300 gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus

Eine feministische und eine Antifafahne.

Gegen eine Trennung der Kämpfe: Gemeinsam und solidarisch gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Nach den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof kippt die gesellschaftliche und politische Stimmung immer weiter. Um gegen die rassistische Instrumentalisierung der Vorfälle zu demonstrieren, zogen am Samstagnachmittag mehr als 300 Menschen durch die Mainzer Innenstadt. Die Veranstalter*innen auf ihrer Webseite: „Wir demonstrieren gegen die weiterhin als normal bezeichnete Realität, in der vorwiegend Frauen sich seit sehr langer Zeit andauernd, ständig, immer wieder, teilweise täglich gegen Übergriffe aller Art zur Wehr setzen müssen. Wir wollen uns darüber hinaus auch äußerst scharf gegen die rassistische Behauptung stellen, dass es Sexismus, sexualisierte Gewalt und für alle schädliche Männlichkeitsvorstellungen nur bei bestimmten Gruppen geben würde.“

Von der Regierung nichts zu erwarten

Immer wieder sind auf der Demo daher auch antirassistische Parolen zu hören, und Redner*innen appellieren, die Kämpfe gegen Sexismus und Rassismus nicht gegeneinander auszuspielen. Mit Katja Kipping von der LINKEN und Eveline Lemke von den Grünen waren auch die Stimmen zweier prominenter Parlamentarier*innen auf der Demo vertreten. Kipping nutzte die Gelegenheit, ausführlich auf die Doppelzüngigkeit konservativer Regierungsvertreter*innen hinzuweisen, die bis jetzt die Unterstützung von Frauen*, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, ignoriert hätten. Vor der versammelten Menge gab Lemke vor, sich nun plötzlich sehr engagiert gegen Sexismus und Rassismus einzusetzen. Abseits der großen Bühne riet sie dann einem Mitredakteur, doch nach Mexiko auszuwandern, wenn er ein Problem mit demokratischen Abschiebeknästen hätte.

Viele der Frauen*, die heute gekommen sind, sind sich einig darin, dass die parlamentarisch-politisch Reaktion auf die Übergriffe im Großen und Ganzen bestenfalls ein schlechter Scherz ist. „Irgendwelche alten Kerle nennen mich ’süße Maus‘, und ungebeten grabschen mir eklige Typen an den Arsch – das war schon immer so, nicht erst, seit viele geflüchtete Menschen hierher kommen.“, erzählt mir eine Freundin. Wie andere Frauen* hier fühlt sie sich von der rassistischen Nutzbarmachung der sexistischen Übergriffe in ihren eigenen Betroffenheit ignoriert und hintergangen. Bärbel, 25, ist etwas optimistischer: „Wenigstens wird jetzt überhaupt mal über Sexismus und sexistische Übergriffe geredet.“ Doch oft sind es weiße, kartofflige Männer, die diese Debatten führen. Marginalisierte Betroffene wie nicht-weiße Frauen* finden derzeit kaum Gehör.

Rassismus und sexualisierter Gewalt #ausnahmslos entgegentreten

Dagegen wendet sich die #ausnahmslos-Kampagne, unter deren Motto die Demo heute steht: „Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmslos.“ Nicole, 28, ist Mitautorin des Kampagnen-Aufrufs, den schon fast 10.000 Menschen unterzeichnet haben. In ihrer Rede stellt sie fest, dass sexualisierte Gewalt kein Problem der „Anderen“ ist, sondern unsere Gesellschaft schon immer prägt. „Mehr als die Hälfte aller Frauen in Europa wurden schon einmal sexuell belästigt, knapp ein Drittel hat sexualisierte Gewalt erfahren. Das ist ein Fakt und nichts Neues.“ Dem verbreiteten Rassismus und Sexismus hält #ausnahmslos eine Reihe von gesellschaftlichen, politischen und medialen Forderungen entgegen.

Initiiert wurde die Kampagne von Anne Wizorek, Kübra Gümüşay und Emine Aslan. Angesichts der medialen und politischen Rezeption der Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof, hatten sie eine Gruppe von befreundeten Feminist*innen dazu eingeladen, nach ernstzunehmenden gesellschaftspolitischen Antworten zu suchen.  Schnell war ein Forderungskatalog verfasst und einige Erstunterzeichner*innen gefunden, um für die nötige Öffentlichkeit zu sorgen. „Ich finde es gerade jetzt wichtig, dass wir ein Bündnis von nicht nur weißen Feminist*innen suchen, sondern beispielsweise auch Muslima eine tragende Rolle in der Gruppe spielen. Das ist essentiell, wollen wir doch gegen die rassistische Vereinnahmung von feministischen Kämpfen vorgehen.“

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

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