Pulse Of Europe: „Zum Kotzen“

Eine große Menschenmenge von Europafahnen und Luftballons.

Teilnehmer*innen einer "Pulse Of Europe"-Kundgebung, hier in Köln. Raimond Spekking | CC BY-SA

Am Sonntag hatten sich lediglich 500 Mainzer*innen versammelt, um im Herzen der Stadt für die europäischen Werte einzutreten. Aufgerufen hatte dazu die Bürgerinitiative „Pulse Of Europe„, die in weiteren Städten Deutschlands ebenfalls Kundgebungen durchführte. Nach zahlreichen Redebeiträgen endete die Veranstaltung auf dem Gutenbergplatz nach zwei Stunden.

Mit einigen Lautsprechern wurde der Platz vor dem Theater mit Redebeiträgen über europäische Werte beschallt. Man wolle ein Zeichen für ein weltoffenes Europa setzen und  gegen die europafeindliche Stimmung Stellung beziehen. Stets betonten die ausschließlich weiß-positionierten Redner*innen, sich gegen den Rechtsruck der Gesellschaft bemerkbar zu machen. Stefan, der zufällig vorbei gekommen war, betrachtete die Veranstaltung mit einer inneren- kritischen Distanz, „das was hier gesagt wird, könnte auch von den Identitären sein, denn in deren rassistisches Weltbild passt ein Europa ganz gut rein“. Stefan will die Bürgerinitiative in Mainz weiter beobachten, denn schließlich entpuppte sich die letzte Bewegung für europäischen Patriotismus in Dresden als Anlaufstelle für Rassist*innen. Es könnte gut sein, dass auch heute wieder Rechtsgesinnte mit dabei sind.

Kritische Beobachtung europäischer Patriot*innen

Schließlich fordern die Veranstalter dazu auf, die europäische Hymne zu singen. Zunächst ist unklar, ob auf der Veranstaltung ein europäischer Patriotismus gefeiert wird, der den Nationalpatriotismus einfach ersetzt oder ob die Idee Europas für sich stehen kann. Während viele ihre Flaggen schwenken, kennen wohl einige den Text der Hymne nicht gut genug, um ihren europäischen Patriotismus Ausdruck zu verleihen.

In den folgenden Redebeiträgen weiß-positionierter Personen wird schnell ersichtlich wofür „Pulse Of Europe“ steht. Die Redenden betonen, wie wichtig die europäische Idee ist, die jedoch die nationale Identität nicht gefährdet. Maria, die ebenfalls mit Abstand die Kundgebung betrachtet, analysiert: „Ich denke nicht, dass es um europäischen Patriotismus geht. Hier wird offen für nationalen Patriotismus geworben, aber dazu kann man auch Europa haben.“ Auch sie ist sich sicher, dass Rechtsradikale und Rechtskonservative sich gut mit der Veranstaltung identifizieren könnten.

„Waschechte Franzosen“

Der nächste weiße Redner wird als „waschechter Franzose“ vorgestellt, obwohl der Student in Mainz geboren und aufgewachsen ist. Er betont in seiner Rede die Vorteile der Europäischen Union: die Freizügigkeit, die Reisefreiheit und die Zahlung mit derselben Währung.

Der nächste weiße Redner antizipiert die Kritik an der Bürgerinitiative, indem er abermals betont, wie wichtig es wäre, ein Zeichen für Europa zu setzen. Im Vorfeld ist bereits mehrfach bemängelt worden, dass es der bürgerlichen, liberalen Bewegung an konkreten politischen Forderungen fehlt. Auch übt sich der Redner in einer verkürzten Medienkritik: „Das ist zum Kotzen, was ich in den Nachrichten sehe. Ständig wird über die Rechtsextremen berichtet, wir müssen etwas dagegen tun und ein Zeichen für Europa setzen“. Weiter fordert er die Zuschauenden auf, sich in Organisationen einzubringen. Welche genau er meint, erklärt er nicht. Dennoch wird er lautstark bejubelt. Es wirkt so als würden die Anwesenden sich selbst dafür applaudieren, sich am Sonntag eine Stunde Zeit genommen zu haben, um am Theaterplatz zu stehen.

