Soemmering entehrt

Tafel mit dem aufgesprühten Spruch:

Soemmering erfährt hier keine Ehre mehr, wie auf sein Denkmal gesprayt wurde. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Unbekannte Antirassist_innen haben endlich den Soemmeringplatz umbenannt: Mit rosa Farbe sprühten sie „A. Davis“ über die Straßenschilder. Außerdem wurde eine Soemmering-Gedenktafel auf dem Platz mit dem Schriftzug „Keine Ehre für Rassisten“ versehen. Unter den veränderten Straßenschildern wurden kleine Plaketten befestigt, die auf Soemmerings Hintergrund als Rassentheoretiker hinweisen: „Soemmering war Mitbegründer der ‚Rassenlehre‘ – rassistischer Mist! Jetzt heißt der Platz anders.“

Die Anwohner_innen des Platzes begegnen der Aktion mit gemischten Gefühlen. „Das ist ja alles ganz nett und Soemmering hat sicher auch viel Blödsinn fabriziert, aber der Rassismus-Vorwurf lässt sich nicht einfach in das 18. Jahrhundert übertragen,“ kommentiert Thomas (53), selbstständiger Antiquar und oft in seinem Geschäft am Platz. Er hatte die neuen Straßennamen zuvor nicht bemerkt und ist überrascht. In der Apotheke am neuen Angela-Davis-Platz will niemensch sich zu der Umbenennung äußern.

Nur ein Name

Fatma (34), die in der örtlichen Bäckerei arbeitet, ist wenig überzeugt von der Aktion: „Das ist doch nur ein Name. Ich wusste auch gar nicht, dass der mit Rassismus zu tun hat. Viel wichtiger sind doch die Konflikte in der Gegenwart.“ Die Tochter kurdischer Immigranten macht stattdessen auf die Massaker an den Kurd_innen im Irak aufmerksam, den Krieg in der Ukraine oder die Entführung der 43 mexikanischen Studierenden. „Da sterben jeden Tag Leute, das ist real!“

Ähnlich sieht das Yüksel (30), der schon seit seiner Geburt am ehemaligen Soemmeringplatz wohnt. „Den Namen hab ich nie mit diesen Vorwürfen in Verbindung gebracht. Ich kenne Rassismus aus der Schule, in Behörden, überhaupt im Alltag, das lernt man irgendwann zu ignorieren.“ Einzuwenden hat er nichts gegen die Aktion. Eine Rentnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, findet hingegen, dass eine Umbenennung erst einmal mit der Stadtverwaltung diskutiert werden muss.

Die Stadtverwaltung ist nicht sensibel

Doch warum gibt es überhaupt noch einen Soemmeringplatz, warum eine Hindenburgstraße in Mainz? Warum ehrt ein Kriegerdenkmal am Rhein die deutschen Täter des Ersten Weltkriegs und warum beteiligen sich Mainzer Stadtoffizielle an diesem Gedenken? Von der Stadtverwaltung sind keine Änderungen an dieser geschichtsvergessenen Politik zu erwarten, solange sie selbst darin verwickelt ist. Bis dahin ist Antirassismus wohl Handarbeit.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

13 Gedanken zu “Soemmering entehrt

  1. Erik

    Warum heißt die Hindenburgstraße noch Hindenburgstraße? Nein, das liegt nicht daran, dass die Stadtverwaltung unsensibel ist oder gar – wie in dem Artikel verklausuliert behauptet – rassistisch sei. Das Vorschlagsrecht für die Umbenennung von Straßen und Plätzen liegt übrigens beim Ortsbeirat, genauer gesagt beim Ortsvorsteher. Und die Menschen, die in der Hindenburgstraße wohnen – und die die Konsequenzen einer Umbenennung unmittelbar zu tragen haben – haben mit großer Eindeutigkeit eine solche Umbenennung abgelehnt.

