Rudolf Rocker zum 141.

Milly Witkop-Rocker (vorne links) und Rudolf Rocker (zweiter von links). Unbekannt | Public Domain

Der Anarchist Rudolf Rocker ist schon lange tot, aber immer noch im Gespräch. Bei Freedom Press erscheint eines seiner Hauptwerke, Anarchism and Anarcho-Syndicalism, in einer neuen Auflage, während in London Vorträge über ihn gehalten werden. Zum 141. hat Dennis Firmansyah für die Zwischenzeit mit dem Rocker-Experten Ralf G. Landmesser gesprochen.

Zwischenzeit: Wie würdest du die Rocker-Rezeption in der BRD allgemein und in Mainz im Besonderen beschreiben?

Ralf Landmesser: Rudolf Rocker und seine Mitstreiterin Milly Witkop-Rocker stehen von jeher ziemlich weit außerhalb des Blicks der deutschsprachigen Öffentlichkeit. Das ist sehr schade, stellen sie doch in besonderer Weise mit ihrem Leben und Wirken eine egalitäre Verbindung von Kulturen dar. Als Personen waren sie Brückenbauer zwischen vielen Welten. Gerade noch in anarchosyndikalistischen Kreisen trifft mensch auf kein generelles Unverständnis, wenn der Name Rudolf Rocker fällt.

Die Rezeption dieses Ausnahmeschriftstellers im deutschsprachigen Raum kann nicht viel anders als miserabel bezeichnet werden, obwohl sich Leute wie Thomas Mann und Albert Einstein sehr anerkennend über dessen Werk geäußert haben. So war es bei meinem Vortrag in Mainz ein Lichtblick, einmal einen vollen Raum mit Publikum unterschiedlichster Generationen vorzufinden. Am folgenden Tag wanderte ich noch ein wenig durch Mainz und sprach mit verschiedenen, teils ansonsten wohlinformierten Personen, deren Gesichter sich jedoch zu einem Fragezeichen verzogen, als ich Rudolf Rocker als ehemaligen Bürger der Stadt ansprach.

Ich fürchte, Rocker wird in der eigenen Geburtsstadt nicht sonderlich geschätzt, gibt es doch bis heute nicht einmal eine Straße, die nach ihm, einem weltweit bekannten und geschätzten Sohn der Stadt, der in dutzende Sprachen übersetzt ist, benannt ist. Einzig in  Spanisch und Jiddisch liegt das Gesamtwerk des Nichtjuden Rocker vor, der einen außergewöhnlichen Kulturtransfer zum Judentum schuf. In seiner Muttersprache sind die meisten Schriften Rudolf Rockers noch nie erschienen. Die restlichen wurden von den Nazis verbrannt und vernichtet, nur wenige erschienen im Nachkriegsdeutschland.

Rudolf Rocker hat in Mainz seine Kindheit und Jugend verbracht. Wie würdest du sie beschreiben?

Rudolf Rockers Kindheit fand in einem Haushalt der „Arbeiteraristokratie“ statt: Sein Vater war Notendrucker. So musste er nicht die bitterste Armut am eigenen Leibe erfahren, hatte aber als zeitweiser Rheinschiffer und Buchbinder genügend Einblick in die Arbeitswelt, um sich ein  eigenes kritisches Urteil zu bilden. Dies wurde unterstützt durch seinen 1848er Onkel und  Sozialdemokraten, der ihm vor allem zur Erschließung seines geistigen Horizonts eine Menge Literatur zugänglich machte, die nicht jeder junge Mensch ohne weiteres in die Finger bekam.

Mainz als Hochburg der damals noch marxistisch orientierten Sozialdemokratie ermöglichte ihm Einblick in das Parteiwesen und die Bekanntschaft mit Größen des Parteilebens, die er einzuschätzen lernte. Zunächst war das interessant und erbaulich, wurde jedoch bald von der sprichwörtlichen Schlafmützigkeit des deutschen Michels, wenn auch mit roter Nachtmütze, ins Gegenteil verkehrt. Die ernüchternden Erfahrungen eines Sozialistenkongresses und die Sozialistengesetze Bismarcks (1878-1890) taten den Rest, um Rocker nach tatkräftigeren Kreisen Ausschau halten zu lassen.

Als junger Erwachsener kommt es zum Zerwürfnis Rockers mit der Sozialdemokratie. Der Konflikt bahnte sich im Zuge von Rockers Opposition zur SPD-Mehrheit gewollten Subventionierung von kolonialen Dampfschifflinien an. 1890 wird Rocker dann aus der SPD Ortsgruppe ausgeschlossen, weil er die Rolle des Parlaments anders bewertet als die Mehrheit der Sozialdemokratie. Für ihn ist das Parlament, wie sein Biograph Peter Wienand schreibt, in erster Linie ein „Agitationsmittel“ unter vielen, während die „große Umwälzung“ durch revolutionäre Mittel zu erreichen ist. Wie ordnest du diese Auseinandersetzung in ihren geschichtlichen Kontext ein?