Offene Grenzen oder Abschottungspolitik?

Als am Ende der Veranstaltung das Mikrofon für alle offen ist, sprechen auch hier wieder nur weiß-positionierte Menschen. Sie betonen die Reisefreiheit, insbesondere die zwischen Deutschland und Frankreich und dafür stehe Europa. Allerdings sind die Beiträge  nur aus der Sicht jener zu betrachten, die die Staatsangehörigkeit eines europäischen Landes haben. Die Reisefreiheit und Freizügigkeit existiert in Europa nicht für alle. In der Dublin-II-Verordnung ist festgelegt, dass Schutzsuchende einen Asylantrag in dem Land stellen dürfen, welches sie zuerst betreten haben; die Residenzpflicht in der Bundesrepublik schränkt die Bewegungsfreiheit der Asylbewerber*innen weiter ein und auch die gesonderten Wohnsitzauflagen der Gemeinden für Geflüchtete sind diskriminierend.

Es stellt sich die Frage, für welche Grenzpolitik die Bürgerinitiative „Pulse of Europe“ steht – für eine offene oder eine abschottende, die weiter den billigend Tod Tausender in Kauf nimmt? Sowohl die Redener*innen als auch unkritische Zuschauende scheinen selbst nicht genau zu wissen, wofür sie gemeinsam stehen wollen. Stets wird die Notwendigkeit des Symbolismus überbetont. Aber es entgeht ihnen nicht, dass womöglich die eigenen Privilegien gefährdet sind. Das wiederum macht es erforderlich, am Sonntag kurz auf dem Gutenbergplatz ein Zeichen zu setzen.

3 Gedanken zu “Pulse Of Europe: „Zum Kotzen“

  1. Müller-kriz

    Gerne kann die Autorin in den Sternenhimmel schauen und dort lösungen suchen, leider hat die Astronomie noch nie Ansätze geliefert.
    Der Artikel, der alles im Keim ersticken soll, macht mich echt betroffen. Vor allem die ständige Wiederholung von “ weiße Redner“ finde ich sehr unpassend. Falls die Autorin farbig ist, hatte sie sich auch Zu Wort melden können.
    Übrigens dauerte die Veranstaltung genau 1 std, was vermuten lässt, dass die Verfasserin nicht anwesend war.
    Konstruktive Kritik wäre schön, aus dem einfachen Grund damit der rechten Szene Paroli geboten wird. Leider hat die Autorin überhaupt nicht verstanden , was Europa und die Errungenschaften bedeutet.

  2. Jan ZombikJan Zombik

    Waren die Redner*innen denn nicht alle weiß? Ich finde die Kritik konstruktiv: Wer sagt denn, dass es beispielsweise nicht möglich sein soll, im eigenen Lob der Freizügigkeit diejenigen mitzudenken, denen sie nicht gewährt wird? Ich sehe nicht, dass der Artikel den Beteiligten die Fähigkeit zum Umdenken oder Weiterdenken abspricht.

  3. paul

    Fand den Artikel auch gut und würde eigentlich auch meinen die Autorin hätte freundlich eigene konstruktive Vorschläge eröffnet:
    Eine Demo die ein pluralistisches Europa fordert, täte gut daran nicht nur weiße Europäer*innen teilhaben zu lassen. Klare Positionen zur Europäischen Migrations- und Sozialpolitik wären da die eine Sache, den eigenen Anspruch durch die eigenen Redner*innen repräsentieren dann die nächste…

    Und einen eigenen Tipp hätte ich auch noch:
    Wenn niemand „die Europa-Hymne“ singt, dann liegt das vermutlich daran dass anstatt der tatsächlichen, textlosen Europahymne die Vertonung von Schillers „Freude schöner Götterfunken“ gesungen wurde, (-pardon, ich kann es nicht anders ausdrücken:) diese Ottos… (-_-)“
    Vielleicht nur ein menschlicher Irrtum, aber auch gleichzeitig von der Symbolik betont deutsch und nur noch beiläufig europäisch…

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