Praktischer Patriotismus

Flugblatt: PEGIDA zu Gast an der Uni?

Ein Flugblatt fragt rhetorisch: Ist PEGIDA zu Gast an der Uni? Puja Matta | CC BY-NC

Für den heutigen Abend lud das Studium Generale ein, um über den Begriff „Heimat“ zu diskutieren – ausgerechnet mit dem für seine Nähe zu neurechten Bewegungen heftig kritisierten Werner Patzelt. Die Linke Liste hatte bereits auf die Stellungnahmen der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen der TU Dresden verwiesen. Auch Studierende der TU Dresden haben öffentlich auf ihn aufmerksam gemacht.

Der praktische Patriotismus greift um sich

Vor Ort entspricht Patzelt allen Erwartungen: Er wirbt für einen „praktischen Patriotismus“, spricht im Vortrag immer wieder von „deutscher Kultur“ und von den „Anderen“. Darin wird schnell Kritik laut: Bereits eingangs kritisieren Studierende den Vortragenden. Sie verwiesen darauf, dass Patzelt der Jungen Freiheit, bekannt als Sprachrohr der neuen Rechten, ein Interview gegeben hatte. Sein gesamter Vortrag beruhe auf fragwürdigen Prämissen, zurecht muss die Wissenschaftlichkeit des Vortrags in Frage gestellt werden, so die Kritik.

Mit keinem Wort kann Patzelt trotz mehrfacher Nachfrage erklären, was „deutsche Kultur“ ist. Eine weiße Studierende ruft das Stichwort „Kolonialismus“ in den Saal. Auch die koloniale Zeit sei geprägt von Menschenverachtung und Genoziden. Schließich behauptet Patzelt, „Deutschland sei traumatisiert“ von 12 Jahren seiner Geschichte; mehr als 6 Millionen Tote verschweigt er. Eine PoC-Studierende stellt fest: Patzelt reproduziert eine eindeutige rechte Rhetorik der AfD. Mehrfach danach noch verweisen Studierende und Zuschauer*innen auf die gefährliche Rhetorik Patzelts, der so weit geht, Adorno und Marx für seine kruden Ideen zu bemühen.

Eine Drohkulisse für die Kritiker*innen

Im Laufe der Veranstaltung drohte einer der beiden Moderator*innen aus der Dozierendenschaft einer PoC mit Übergriffen durch das angeheuerte „Schutzpersonal“, weil sie ein Megaphon bei sich trug. Aktiv wirkt der weiße Dozierende an der Drohkulisse mit, als er sich finster in der Nähe der letzten Reihen aufbaut. Besonders von dort sind immer wieder kritische Stimmen von PoCs zu hören. Als nach dem Vortrag eine Schwarze Studierende das  Verständnis von „Deutsch“, „Kultur“ und den vermeintlich „Anderen“ thematisieren will, versucht die andere Weiße Moderatorin, der Studentin das Mikrofon zu entziehen. Das alle Weißen sich ungehindert ausdrücken konnten, einschließlich Patzelt, der volle 70 Minuten reden durfte, irritiert die Moderatorin nicht weiter.

Es ist ein eklatantes Missverhältnis, dass heute Abend ins Auge springt: Auf der einen Seite sind da die Dozierenden, die Patzelt als vermeintlich neutralen Wissenschaftler einladen. Seine Nähe zur Neurechten Szene stört offenbar niemanden. Zum Sündenbock werden hingegen die sich lautstark artikulierenden PoC, denen unsachliches, wissenschafts- und demokratiefernes Verhalten vorgeworfen wird, wenn sie Patzelt nicht unbegrenzt Raum lassen wollen. Eine der Protestierenden fasst es treffend zusammen: „Es wird Zeit, dass wir dieser verzerrten Wahrnehmung von Realität etwas entgegensetzen.“

Puja Kaur Matta

Über Puja Kaur Matta

Puja studiert an der JGU. Neben dem Studium twittert sie gerne. Meist über Vorfälle im Alltag. Am liebsten schaut sie in den Sternenhimmel und versucht sich an der Hobby-Astronomie, oder protokolliert ihr halbes Leben auf Instagram.

7 Gedanken zu “Praktischer Patriotismus

  1. Pingback: Mainzer Narreteien | etc.pp – Patzelts Politik

  2. Jacqueline Meier

    Ich lese seit vielen Jahren die Blogbeiträge von Patzelt. Seit einiger Zeit auch die Facebookartikel und die Kommentare.

    Patzelts Beiträge sind eine unschätzbare Quelle politischer Bildung.

