Rappen, um die Stimme zu finden

"Die Angst vor den Gedanken verlieren", so heißt das neueste Album von Lena Stoehrfaktor. Tina und Jamila |

Lena Stoehrfaktor und das Rattenkabinett sind vor Kurzem nach Mainz gekommen und haben im Haus Mainusch ein Konzert mit lokalen Rapper_innen gegeben. Die Zwischenzeit traf sie, um über unerhörte Stimmen, Freiräume und den tadellosen Lebenslauf zu sprechen.

Zwischenzeit: In deinem Track „Unerhört“ rappst du über Stimmen, die nicht gehört werden. Was meinst du damit?

Lena Stoehrfaktor: Wenn Minderheiten in dieser Gesellschaft etwas zu ihrer Position beitragen wollen, finden sie oft wenig Gehör. Das hat auch viel mit mir selber zu tun. Wenn es früher um meine Anliegen ging, hatte ich immer das Gefühl, es interessiert die Leute, jedenfalls die Mehrheitsgesellschaft, nicht. Jetzt weiß ich, warum meine Anliegen nicht gehört wurden. Durch das Rappen kann ich das ausdrücken.

Viele deiner Lieder sprechen politische Themen an. In einem sagst du „Freiräume in den Köpfen, Freiräume in der Straße, Freiräume entstehen in der Seifenblase“.

Ja. Das mit der Seifenblase beschreibt sehr bildlich, wie Träume oft als Quatsch abgetan werden. Die Gedanken, die man sich macht, sind aber oft sinnvoll. Gerade für politischen Aktivismus finde ich das wichtig. In meinem Track „Die Angst vor den Gedanken verlieren“ geht es darum, dass Gedanken, die eine Veränderungen im System bewirken, oft mit uns selbst verknüpft sind. Wenn wir unsere eigene Rolle im System reflektieren, dann bekommen wir manchmal Angst. Aber das Sich-Gedanken-Machen ist einfach eine Voraussetzung für den politischen Aktivismus. Es ist wichtig, nicht einseitig zu werden, sondern in alle Richtungen zu denken.

In Mainz hat sich gerade zum zweiten Mal die Räumung des Kulturzentrums in der Oberen Austraße gejährt. Auch auf der Nachttanzdemo in diesem Jahr waren Freiräume ein Thema. Was sind deine Gedanken zu Häuserbesetzungen?

Die Räume sind wichtig. Beim Straßenkampf oder Häuserbesetzen sind oft Parolen im Spiel, die wir verinnerlicht haben und wiedergeben. Wir sollten aber nicht vergessen, immer zu überlegen, was Freiraum bedeutet und wieso wir welche Räume brauchen. Was kann man machen, um sich auch im Kopf Freiräume zu schaffen? Die Möglichkeiten von Besetzungen sind begrenzt. Vieles halten wir für unmöglich und das, was ist, sehen wir oft als selbstverständlich. Es ist wichtig, immer weiter zu denken, auch wenn einem gesagt wird, dass der Status Quo halt so ist und so bleiben wird. Damit sollten wir uns nicht zufrieden geben, sondern weiter hinterfragen, warum Verhältnisse so sind, wie sie sind.

Die Verhältnisse haben immer auch mit uns selbst zu tun und mit den Entscheidungen, die wir treffen. Mir kommt es so vor, als kritisiert du in deinem Track „Tadelloser Lebenslauf“, den angepassten, karriereorientierten Menschen. Was ist dein Problem mit diesem?

Ich finds nicht unbedingt problematisch, wenn Leute einen guten Job haben. Den Track hab ich geschrieben, weil ich einen Artikel über eine Elitschule gelesen habe, wo es immer darum ging, einen tadellosen Lebenslauf zu haben. Aber für die Karriere zahlt man auch einen Preis. Wozu um jeden Preis die Karriere? In der Leistungsgesellschaft herrschen Werte, die besagen „Setz dich durch!“, „Mach andere platt!“ oder „Sei besser als alle anderen!“ Diese kapitalistischen, neoliberalen Werte kann ich nicht vertreten.

Das vollständige Interview mit Musik von Lena Stoehrfaktor könnt ihr in der Radiosendung Radio Quer aktuell am Mittwoch, den 10. September (17-18 Uhr) hören. Das Radio sendet auf der UKW Frequenz 92,5. Über das Kabel kann es in Mainz auf 102,7 oder in Wiesbaden auf 99,85 empfangen werden. Die Webversion könnt ihr hier streamen.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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