    • Jan ZombikJan Zombik Autor

      Die Menschen in der Hindenburgstraße können eine solche Umbenennung wohl kaum mit so großer Eindeutigkeit abgelehnt haben, wenn der Synagogenplatz nun Synagogenplatz heißt. Und wenn sie doch in der Mehrzahl gegen eine komplette Änderung des Straßennamens gestimmt haben, belegt das nur, dass die Geschichtsvergessenheit nicht alleine bei der Stadtpolitik liegt, die sich angesichts der Ehrung von Hitlers Steigbügelhalter durch einen Straßennamen bis jetzt unfähig oder unwillig zur Intervention zeigt, sondern auch bei der Bevölkerung, die eine solche Politik mitträgt. Für um so wichtiger halte ich dafür die entschlossene Intervention der Antirassist_innen vom Soemmeringplatz, die sich mit solchen Zuständen nicht länger abfinden wollen und sich selbst daran machen, die Anwohner_innen für die Geschichte und das Wirken ihrer großen, weißen Männer zu sensibilisieren. Chapeau!

  2. Johannes

    Man kann immer über die Straßenbenennungen diskutieren und dies in die politische Debatte im Stadtteil einbringen. Dafür muss man nicht eine Stehle beschmieren, die mit teuerem öffentlichem Geld dann wieder geeinigt wird.

    Was die Straßenbenennungen angeht: Ich halte den Namen Hindenburgstraße auch für fehl am Platz. Und den Kaiser-Wilhelm-Ring würde ich auch lieber heute als morgen wieder in August-Bebel-Straße umbenennen. SPD und Grüne in der Neustadt haben vor einigen Jahren beantragt, dass die Hindenburgstraße umbenannt wird, was am Widerstand der CDU scheiterte, die überdies eine Umfrage unter der Anwohnerschaft startet, bei denen die Umbenennung auf wenig Gegenliebe stieß. Auch die Bemühungen, den militaristischen Namen 117er Ehrenhof wieder in Forsterplatz (Georg Forster war im Übrigen ein Freund Sömmerings) umzubenennen, scheiterten an den Konservativen im Stadtrat.

    Bei Umbenenungsdebatten muss man wissen, dass die profan-pragmatischen Überlegungen der Leute (Adressänderung) jedes moralische und politische Motiv mit Leichtigkeit untergraben. Aber das Motiv muss im Vordergrund stehen und das Schaffen von Bewusstsein, dass Hindenburg eben kein Vorbild war und irgendein Battallion der hessischen Streitkräfte ebenkein Namensgeber eines Platzes sein sollte. Der Ortsbeirat möchte nun am 117er Ehrenhof eine Stehle anbringen, an der auf die Geschichte der Benennung des Platzes hingewiesen wird. Hoffe nur, das diese Stehle wenigstens von Schmierereien verschont wird…

    Wer sich in die Debatte um Straßenbenennungen ernsthaft einmischen will, der melde sich bei mir oder beim Ortsbeirat. Wer öffentliches Eigentum mutwillig beschädigt, zeigt, dass er oder sie an einer politischen Debatte nicht wirklich interessiert ist, diese Debatte scheut oder einfach nur sein Ego pflegen will. Das ringt mir wenig Respekt ab.

    Johannes Klomann
    Ortsvorsteher Mainz-Neustadt

    • Tahir Della

      Sehr geehrter Herr Klomann,
      mit großen Interesse nehme ich ihr Gesprächsangebot zur Kenntnis und würde mich freuen wenn Si zeitnah schreiben oder sagen wann Sie konkret mit dem Kritiker_innen des Soemmering Platzes ins Gespräch kommen um diese unsägliche „Ehrung“ von Soemmering zu beenden.

      Tahir Della

  3. Dennis FirmansyahDennis Firmansyah

    Hallo Johannes,

    Danke für die Kommentare über Moral und andere unangebrachte Städtenamen. Ich denke es hält Sie keiner davon ab, sich für Straßennamen einzusetzen, die weder militaristische noch koloniale Bezüge haben. Nehmen Sie die Aktion engagierter Menschen am Soemmeringplatz gerne als Inspiration.

    In meinen Augen handelt es sich keineswegs um „Schmierereien“, sondern um einen legitimen Protest gegen hunderte Jahre von Versklavung, Unterdrückung und Abwertung von People of Colour und Schwarzer Menschen.

    Beste Grüße,
    Dennis Firmansyah

    Interview mit der Afrikanistin Marianne Bechhaus-Gerst über Soemmerring:
    https://www.zwischenze.it/ehre-wem-gebuehrt/

    Meine Gedanken zu dem Straßennamen:
    https://www.zwischenze.it/platz-der-aufrechten-menschen/

  4. Anton

    Gute Argumente und Diskussionen finde ich super.
    Aufklärung auch. Ich zum Beispiel hatte keine Ahnung von Sömmerings rassitischen Ansichten.