Rockers Ausschluß aus der SPD kann nicht isoliert betrachtet werden. Es rumorte zu dieser Zeit allenthalben in der SPD, weil diese sich immer mehr auf einen staats- und herrschaftskonformen Kurs begab und sich dem Kapital mehr und mehr anbiederte. Statt den Staat zu stützen und das Kapital zu vergleichsweise lächerlichen Zugeständnissen zu bewegen, wollte ein Großteil der arbeitenden Menschen den aristokratisch verrotteten Ausbeuterstaat stürzen und das Kapital zum Nutzen aller einsetzen und umverteilen.

Die Beteiligung an Wahlen zu einem mehr oder weniger machtlosen Pseudoparlament unter kaiserlicher Fuchtel, wurde von vielen zu Recht äußerst kritisch gesehen. So fanden die Positionen der libertär-sozialistischen Mehrheit in der Ersten Internationale insbesondere bei vielen jungen SPDlern mehr Anklang als der auf Staatseroberung ausgerichtete Kurs des marxistisch-autoritären Flügels mit seinen Dogmen und Ränkespielen. Darüber kam es innerhalb der SPD zur Auseinandersetzung, die zunächst publizistisch geführt wurde und dann darin gipfelte, dass die sogenannten „Jungen“, zu denen beispielsweise auch Gustav Landauer gehörte, bezeichnenderweise aus der SPD ausgeschlossen wurden. Letztendlich ist auch Rockers Ausschluß in diesem Licht zu betrachten.

Johann Most, sozialdemokratischer SAP-Reichstagsabgeordneter und beliebter Volksredner, war schon eher nach des jungen Rockers Geschmack. Natürlich war der Herausgeber der berühmt-berüchtigten Zeitung Freiheit ebenfalls schon 1880 ausgeschlossen worden und wandte sich 1882 dem Anarchismus zu. Rocker schrieb später ein umfangreiches Buch über ihn: Johann Most – Das Leben eines Rebellen.

Als Hauptwerk Rockers gilt sein Buch Nationalismus und Kultur, dessen Erscheinen von den Nazis verhindert wurde. Die libertäre Zeitung Dichtung und Wahrheit sieht die Funktion des Buches darin, auf die enge Verknüpfung von Nationalismus und Staat hinzuweisen. Das scheint vor dem Hintergrund erstarkender Neuer Rechter Bewegungen brandaktuell. Wie siehst du das?

Allerdings ist das Buch Rockers, das ja zunächst im Reflex auf Oswald Spengler den Titel Die Entscheidung des Abendlandes trug, ein besonderes Schlüsselbuch zur Kritik und zum Verständnis von Nationalismus und Rassismus, und wirklich brandaktuell. Vor dem Hintergrund neuer rechtspopulistischer und neofaschistischer Bewegungen, die bereits in vielen Parlamenten sitzen, ist höchste Alarmbereitschaft gefordert. Auch die historischen Nazis der NSDAP haben als unbedeutende und kaum ernstzunehmende Partei begonnen.

Rechtsnationalismus, Rassismus und Militarismus werden heute wieder zunehmend hoffähig – oder sollte mensch sagen: ‚demokratiefähig‘? In dem Maße, in dem Demokratien in Teilbereichen immer mehr zu Demokraturen einer scheinbar unkontrollierbaren Oligarchie von skrupellosen Machtpolitikern a la Berlusconi, Orban und Putin mutieren, erlangt Rockers Buch ungeahnte neue Aktualität. Leider wird durch den Umfang des Werkes und seine teilweise Redundanz eine breite Leser_innenschaft wohl nie erreicht werden, aber für jeden denkenden Menschen, der die lohnende Anstrengung nicht scheut, dieses polyglotte Werk Rockers anzunehmen, wird am Ende viel Gewinn stehen.

Zum Glück ist es nach langen Jahren außer Druck wieder erhältlich, wenn auch nicht gerade als Schnäppchen. Aber es ist solide editiert und kann hier und da antiquarisch erworben werden. Rudolf Rocker geht in diesem Werk auch noch auf die abwegigsten und dümmsten ‚Argumente‘ von nationalistischer und rassistischer Seite ein und zerlegt sie bis ins Kleinste. Gleichzeitig formuliert er die Alternative eines libertären, kulturbasierten Föderalismus. Somit ist das Buch ein guter Steinbruch und eine gute gedankliche Schulung für Menschen, die sich mit den benannten unappetitlichen Phänomenen auseinandersetzten müssen.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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