    Sein Kommunikationsstil sowie seine Art der argumentativ klugen, intelligenten, gewitzten und analytisch brillanten Auseinandersetzung mit verschiedenen Meinungen ist unbedingt nachahmenswert, weil förderlich für einen konstruktiven und respektvollen Umgang miteinander. Ist einer/einem Andersdenkenden allerdings nicht mehr zu helfen, laufen Argumente und Fakten ins Leere, dann ist eine weitere Diskussion mit dieser Person verschwendete Zeit. Und man lässt es dann. Jedenfalls was die schriftliche, öffentliche Auseinandersetzung angeht.

    Patzelt ist definitiv kein Rassist.
    Patzelt ist nicht im mindesten menschenverachtend.
    Im Gegenteil.

    Ich habe zu der Mainzer Vorlesung den Bericht der Universität selbst gelesen sowie eine Schilderung eines anderen Anwesenden. Und natürlich den Blogartikel von Patzelt.

    Was du hier schreibst, ist schlicht falsch.
    Und in der Art und Weise der Weglassung von Fakten sogar beängstigend.

    Ich kenne dich nicht. Aber mit diesem Artikel stellst du dich mir dar wie die Mitläuferin einer Diktatur, die hörig gegen Andersdenkende vorgeht.

    Ich hoffe, dass du zu Selbstreflexion in der Lage bist. Und dass du dich selbst schlau machst und dir eine Meinung bildest, bevor du gegen andere polemisierst und vorgehst.

  3. Dennis FirmansyahDennis Firmansyah

    Hallo Jacqueline,
    Die Arbeit von Werner Patzelt besteht darin, Nationalismus und Patriotismus zu verbreiten. Er verteidigt und verharmlost PEGIDA. Dem können wir uns nicht anschließen, weil PEGIDA, Nationalismus und Patriotismus sich gegen Minderheiten richten, weil sie den Zusammenhalt zwischen Menschen untergraben und Gruppen gegeneinander aufhetzen wollen.
    Ein Flugblatt der LiLi, das auf der Veranstaltung verteilt wurde fasst diese Argumente gut zusammen:
    https://www.facebook.com/linkelistemainz/photos/?tab=album&album_id=371456086564510
    Außerdem ist es für eine Universität, die vorgibt diskutieren zu wollen natürlich unangemessen, eine Drohkulisse aufzubauen.

    Dein Satz von der Diktatur ist abwegig. Guck dich doch mal um, welche gesellschaftlichen Kräfte gerade liberale Werte, wie Pressefreiheit und Gewaltenteilung, angreifen: Es sind Nationalisten – in Ungarn, Polen, der Türkei oder den USA.

  4. Jacqueline Meier

    Hallo Dennis,
    danke für die Antwort.

    Zum einen hätte ich erwartet, dass die Verfasserin selbst antwortet.

    Zum anderen muss ich aufgrund dessen, was du schreibst, davon ausgehen, dass auch du noch nichts selbst von Prof. Patzelt gelesen hast. Wie kannst du dir da ein Urteil erlauben? Wieso lässt du dich von einem Flugblatt (ver-)leiten, dass einen zwei Jahre alten Sachverhalt wiedergibt und zudem noch einseitig und vor allem: falsch? Patzelt verharmlost Pegida? Das ist so was von falsch: er untersuchte als Wissenschaftler ein gesellschaftliches Phänomen, er hat Studien angestellt, um zu begreifen und zu vermitteln, was da vor sich ging: denn nur, wenn man etwas wirklich begreift, kann man was wirkungsvolles unternehmen. Rumpöbeln und mit Ismus-Begriffen um sich werfen kann jede/r.

    Aber ankommen tut es darauf:

    „Ernst nehmen, was an Sorgen und Anliegen hinter den – nicht selten ungehobelten und missratenen – Aussagen von Pegida-Demonstranten steht. Auch politische Gegner nicht verteufeln. Keine Forderungen durchgehen lassen, die sich gegen unsere freiheitliche demokratische Grundordnung, Minderheiten, Eingewanderte oder Ausländer richten. Demonstrieren für die Werte unserer offenen Gesellschaft, auch auf der Straße. Rechtzeitig vor Ort mit den Bürgern über Unterkünfte und Integrationsmöglichkeiten für Zuwanderer sprechen. Und in einem bundesweiten, offenen Diskurs tragfähige Grundzüge einer nachhaltigen Einwanderungs- und Integrationspolitik entwickeln.“

    Ich glaube, dieses reflexhafte Ausgrenzen von – vermeintlich- oder tatsächlich Andersdenkenden kommt daher, dass man Angst hat, keine Argumente zu haben, wenn es darauf ankommt. Das verstehe ich. Aber ich würde dennoch nicht so vorgehen.

    Zum Patriotismus: Erst bei Prof. Patzelt habe ich erst mal begriffen, was Patriotismus – auch – sein kann und vor allem: wünschenswert ist in diesen Zeiten, wo demokratische Werte in Gefahr sind.