    Sehr schlecht allerdings (und auch kindisch) finde ich Schmierereien. Und sich dann was von „legitimem Protest“ hinzudefinieren finde ich irgendwie noch schlechter.

    Cheers,
    Anton

  5. Senfel Nemo

    Ich finde es hingegen „schlecht“ – damit meine ich unreflektiert, obrigkeitshörig, resigniert – couragierte antirassistische Intervention schlicht als illegitim abzutun. Und noch viel bescheidener finde ich es, sich legitimen Protest als „kindische Schmiererei“ hinzudefinieren und dabei nicht mal zu merken, dass damit nur die Position einer weißen, eurozentrischen Mehrheitsgesellschaft artikuliert wird. Es gehört nun mal nicht viel dazu, als weißer Mann auf die Normen zu pochen, mit der weiße Männer seit Jahrhunderten ihre gesellschaftliche Vorherrschaft absichern. Sag doch mal was neues und freu dich, dass Menschen hier emanzipatorische Politik machen wollen, ohne oder statt auf den Staat zu warten. Wenn du dich empören willst, dann empör dich doch über Frontex und die militarisierten Außengrenzen der EU und ihre Tausende Tote jedes Jahr, über Abschiebungen, über die ungerechte Verteilung des Reichtums, hier und global, über neokolonialistische Kriege und vieles mehr. Aber doch bitte nicht über eine bescheidene Malerei gegen Rassismus.

  6. Anton

    Ich finde „couragierte antirassistische Intervention“ prima.
    Vandalismus nicht.

    Ich artikuliere meine Position, nicht die „einer weißen, eurozentrischen Mehrheitsgesellschaft“. Ich hatte auch den Eindruck, dass Sachbeschädigung schlecht finden jetz nich so arg von Eurozentrismus oder einer bestimmten Haufarbe abhängt.

    Ich freue mich, „dass Menschen hier emanzipatorische Politik machen wollen“ und es geht mir mitnichten darum auf den Staat zu warten. Ich wüsste auch nich, wo ich das geschrieben habe.

    Ich will mich nicht „empören“, es geht mir lediglich darum aufzuzeigen, dass diese Interventionen eben auch in einem anderen Rahmen stattfinden können und trotzdem was auslösen können.

    Ich bin zum Beispiel gegen Rassismus, hätte aber ohne diesen Artikel nichts über den Hintergrund Soemmerings erfahren. Der Artikel ist keine Schmiererei (ich finde ihn sogar sehr gut) und hat doch eine aufklärende Wirkung. Vielleicht erzähle ich ja auch ein paar Leuten davon. Nicht von dem Vandalismus, sondern von Soemmering.

    Gegen Rassismus und gegen Vandalismus zu sein ist für mich irgendwie ne gute Kombi.

    Ob ich Frontex oder die Verteilung des Reichtums schlecht finde, gehört für mich nicht wirklich zu dieser Diskussion. Erinnert mich irgendwie an die Konstruktion eines Totschlagarguments um Recht zu behalten. Aber seis drum.

    • Dennis FirmansyahDennis Firmansyah

      Hallo Senfel und Anton,

      Ich freue mich über diese Diskussion hier. Ist doch super, so Positionen hier auszutauschen. Wenn wir Rassismus alle blöde finden, können wir ja die Mittel wählen ihn zu verringern, die uns jeweils angemessen erscheinen. Ich schreibe bei der Zwischenzeit, weil ich Aufklärung wichtig finde und Schmierereien noch besser.

      Was mich auch interessiert, ist was Tahir Della den Johannes Klomann gefragt hat: Gibt es jetzt ein Treffen oder nicht? Die Argumente gegen Sömmerring liegen auf dem Tisch. Wenn der Herr Ortsvorsteher Sömmerring immernoch abfeiern will, soll er schweigen. Wenn nicht ist es mal Zeit, unsere kolonialrassistische Geschichte aufzuarbeiten, die rassistischen Sondergesetze, Lager, und Abschiebungen abzuschaffen, racial-profiling zu verbieten und eben auch den Sömmerringplatz umzubenennen. Gedenken wir doch lieber denen, die dem Kolonialismus Widerstand geleistet haben, als denen, die ihn rechtfertigten.

