Revolutionäre vor Gericht

Straßenschild

"Wir schlagen euch vor, Mainz vorläufig zum Mittelpunkte für sämtliche Arbeiter-Vereine zu wählen." – Carl Wallau Zwischenzeit | CC BY-NC-SA

Eine Gruppe revolutionärer Frauen und Männer stehen vor Gericht. Darunter auch Carl Wallau, späterer Oberbürgermeister der Stadt Mainz. Der Präsident des rheinhessischen Hochverratsprozesses eröffnet das Verfahren: „Die Anklage lautet auf Aufruhr, Hoch- und Landesverrat“, es gehe um „Verbrechen, welche gegen die Existenz des Staates gerichtet“ seien. Mainz befindet sich im Aufstand.

Die Tumulte haben in den Mainzer Weinstuben angefangen. Am 21. Mai 1848 treffen dort preußische Soldaten und die revolutionäre Mainzer Bevölkerung aufeinander. Einen Monat zuvor hat es Sabotageaktionen der Binnenschiffer und Eisenbahner gegeben, die soziale Frage brennt der Stadt, der Region, der ganzen Welt unter den Nägeln.

Die Kämpfe zwischen den preußischen Soldaten und den Mainzer Revolutionär*innen breiten sich in der gesamten Stadt aus. Es dauert einige Tage, bis die Revolution niedergeschlagen wird. Doch ihre „unabweislichen Forderungen“ sind überliefert. Eine „freie Presse“, die „Zurücknahme des Polizeistrafgesetzbuches“, die „möglichste Verminderung des stehenden Heeres“, die „volle Gleichstellung aller Religionsculten“ und eine „freie Gemeindeverwaltung, ohne die alles beengende Bevormundung durch Beamte“ zählen darunter.

Ein Leben mit Kurven und Sackgassen

Die Geschichten und Biographien der Frauen und Männer, die in Mainz die Revolte angezettelt haben sind vielfältig. Ein Lebensweg, mit seinen Kurven und Sackgassen ist der von Carl Wallau, der im Hochverratsprozess freigesprochen wird. Der Prozess ist ein Wendepunkt in seinem Leben, eine Abzweigung auf einem Pfad eines Revolutionärs, der verbürgerlicht.

Carl Wallau ist 1823 geboren. Sein Vater verstirbt, als er neun Jahre alt ist, nur acht Jahre später findet seine Mutter den Tod im Armenhaus. Zu dieser Zeit macht er seine Ausbildung als Buchdrucker – und politisiert sich. In den ausgehenden 40ern lebt Wallau in Brüssel, wo er mit Karl Marx und anderen Kommunist*innen im dortigen Arbeiterbildungsverein aktiv ist. Er übernimmt Verantwortungen, sein Glutkern ist die soziale Frage, ein Drang zur Umwälzung der Verhältnisse tobt in ihm.

So wird er schnell dem damaligen Verfassungsschutz bekannt. Als er aus Brüssel wegen seiner politischen Tätigkeit ausgewiesen wird und in das Paris der Februarrevolution reist, fällt sein Name in einem Dossier des Geheimdiensts. „Es geht also hier sehr stürmisch her“, bilanziert die Behörde im Zusammenhang mit seiner Anwesenheit.

Die Revolution soll von Paris nach Mainz kommen

Die Kommunist*innen um Marx wollen die Umwälzungen auch in Deutschland voranbringen. Sie entsenden deutsche Arbeiter, die im Ausland leben nach Mainz. Carl Wallau wird mit wichtigen Aufgaben betraut. Es sollen überall im Land Arbeiterbildungsvereine gegründet werden, die in Mainz ihre Zentrale finden sollen. Im April 1848 ist es dann soweit. Der Arbeiterbildungsverein Mainz richtet sich mit einer Adresse an die Öffentlichkeit, in der seine Stoßrichtung deutlich wird:

„Wollen wir nicht abermals die Meistbetrogenen sein, nicht ferner auf eine lange Reihe von Jahren hinaus durch eine kleine Zahl ausgebeutet, verachtet und niedergetreten werden, so dürfen wir keinen Augenblick verlieren, keine Minute in Untätigkeit verstreichen lassen. Vereinzelt, wie bisher, sind wir schwach, obgleich wir Millionen zählen. Vereinigt und organisiert werden wir dagegen eine unwiderstehliche Macht bilden.“

Es ist eine produktive Zeit für Carl Wallau. Nach der Eröffnung des Arbeiterbildungsvereins, nimmt er an der Gründung der ersten Gewerkschaft in Deutschland teil, dem deutschen Buchdruckerkongress. Die politische Landschaft in Mainz ist sehr progressiv: Die Kirche unter Bischof Ketteler widmet sich der sozialen Frage, der demokratische Verein überschneidet sich personell nicht selten mit der Arbeiterbewegung, viele Inhalte sind ähnlich.

Die Revolten breiten sich in die Pfalz aus – bevor die Restauration beginnt

Die Beständigkeit und Entschlossenheit der „wackeren Proletarier“ trifft auf das Wohlgefallen des Zentralbüros der Kommunisten: „Unsern Brüdern in Mainz sitzt beständig die Polizei auf dem Nacken, dieses feuert sie indes nur umso mehr an, kräftig für unsere Sache zu wirken.“

Im Februar und März 1848 kommt es zu Revolten in Mainz, 1849 breiten sie sich in der Pfalz aus. Carl Wallau und seine Leute feuern die Aufständischen an und rufen sie dazu auf, den reaktionären Preußen „mit allen zu Gebote stehenden Mitteln entgegen zu treten“. Doch die Revolten und Aufstände werden niedergeschlagen, die Restauration setzt sich durch.

Das neue, repressive Klima lässt Carl Wallau nicht kalt. Anders als manche seiner Kampfgenossen entpolitisiert er. Aus der Politik zieht er sich zurück, keine Rede mehr von Revolution und politischem Kampf. Seine Arbeit konzentriert sich für Jahre auf seine Druckerei, bevor er sich 1865 wieder politisch engagiert.

Büste Eduard Kreyßig
Eine Büste von Eduard Kreyßig auf der Kaiserstraße.

Carl Wallau wird zum Bürgermeister ernannt – und erfindet die Neustadt

Am 7. Juni 1872 wird er zum Bürgermeister ernannt. Zu dieser Zeit zählt Mainz etwa 35.000 Einwohner, die Festungsstadt ist dicht bewohnt und das Militär kontrolliert einen großen Teil des Grund und Bodens. Wallau setzt die Bemühungen seines Vorgängers fort, die Stadt zu erweitern – die Neustadt, heute bevölkerungsreichstes und lebendiges Viertel – hebt sich aus der Taufe.

Wallau muss Geld beschaffen. Der ehemalige Kämpfer gegen das Kapital muss als Bürgermeister in einer ersten Rate eine Million Gulden zahlen, um das Gartenfeld zu kaufen und zu bebauen. Eine Anleihe und kommunale Sondersteuern verhelfen der Stadt zu dem Kapital. Der Stadtbaumeister Kreyßig wird mit der Planung beauftragt. Die dazugewonnene Fläche soll der Industrie zugute kommen und, wie Kreyßig sagt, ‚für den minder bemittelten Theil der Bevölkerung‘ als Wohnraum zur Verfügung stehen.

Welches Vermächtnis hinterlässt Carl Wallau? Ich glaube, es ist in seiner Frühphase zu suchen: Seine Haltung, dass individuelle und gruppenbezogene Probleme nur gelöst werden können, wenn – wie es in der Adresse des Bildungsvereins heißt – sich die Ausgebeuteten, Verachteten und Niedergetretenen zusammenschließen, um die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse in Frage zu stellen. Wallaus ist in Mainz präsent: Die Mainzer Volkshochschule geht auf den Arbeiterbildungsverein zurück. Und eine Straße in der Neustadt ist nach dem Revolutionär und Bürgermeister benannt.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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