    „Patriotisch ist, wer sein Land und dessen Leute mag, zu einer guten gemeinsamen Zukunft und zum Gemeinwohl beiträgt und sich für die freiheitliche demokratische Grundordnung einsetzt.“

    Ich muss sagen: dazu habe ich Lust. Dazu kann jede und jeder Lust haben und beitragen, der oder die will. Da wird niemand ausgegrenzt. Es sei denn, man mag es, sich ausgegrenzt zu fühlen oder sich durch die eigenen Gedanken selbst auszgrenzen.

    Ich für meinen Teil mag auf jeden Fall die starke Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement. Ich mag nicht Gleichgültigkeit, Untertanentum, Obrigkeitshörigkeit und jede Form von Radikalisierung zum Selbstzweck, sowie ideologische Verblendung / Verblödung, Schicksalsergebenheit.

    Mein Satz bezüglich des Mitläufertums bezieht sich auf den vorliegenden Artikel und seine Verfasserin. Das ist meine Meinung und sie ist nicht abwegig.

    Pressefreiheit: Bedeutet aus meiner Sicht nicht, Fakten zu unterschlagen zu dürfen, bloß weil das, worüber man schreibt, einem nicht passt.

    Das machen die, die gegen Pressefreiheit sind und sich von ihr bedroht fühlen. Und sie deshalb kraft ihrer Wassersuppe abschaffen wollen. Oder die, die Presse für Propaganda missbrauchen.

    Aber es gibt auch Journalisten und Journalistinnen, die die Pressefreiheit für die eigene, persönliche Freiheit nutzen, polemisches Zeug und als Wahrheit
    betiteltes, jedoch bloß die eigene, unreflektierte Meinung wiedergebendes zu verbreiten. Und zwar aus allen ideologischen Lagern.

    Demokratische Werte sind in Gefahr. Ja! Und zwar werden sie bedroht und missachtet von Menschen, die Ideologien anhängen.

    • Dennis FirmansyahDennis Firmansyah

      Jacquelin,

      PEGIDA ist eine Bewegung, die Rassismus versucht mehrheitsfähig zu machen. Sie operiert mit der Aufwertung der eigenen Gruppe (s. Patriotismus) und der Abwertung der anderen. Werner Patzelt sagt in einem Beitrag für die extrem rechte Zeitung „Junge Freiheit“ im September 2015:

      „Mancher wünscht, durch zahlreiche Einwanderung das Deutsche an
      Deutschland auszudünnen. Oder man will „zurückgebliebene Ossis“ durch
      Ansiedelung von Migranten zwangsmodernisieren. Oder Nationen und Grenzen
      ohnehin abschaffen – weil es ja nur Menschen, nicht aber obendrein
      Gesellschaften mit bewahrenswerter Kultur gäbe.“

      Wie leicht zu erkennen ist, unterscheidet Werner Patzelt zwischen bewahrenswerten und nicht-bewahrenswerten Kulturen. Damit geht er von der Ungleichwertigkeit der Menschen aus. Er verschreibt sich einer Weltsicht, in der er eine Eigengruppe von einer anderen abgrenzt, sie als höherwertig beschreibt und so etwas wie ihr Wesen erhalten will.

      Ich sehe ein, dass du das sympathisch finden magst und dass du Patriotismus ganz toll findest. Ich habe eine andere Sichtweise, nämlich die der Gleichwertigkeit aller Menschen, ich glaube nicht daran, dass es ein Wesen von Kulturen gibt, dass ausgedünnt oder verdickt werden kann, sondern sehe Kulturen als offene Prozesse, die sich ständig verändern. Es gibt eine Welt, in der Menschen es nicht nötig haben, auf ein Land stolz sein zu wollen, weil sie aus ihrem eigenen solidarischen und gerechten Handeln genug Selbstwert schöpfen können.

      Unsere Gesellschaft hat einige dringende Aufgaben zu lösen, um eine gerechte, grenzenlose und solidarische Welt aufzubauen: Die Umverteilung von Macht und Geld von oben nach unten und die Beseitigung aller Formen von strukturellem Rassismus. Dass du Lust dazu hast, patriotisch zu sein und Werner Patzelts Verharmlosungen von PEGIDA total witzig und intelligent findest, wird dabei vermutlich wenig helfen. Unsere Standpunkte sind klar geworden, ich denke es macht keinen Sinn sich weiter zu unterhalten.

  5. Jacqueline Meier

    Aber eines muss ich noch loswerden: so dermaßen einen Sachverhalt zu verdrehen und umzudeuten, um es im eigenen Sinn zu verwenden, das zeugt entweder von intellektueller Minderbegabung, absichtlicher Verdrehung zu eigenen Zwecken oder schlicht Denk- /Lese und Reflexionsfaulheit.

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