      Cheers.
      Dennis

  7. Anton

    „Wenn wir Rassismus alle blöde finden, können wir ja die Mittel wählen ihn zu verringern, die uns jeweils angemessen erscheinen.“

    Ja, das ist ein guter Punkt. Inwiefern findest du in Sachen Soemmering Schmierereien also angemessen?

    • Dennis FirmansyahDennis Firmansyah

      Hallo Anton,

      Ich sehe die Intervention am Soemmerringplatz als eine Äußerung von Dissidenz. Es ist in meinem Augen eine Art zu sagen, dass etwas nicht in Ordnung ist, eine Aufforderung an alle, sich Gedanken zu dem Thema zu machen, eine Provokation, die eine Normalität angreift, in der kolonialrassistische Denkmuster und Ehrungen nicht weiter auffallen.

      Die Interventionist_innen vom Angela Davis Platz haben sich für eine Grenzübertretung entschieden, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Unser Artikel, der über die Aktion berichtet hat wurde viele Male gelesen und ich gehe davon aus, dass viele Menschen sich gerade Gedanken machen, ob wir wirklich wollen, dass kolonialrassistische Wissenschaftler in unseren Straßen- und Platznamen tradiert werden.

      Diese Gedanken und Debatten sind mir persönlich viel mehr Wert, als ein sauberes, aber kolonialrassistisches Straßenschild.

      Aber jetzt interessiert mich, was du denkst. Du redest von einem „anderen Rahmen“, in dem die Anliegen besser artikuliert werden können. Was hast du dabei im Sinn? Welche Mittel willst du wählen, um die Straßenbenennung zu ändern?

      Viele Grüße,
      Dennis

  8. Anton

    Hey Dennis,

    wenn ich jemand von einer Sache überzeugen (nicht überreden) möchte, wenn ich also möchte, dass Personen eine Meinung annehmen, die ich für richtig halte, versuche ich es immer zuerst mit rationalen Argumenten und Informationen. Ich versuche quasi den Leuten Kommunikativ dort zu begehen wo sie sind, statt sie vor den Kopf zu stoßen.

    Im konkreten Fall hätte man zum Beispiel die Gedenktafel einfach mit einem Zettel mit zusätzlichen Informationen erweitern können, hätte Flugblätter verteilen oder eine öffentliche Informationsveranstaltung auf dem Platz anmelden, oder eben einen Artikel darüber schreiben können. Ich hätte den Artikel ja auch so gelesen. Und warum hätten ihn andere dann auf einmal nicht lesen sollen? Sobald ein gemeinsames Verständnis der Problematik dann hergestellt gewesen wäre, wäre es mit den Anwohnern ja möglich gewesen den Namen zu ändern. Ich hätte also möglichst niedrigschwellige Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit dem Thema gewählt.

    Wurde irgendwas davon versucht?

    Rein taktisch gesehen halte ich das mit den Schmierereien auch insofern nicht für sinnvoll, als dass der Dialog über das wichtige Thema mit einer für viele Menschen als negativ wahrnehmbaren Ausgangssituation begonnen wurde. Diese muss dann erst überwunden werden, bevor man sich überhaupt mit dem sachlichen Inhalt auseinandersetzen kann. Wodurch sich eben auch die Bereitschaft, die Faktenlage im Sinne des Antirassismus zu bewerten reduziert. Einfach, weil die Leute verärgert sind.

    Gerade gestern habe ich zudem auch über Studien gelesen, in denen es darum ging, dass es Menschen schwer fällt Fakten und rationale Argumente anzunehmen, wenn sie dadurch ihre eigene Identität angegriffen sehen. Faktenlage in unserem Fall ist, dass Soemmering ein Rassist war und das geschmiert wurde. Durch die Schmierereien werden also von Vornherein all jene ausgeklammert, die als Grundeinstellung gegen Vandalismus und offensive Interventionen sind. Was wiederum stark gegen das Ziel läuft, möglichst viele Menschen vom eigenen Anliegen zu überzeugen.

