Rudolf Rocker-Stadtführer veröffentlicht

Emmelie Öden vor der Neubrunnenstraße 11. Hier hat Rocker vor einer Versammlung der Arbeitslosen gesprochen, die zu seiner Verfolgung führte und ihn ins Exil trieb. Zwischenzeit | CC BY-NC-SA

Diese Woche wurde der Mainzer Stadtführer Proletarisches Mainz veröffentlicht, der in der Cardabela Buchhandlung und im Buchladen Bukafski auf großes Interesse stößt. Er hat den Mainzer Anarchisten, Buchbinder und Historiker Rudolf Rocker im Fokus. Die Zwischenzeit spricht mit der Autorin des Stadtführers Emmelie Öden darüber, die ein Schlaglicht auf Rockers Biografie wirft. Sie spricht darüber, welche Ideen von Rudolf Rocker noch heute aktuell sind und gibt Einblicke in ihre Recherchemethoden.

Zwischenzeit:Wer war Rudolf Rocker?
Emmelie Öden:Rudolf Rocker kommt aus Mainz und hat die frühe Phase seines Leben hier verbracht – seine politische Sozialisation und seine Lehre zum Buchdrucker spielten sich hier in Mainz ab. Später hat er die FAUD mit aufgebaut, die Freie Arbeiter-Union Deutschlands und die IAA, die Internationale Arbeiter Assoziation der Anarcho-Syndikalisten.

Rudolf Rocker war in der Weimarer Republik sehr aktiv und hat in dieser Zeit viele Veröffentlichungen gemacht. In erster Linie hat er theoretische Werke zur Arbeiterselbstorganisation geschrieben – aber auch kulturhistorische Texte. In diesem Zusammenhang ist sein Werk die Entscheidung des Abendlandes herausragend, weil er dort die Kulturgeschichte neu interpretiert. Seine Konzepte von Föderalismus und Zentralismus erlauben es, kulturgeschichtliche Bewegungen zu unterscheiden. Das Buch hat viel positive Resonanz gefunden, Thomas Mann und Albert Einstein haben sich sehr wertschätzend darüber geäußert. Rudolf Rocker ist eine bedeutende Figur des Anarcho-Syndikalismus, aber seine Strahlkraft ging weit über anarcho-syndikalistische Kreise hinaus und erreichte die gesamte linke, anarchistische und revolutionäre Bewegung, die in der Weimarer Republik sehr groß war.

Warum interessierst du dich für Rudolf Rocker?
Seine Ideen sind interessant und bis heute aktuell. Die Texte sind sehr grundlegend, denken wir zum Beispiel an sein Konzept von Föderalismus und Zentralismus. Diese Konzepte anzuwenden, ist heute immer noch möglich und gewinnbringend. Mit Rudolf Rocker teile ich die gleiche geistige Haltung, und als Bewohnerin von Mainz verbindet uns natürlich auch das Lokale. Das ist spannend, weil die Geschichte so greifbar wird, indem ich die Orte besuche, an denen er gewirkt hat.


Welche Ideen hältst du heute für relevant?
Wenn Rocker von Föderalismus spricht, beschreibt er damit nicht dasselbe, an das wir denken, wenn wir die föderale Organisation der BRD mit ihren Bundesländern im Kopf haben. Föderalismus bedeutet bei ihm eine horizontale Organisation, die in der Regel von unten nach oben geht. Wenn hingegen von oben nach unten kommuniziert wird, dann nicht, wie im Zentralismus, um Befehle zu erteilen, sondern aus rein organisatorischen Zwecken. Föderalismus ist damit nach den Menschen ausgerichtet, nicht nach dem, was an der Spitze der Organisation steht. Zentralismus, also die Organisation von oben nach unten, ist damit keine rein politische Dimension mehr, sondern auch auf andere Bereiche anwendbar: Geld ist zentralistisch, weil sich alles danach ausrichtet. Religion auch, weil sich alles nach Gott richtet. Rudolf Rocker propagierte die föderalistische Organisationsweise, weil sie dem Menschen am Besten entspricht. Eine zentralistische Organisation stellt abstrakte Vorstellungen in den Mittelpunkt, den Staat oder Gott zum Beispiel, aber nicht den Menschen.

Wie hast du recherchiert?
Ich habe in erster Linie seine Memoiren gelesen, die leider unveröffentlicht sind. Die Rechte an seinen Memoiren wurden Rudolf Rockers Sohn gegeben, der sie wiederum an Heiner Becker gegeben hat, der sozusagen auf den Rechten sitzt. Es gab einige Rechtsstreits in diesem Zusammenhang, die es schwer machen, an Rudolf Rockers Nachlass zu kommen. Am Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam sind Rudolf Rockers Memoiren aufbewahrt. Sie sind sehr umfangreich und unterhaltsam zu lesen. Dazu habe ich im Mainzer Stadtarchiv recherchiert, wo mir alte Zeitungsartikel und alte Stadtpläne zur Verfügung gestellt wurden. Archiv und Recherche klingt immer sehr verstaubt, aber tatsächlich kann es großen Spaß machen: Es ist einfach ein tolles Gefühl, Vergessenes zu entdecken, die Puzzleteile zusammenzusetzen und dabei das eigene Projekt immer ein Stückchen voran zu bringen.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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