mitzunehmen. Da ist plötzlich ein Kerl auf mich zugekommen, von der Seite, und hat versucht, mich zu Boden zu bringen. Der hat sich richtig auf mich geworfen! Im Fallen bekam ich dann Pfefferspray ins Gesicht. Ich war aber von mehreren Typen gleichzeitig umstellt und konnte im Versuch, mich da rauszuziehen, nicht richtig erkennen, von wem der Angriff kam. Dann kamen die Bullen. Weil ich nicht daran glaube, dass diese Institution was gegen rechte Gewalt tut, bin ich gegangen. Eindeutig die richtige Entscheidung, wie sich jetzt gezeigt hat. Und das, obwohl eine unabhängige Zeugin noch mal zu denen gegangen ist und von dem Angriff erzählt hat.

M. beschreibt den Täter

M. wurde Zeuge der Ereignisse: „Ein paar Leute begannen, ein Absperrband um den AfD-Stand anzubringen. Ich bin seitlich auf den Stand zugegangen; eine andere Person schaffte es, bis direkt vor den Stand zu kommen. Was dort am Stand passiert ist, konnte ich leider nicht genau erkennen. Danach sah ich aber deutlich, wie die Person von einem aggressiv auftretenden AfDler in grauem Mantel zurückgestoßen wurde, direkt danach sprühte ihr der Angreifer gezielt Pfefferspray ins Gesicht. Der Angreifer ‚patrouillierte‘ weiter um den Wagen, auch mir drohte er mehrmals aggressiv und zeigte mir sein Pfefferspray, das er noch eine Weile in der Hand behielt. Wenige Minuten nach dem Vorfall traf die Polizei ein. Eine Passantin, die das Geschehen beobachtet hatte, sprach mich und die angegriffene Person an und bot uns Hilfe an. Wenig später ging sie zu den Polizist*innen und berichtete ihnen von dem Vorfall.

Arvid hat den Angriff aus nächster Nähe beobachtet

Arvid hat gegen die AfD protestiert und den Angriff aus nächster Nähe beobachtet: „Am Samstag habe ich erfahren, dass die AfD an der alten Universität einen Wahlkampfstand hat. Vor Ort traf ich einige Bekannte. Es gab keinen direkten Plan, was ich da machen wollte – vielleicht die Mitglieder der AfD in Diskussionen verwickeln. Bald begann eine kleine Gruppe Menschen, den Stand der AfD mit Flatterband abzusperren. Plötzlich fingen die AfDler an, extrem zu pöbeln und eine Aktivistin wurde geschubst. Ich stand einige Meter abseits und habe gerade versucht, zu ihr zu kommen um ihr zu helfen, als ihr einer der AfDler mit Pfefferspray eine Ladung ins Gesicht spritzte. Das geschah direkt vor mir, vielleicht in zwei Meter Abstand. Es waren mindestens zwei Männer, die Spray in der Hand hatten, und mindestens einer hat es benutzt. Die eingetroffene Polizei hat es versäumt, das Pfefferspray bei der AfD zu suchen. Es wurde auch zugelassen, dass aufgebrachte AfDler unbeteiligte Zeugen anpöbelten. Ein Mensch mit Kamera hat etwa zehn Minuten, nachdem die Polizei eintraf, ein Bild vorgelegt, auf dem der Täter mit dem Pfefferspray in der Hand zu sehen ist.

Ein Fotograf hat den Täter mit Waffe in der Hand abgelichtet

Unser Fotograf, der die Szene beobachtet hat, bestätigt den Angriff: „Ich habe sehr kurzfristig von einer Störaktion gegen die AfD gehört. Als ich vor der Alten Universität ankam, spannten gerade zwei oder drei Menschen ein Flatterband auf, andere redeten mit Passant*innen, ein paar versuchten, direkt zum AfD-Stand zu gelangen. Von dem Wahlkampfteam ging da ziemlich viel Aggression aus, die Protestierenden wurden laut beschimpft und geschubst. Plötzlich sah ich eine Person straucheln, die gleich von einem AfD-Wahlkampfhelfer mit Pfefferspray attackiert wurde. Ich konnte den Angriff selbst nicht ablichten, aber habe den Angreifer kurz nach der Attacke mit Pfefferspray in der Hand fotografiert. Später habe ich auf Bitte eines Freundes hin das Bild einer Polizistin gezeigt. Sie hat sich das Pfefferspray in der Hand des Angreifers dort noch mal im Zoom zeigen lassen und sich Notizen gemacht.

Mehrere Sprühstöße aus dem Pfefferspray

Ein Aktivist sah den Täter mehrmals mit dem Pfefferspray abdrücken: „Ich stand mit mehreren Freund*innen in der Nähe des AfD-Standes. Während wir das Geschehen dort beobachteten, kamen mehrere junge Menschen hinzu, die Absperrband an Bäumen und Pfosten spannten, um den Wahlkampfbus der AfD herum. Gleichzeitig wurden antirassistische Aufkleber auf dem Boden geklebt und an die Leute verteilt. Eine Aktivistin, die gerade das Absperrband zu Ende gezogen hatte, wollte am Wahlkampfbus vorbei, auf die andere Seite. Als sie dabei auf einen aggressiv schreienden AfDler mit Pfefferspray traf, rutschte sie aus, was dem AfDler die Möglichkeit gab, der Aktivistin eine ordentliche Ladung Pfeffer direkt ins Gesicht zu sprühen. Ich sah genau, wie der Mann auf sie zielte und mehrere direkte Sprühstöße aus dem Pfefferspray abfeuerte.

Christian Borchert

Über Christian Borchert

Christian Borchert hat in Mainz Politikwissenschaften und Soziologie studiert, um dann nach Abschluss seines Studiums 2012 erstmal nach Frankreich zu verschwinden. Dort hat er Häuser besetzt und verschiedene urbane, linke Projekte bei ihrer Pressearbeit unterstützt. Sein Arbeitsschwerpunkt sind populistische, politische Strömungen und die Hausbesetzer_innenszene. Seit April 2014 wirkt er auch als Autor bei der Zwischenzeit mit.

3 Gedanken zu “Polizei ließ AfD-Täter laufen

  1. Antispe.Mainz

    In Mainz haben die Bande zwischen Polizei und Rechtspopulisten eine lange Tradition. Dürfte aber überall in Kaltland so sein.

    Zu erinnern wäre z.B. an Gabriele Bannier von den Mainzer Republikanern. Oder Elke Lohr von ProMainz. Beide sind/waren Polizeibeamtinnen.

    Ich und 2-3 Freunde wurden vor Jahren in MZ mal vor einem Döner-Laden von einem neonazistischen Jura-Studenten mit einer scharfen Schusswaffe bedroht. Passanten holten die Polizei. Wir haben denen Cops mehrfach gesagt, dass der Typ faschistische Sprüche rausgelassen hat und es deswegen zum Streit kam. Der politische Hintergrund hat die Herren und Frauen Beamten aber nicht die Bohne interessiert. Erwischt haben sie den Typen natürlich auch nicht…

  2. AliBaba

    Könntet ihr bitte die Einstellung für die Textfarbe ändern/ändern lassen. Das würde die Lesbarkeit des Text verbessern.

    mfg AliBaba

  3. Interessierte

    Ändert bitte die Schriftfarbe auf schwarz oder erhöht anders den Kontrast, damit man die Seite besser lesen kann

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