    Warum diese „Grenzübertretung“ und „Provokation“ gut oder zielführend gewesen sein könnte, ist mir deshalb nach wie vor unklar.

    Viele Grüße,
    Anton

  9. Dennis FirmansyahDennis Firmansyah

    Hallo Anton,

    Ich versuche auch mit Argumenten Standpunkte zu vertreten. Deshalb habe ich im März ja auch einen Artikel über den Sömmerringplatz geschrieben und ein Interview mit Marianne Bechhaus-Gerst veröffentlicht. Im Rahmen meiner Recherchen habe ich auch mit den Leuten vom Sömmerringplatz geredet und sie gefragt, wie sie dazu stehen.

    Deine Idee, dort Flugblätter zu verteilen finde ich cool. In unserer Redaktionskonferenz will ich das bald mal einbringen. In der Tat schwebt mir schon seit einiger Zeit vor, ein paar Leute aus anderen Städten einzuladen, die sich in postkolonialen Gruppen engagieren, damit sie uns von deren Erfahrungen erzählen können bei Platz- und Straßenumbenennungen.

    http://www.freiburg-postkolonial.de/

    http://www.kopfwelten.org/kp/

    https://rdl.de/programmhinweis/europe-air-europa-postkolonial

    Ich persönlich habe das Mittel der Platzumbenennung nicht gewählt, aber freue mich darüber, weil es Debatten anstößt. Die Umbennung hat viel größere Resonanz hervorgerufen, als mein Artikel im März. Deshalb will ich mich nochmal bei den Antirassist_innen vom Angela Davis Platz für ihre mutige Aktion bedanken.

    Es gibt denke ich keinen Grund dafür, uns persönlich von Graffitis angegriffen zu fühlen. Ich verstehe die Aktion eher als einen Angriff auf die kolonialrassistische Erinnerungspolitik. Da ich mich nicht als Teil kolonialrassitischer Politik, sondern als deren Opponent verstehe, kann ich mich nur über die Aktion freuen. Sicher ist die Aktion auch nicht gegen dich gerichtet, denn du scheinst ja auch aktiv gegen die Platzbenennung vorgehen zu wollen.

    Viele Aktionen, auf die wir jetzt wohlwollend zurückblicken, wie Rosa Parks Weigerung sich im Bus nach hinten zu setzen, die zahlreichen Sit-Ins, Besetzungen und Community Organizing Prozesse der Schwarzen Bewegung in den USA, haben auch mit Grenzübertretungen begonnen. Sie erzeugen ihre transformative Kraft aus der Spannung zwischen dem, was erlaubt ist und dem, was richtig ist. Anstatt die Spannung aufzulösen, in dem wir direkte Aktionen diskreditieren und von sozialen Bewegungen verlangen, sie sollen brav und anständig sein, gewinnen wir nichts. Wir befrieden sie eher. Stattdessen sollten wir die Spannung auflösen, in dem wir das transformieren, was als erlaubt und erwünscht gilt: Freuen wir uns, wenn Menschen couragiert gegen Unrecht vorgehen!

    Ich verstehe die Aktion als Einladung an alle, ihre eigenen Aktionsformen zu finden, über die Straßennamen ins Gespräch zu kommen und so auf die Welt einzuwirken, dass wir am Ende zufriedener, friedlicher und harmonischer leben können. Viele Provokationen und Grenzüberschreitungen öffnen den Weg für andere, ihre unausgesprochenen, unsagbaren und ungesehenen Gedanken und Wünsche auszudrücken. Als Rosa Parks nicht aufstehen wollte, sind Millionen andere auch nicht aufgestanden. Es gab einen Prozess der Solidarisierung mit der Weigerung die Gesetze zu befolgen. Das, was damals als normal galt, wurde verändert. So hoffe ich, dass die Straßenbenennung, die heute als normal gelten, irgendwann nicht mehr normal sind.

    Um das zu erreichen, gibt es meiner Meinung nach nicht die eine Strategie oder Aktionsform, sondern es gibt so viele, wie wir uns vorstellen können. Wir stehen sicher erst am Anfang von einem Prozess, der Prozesse der niedrigschwelligen Einbindung der Nachbarschaft, wie du sie vorschlägst auf jeden Fall einschließen sollte.

    Herzliche Grüße,
    Dennis

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