Schwerer Bandenraub

Eine finstere Mauer, darauf in heller Schrift grob gepinselt:

Gegen den Staat: Geh stehlen, nicht wählen! Caratello | CC BY-NC

Es ist unglaublich, wie stark rassistischer Alltagsverstand in das Urteil einer Richterin miteinfließt – das doch angeblich objektiv und unparteiisch sein soll. Drei jungen Frauen wurde vorgeworfen, sich das Geld zu stehlen, das sie zum Leben brauchen. Anstelle des Staates, der Menschen verarmen lässt, in Lagern zusammenleben und sie in ständiger Angst vor „aufenthaltsbeendenden Maßnahmen“ hält, mussten sich die drei Frauen rechtfertigen.

Am 23. September wurden die drei Romni vor einem Landgericht nahe Mainz wegen schwerem Bandenraub verurteilt. Dabei bestand die Schwere der Tat aus Sicht der Richterin nicht so sehr darin, Handtaschen und Geldbörsen einzustecken. Das gefährliche Element war das Stehlen in Banden, die sich dauerhaft den Lebensunterhalt bestreiten wollten. Die Kollektivität, die Freundschaft und der Zusammenhalt zwischen den Frauen, die den Staat und seine wohlfeilen Elemente herausfordern: Darin lag die Gefahr.

Der Alltagsrassismus der Richterin hatte mit der Bewertung genau dieser Gemeinschaft zu tun. Es waren nicht einfach Freundinnen, die sich Geld besorgen mussten, um zu leben, sondern eine ausländische „organisierte Bande“, deren eigene Raubzüge nicht mal nur ihnen zugeschrieben wurde. Wer dahinter stehe, wollte die Richterin wissen.

Wo ist der böse Schuldige?

Als ob es im Hintergrund einen bösen Schuldigen gäbe, einen fiesen „Zigeuner“, der von dem Elend und der Not profitiert. Es ist ein Rassismus, der als Abwehr dient. Die Frauen wurden angeklagt, damit die Verhältnisse weiter bestehen können. Aber weil weder die Richter*innen, Anwält*innen, Staatsanwält*innen, noch die Bullen, die als einzige auf der Zeugenbank Platz nahmen, die Armut kennen, verstehen sie nicht, dass es möglich, legitim, verständlich ist, nur für sich und seine Leute zu klauen.

Anstatt das System anzuklagen, bemühte die Richterin also das Schreckgespenst eines bösen Drahtziehers, der dann die Schuld auf sich laden soll. So reden schon die Geizhälse, die den Bettler_innen noch ihre paar Münzen versagen: „Das bringt doch eh nichts, das Geld bekommt alles der Herr der Diebe.“ Solange es für arme Menschen keine Alternativen gibt, gehören Diebstähle und Raubzüge zum Programm. Solange es diesen Kapitalismus, dieses System der Ausbeutung und Verarmung noch gibt, werden die Taschen vor Wut und Diebesgut platzen. Sie sollen sich in Acht nehmen, die Supermarktketten, die Büros der Verwaltungen, der Universitäten und Regierungen: Arme Menschen werden sich nehmen, was sie brauchen.

Said Feige

Über Said Feige

Said ist wütend: Über den Rassismus, über den Kapitalismus, über den alltäglichen Krieg, die alltäglichen Toten, die Knäste und die Unfreiheit. Hier schreibt er, um sich Luft zu verschaffen und mit seinen Erfahrungen nicht alleine zu bleiben.

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