Sehen und gesehen werden

Mensch oder Zielobjekt?

Mensch oder Zielobjekt? stee | CC BY-NC-SA

Rund um ein betagtes Warenhaus im Herzen der Mainzer Innenstadt soll durch den Investor ECE ein marktkonformer Konsumtempel errichtet werden. Nach umfassender Bürgerbeteiligung hatte sich der Mainzer Stadtrat fast einstimmig für die erarbeiteten Leitlinien und eine offene Struktur des Einkaufszentrums ausgesprochen. Die städtischen Verhandlungsführer_innen waren dabei zum großen Teil keine Neoliberalen, sondern bekennende Sozialdemokrat_innen.

Es soll hier nicht um die Grundsatzfrage gehen, ob Mainz überhaupt eine Shopping-Mall als zentralen Anziehungspunkt benötigt. Ein bisher wenig beleuchteter Aspekt des Bauvorhabens ist die systematische Umwandlung von öffentlichem Raum in kameraüberwachte Zonen. Woran liegt es, dass das ursprüngliche Konzept mit Mall-Typischem Charakter nach fast zwei Jahren als Verhandlungserfolg präsentiert wurde, den der Stadtrat dann in einem Grundsatzbeschluss legitimiert hat?

Der Wunsch nach Kontrolle eint Politik und Wirtschaft

Das Interesse eines Investors an der inneren Erschließung eines Einkaufszentrums und dem Einsatz von Kameraüberwachung hat vielfältige Gründe. In dem Generalverdacht, dass Menschen potenzielle Straftäter_innen sind, scheinen sich Investor und politische Entscheidungsträger_innen sehr nahe zu sein.

Darüber hinaus bilden Kameras die Schnittstelle zu Systemen, mit denen Verhalten erfasst und vorhergesagt werden kann. Zielgerichtete Werbung ist vermutlich das Harmloseste, was mit diesen Systemen geleistet werden kann. Die Frage bleibt, ob die politischen Entscheider_innen sich dieser Gefahr bewusst sind oder ob der wachsende Umfang von Überwachung nicht ihrem Wunsch entspricht.

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang eine ganz neue Währung digitaler Werbung: die Verweildauer. ECE und seine Geschäftspartner werben offen mit der Reichweite und Kontaktdosis, die sie mit digitalen Werbeflächen innerhalb von Malls erzielen und dabei kaufbereite Konsumenten ansprechen. Dieses Geschäftsmodell funktioniert aber nicht in einer offenen Struktur, wie sie von den Mainzer Bürgern_innen gewünscht wurde, so dass hier ein strategisches Geschäftsziel von ECE, nämlich die Prognose von Konsumenten und die nationale Vermarktung von Werbeflächen, gefährdet wurde.

Einzelne Stadträt_innen haben trotz Fraktionszwang gegen den Grundsatzbeschluss gestimmt und sich damit für den Erhalt von öffentlichem Freiraum eingesetzt. Selbst Befürwortern eines Konsumtempels sollte der übrige Stadtrat erklären, warum ihm die Preisgabe von städtischem Raum so wenig wert ist, dass ein fast vollständig den Investorwünschen entsprechendes Einkaufszentrum gebaut werden soll. Die Frage bleibt, ob die städtischen Verhandlungsführer_innen die von Attac eingeklagten und der BI Mainzer Ludwigstrasse aufbereiteten Unterlagen dem Stadtrat vorenthalten haben oder ob hier bewusst nicht hingesehen wurde.

Britta Werner

Über Britta Werner

In Wiesbaden geboren, in Mainz zur Schule gegangen, beruflich immer irgendwas mit Menschen und Medien gemacht. Alt genug, um Berge von Papier als Lesefutter nach Hause geschleppt zu haben, jung genug, um sich als Teil einer zunehmend digitalen Gesellschaft zu betrachten, die gestaltet werden kann und muss.

2 Gedanken zu “Sehen und gesehen werden

  1. Rainer Winters

    Es sollte sich nun einiges ändern, nun, da einige ECE-kritische Politiker in den neuen Stadtrat gewählt wurden und einige ECE-Freunde rausflogen (einige FDPler dabei).

  2. dino

    und wieder die gleiche Frage: Was hat ein Mensch davon, wenn er andere kontrolliert, durch Verhaltensstudien oder was auch immer? Materieller Reichtum? Ansehen? Wertschätzung? Und wenn ja, warum?
    Dies gilt es für meinen Geschmack zu hinterfragen und zu erfragen.

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