„Recht auf Stadt“ ist theoretisch praktisch

Halb im Dunkeln, halb im Licht: Das Recht auf die Stadt. Aesthetics of Crisis | CC BY-NC-SA

„Recht auf Stadt!“ ist ein Slogan, der manchen Gruppen in Mainz als politisches Thema gilt. Unter diesem Motto rufen Menschen Sprüche auf Demos, besetzen Häuser, organisieren Nachttanzdemos und, und, und … Doch was ist eigentlich ihr oder unser Problem mit der Stadt? Könnt ihr auf diese Frage antworten? Natürlich lassen sich hier konkrete Beispiele anführen, wie etwa die Privatisierung des Zollhafens oder die hohen Mieten in der Innenstadt. Jedoch decken diese Beispiele gar nicht alle Gründe dafür ab, weshalb das Thema „Recht auf Stadt“ wichtig ist und sowohl praktische als auch theoretische Auseinandersetzung fordert. Zum Glück gibt es da einige Gedankengebäude auf die mensch sich beim argumentieren stützen kann.

Der Geograph Tim Cresswell veröffentlichte  im Jahr 1996 das Buch „In Place/Out of Place“. Die Gedanken, die er darin entwickelt, passen zur Tradition der Kritischen Geographie; eine Denkrichtung, die sich kritisch mit der Beziehung von Gesellschaft und geographischen Räumen – Städten, öffentlichen Plätzen und Gebäuden, Straßen und mehr – auseinandersetzt. Auch Autoren wie David Harvey, Edward W. Soja und Robert David Sack gehören dieser Denkrichtung an und haben viel über „Recht auf Stadt“ geschrieben. Sie wollen aufzeigen, wie der Stadtraum nicht nur gesellschaftlich geschaffen wird, sondern seinerseits die ihn umgebende Gesellschaft reproduziert.

Normen werden dort sichtbar, wo mit ihnen gebrochen wird

Zu Beginn des Buches erzählt Cresswell von Verbrechen, die an unterschiedlichen Orten, wie etwa in einem Park oder in einer Bar begangen wurden. Damit illustriert er bestimmte soziale und kulturelle Erwartungen, die an Orte gestellt werden. In einer Kirche etwa verhält mensch sich leise – genau wie in einer Bibliothek. Wenn wir in einer Kirche also auf den Knien mit gefalteten Händen etwas murmeln, dann haben wir die Erwartungen, die an diesen Ort gestellt werden, nicht nur aus dem Raum „gelesen“ – wir erhalten sie auch aufrecht, indem wir ihnen nachkommen. Tanzen wir in einer Kirche jedoch nackt auf dem Altar, dann haben wir die Erwartungen an Verhaltensnormen in diesem Raum nicht nur enttäuscht, sondern auch mit ihnen gebrochen und Alternativen aufgezeigt. Wir haben somit eine Transgression begangen. Das heißt, dass wir eine Grenze überschritten haben, die erst durch unsere Überschreitung sichtbar wird. Wer eine Transgression begeht, wird als deviant, als abnormal angesehen, als „out of place“.

Cresswell schreibt über Graffitti Künstler in New York, Hippies in Stonehenge und über das Frauenprotestcamp in Greenham. Sie alle verbindet, dass sie eine oder mehrere Transgressionen begehen. Nun stellt Cresswell aber auch fest, dass eine bestimmte Ideologie einen bestimmten Raum produziert und andersherum. Etwas einfacher bedeutet das, dass jede Grenzüberschreitung immer zur Offenlegung und Infragestellung der Regeln und Normen beiträgt, die einen Ort prägen. Der mediale Aufschrei in England, der das Frauenprotestcamp begleitete, läßt das deutlich werden: Frauen würden nicht in den Schmutz auf dem Feld oder auf Barrikaden gehören, denn sie hätten Pflichten, wie sich um Kinder zu kümmern. Diese Diskussion in den Medien, die der Aktion der Frauen folgte, offenbarte also die vorherrschenden Geschlechternormen, die durch das Protestcamp in Frage gestellt wurden.

Weitere Beispiele lassen sich leicht finden: Ein leerstehendes Haus wird besetzt um darin ein Autonomes Bildungszentrum zu eröffnen und gleich darauf polizeilich geräumt. Hier haben die Besetzer_innen eine Transgression begannen. Die Staatsgewalt, die die dominante Ideologie Hinsichtlich des Privateigentums aufrecht erhält, reagiert auf den Regelbruch mit Räumung. Leerstehende Häuser sollen schließlich nicht den Bedürfnissen der Menschen entsprechend nutzbar gemacht werden, sie sind Privateigentum und sollen im leeren Zustand bleiben. Ein weiteres Beispiel: Bei einer Nachttanzdemo tanzen Menschen auf der Straße. Der Anlage wird der Saft abgedreht, bis sie kaum zu hören ist, denn die Straße ist nicht zum tanzen da, sondern zum Autofahren.

Der Regelbruch zeigt, wer die Regeln macht

Doch Moment mal – wer definiert das eigentlich? Jede Transgression, jeder Normenbruch zeigt auch, wer die Macht im betroffenen Raum hat, denn wer die Macht hat, macht die Regeln und entscheidet, was davon abweicht. Die Stadt, also der Raum, in dem wir leben, ist voller Regeln und Verhaltensnormen. Einige davon gefallen uns nicht, denn wir wurden nie gefragt, ob wir mit ihnen einverstanden sind. Die Menschen, die diesen Raum bewohnen, haben in ihm nicht die Macht festzulegen, wie sie sich verhalten. Fallen sie aus dem Rahmen, so werden sie bestraft – von der StVO, dem BGB, der BFE oder einer anderen autoritären Instanz, die stets die in dem Stadtraum dominierende Ideologie vertritt – zum Nachteil der weniger Priviliegierten.

„Recht auf Stadt“ heißt aber Recht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung von dem Ort an dem wir leben. Also auch, dass Menschen die Normen der vorherrschenden Ideologie des Stadtraums in Frage stellen und neue Regeln auf Augenhöhe und „von unten“ diskutieren und legitimieren. Nur so kann verhindert werden, dass Menschen ausgeschlossen werden. Um ein anderes Miteinander in der Stadt als Freiraum zum Leben zu erreichen, sind abweichendes Verhalten und Normenbrüche als Mittel also ziemlich zielführend: Wo auch immer sie sich im Stadtraum ereignen, stellen sie jene Machtverhältnisse in Frage, die dafür verantwortlich sind, dass die Stadt, wie sie jetzt ist, den Bedürfnissen und Wünschen vieler ihrer Bewohner_innen nicht gerecht wird.

Und jetzt zurück in die Praxis! Protestcamps in Parks, „Wohnzimmer“ am Zollhafen, Graffitis, Theater im öffentlichen Raum, spontane Stadtbildveränderungen, … der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, denn das besonders Schöne an Transgressionen ist: Es ist viel mehr nicht erlaubt als erlaubt. Es müsste also ziemlich einfach sein, die Verhältnisse in der Stadt zum Tanzen zu bringen.

Lotta Liest

Über Lotta Liest

Lotta liest am liebsten Bücher, die aufregend sind, die von Politik, Theorie, sozialen Bewegungen oder der Praxis des Widerstands handeln. Sie hat auch mal studiert. Heute lernt sie von ihrer Umwelt und hat Spaß dabei.

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