Schöne neue Stadt für wen?

Freiraum statt Privatisierung ist auf eine Werbefläche gesprüht.

"Freiraum statt Privatisierung!" verlangt ein Graffiti am Zollhafen. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Vor drei Jahren fand ich ein Schreiben einer Anwaltskanzlei in meinem Briefkasten: Aufgrund einer geplanten Renovierung und dem anschließenden Verkauf des Hauses sollte ich ausziehen. Damals war das sicher nicht das erste Mal, dass ich über Gentrifizierung nachdachte. Bis dahin hatte ich diesen Begriff mit anderen Städten und nicht etwa mit dem Wiesbadener Westend verbunden. Gegen eine Sanierung allein wäre absolut nichts einzuwenden gewesen; das Haus war alt und die Wohnung ein Loch.

Nur hätten wir nach einem erzwungenen Auszug davon leider nichts mehr gehabt. Dass Gentrifizierung und Städteentwicklung oft diskutierte Themen sind, kann nicht geleugnet werden. Auch in Mainz findet diese Debatte mit und ohne regionale Bezüge statt. Doch wie äußert sich Gentrifizierung? Ein klassischer und quasi überall anzutreffender Aspekt ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum bei gleichzeitigem Leerstand. Statt Sozialwohnungen werden Luxuswohnungen wie in der nördlichen Neustadt oder am Winterhafen errichtet.

Aufgrund höherer Nachfrage und steigender Mieten können sich Menschen, die nicht so viel Geld verdienen, das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten. Oft sind sie gezwungen, in billigere Außenbezirke zu ziehen, was mit einer viel schlechteren Anbindung einhergeht. Auch können die Betroffenen bei Gentrifizierung oftmals nicht mitentscheiden: In der Aufwertung der Stadt geht es schließlich auch nicht um einzelne Interessen. Verständlich also, dass die Beschäftigung mit dem Thema nicht abreißt, sondern sehr aufgeladen vonstatten geht.

In Mainz haben verschiedene Akteur_innen immer wieder versucht, direkt in den Prozess einzugreifen und Kritik zu äußern. Hier sei zum Beispiel an Besetzungen wie die in der Oberen Austraße, oder die „Recht auf Stadt“-Demos gedacht. Doch die Auseinandersetzung mit Gentrifizierung birgt auch die Gefahr von Verkürzungen , Vorurteilen und Feindbildern.

„Wir“ gegen „Die“

Oftmals befeuert eine simple Anschuldigung die Diskussion um Gentrifizierung: Für Betroffene scheint es folgerichtig, in der Debatte in ein Wir, das nicht von der Wandlung der Viertel profitiert und ein Die zu unterscheiden; ganz egal, ob das nun Eigentümer_innen, zukünftige Bewohner_innen, oder Tourist_innen sind. So nachvollziehbar diese wütende Reaktion zuteilen auch sein mag, ist ist eine solche Unterscheidung in Täter_innen und Opfer für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Problem nicht hilfreich.
Denn Gentrifizierung ist nicht einfach da, weil es ‚böse Kapitalist_innen‘ so wollen.

Eine Erklärung von Gentrifizierung durch das Handeln einzelner Personen oder Institutionen verschleiert ihr Ausmaß. Sie spielt sich über Jahre ab und viele sind an ihr beteiligt, bewusst oder unbewusst. So beginnt die Aufwertung von Vierteln nicht etwa mit Neubauten, sondern bereits mit den kleinen Cafés und Galerien. Üblicherweise startet Gentrifizierung mit sogenannten Pionier_innen wie Student_innen und Künstler_innen. Sie erweitern das kulturelle Angebot des Kiezes und machen ihn dadurch attraktiver.

Gentrifizierung und Verstädterung

Gentrifizierung ereignet sich im Rahmen städtischer Ausdehnung. Wenn Menschen in die Städte ziehen, wächst die Nachfrage an Räumen und es entsteht Konkurrenz. Dabei ist es zu leicht, die Schuld für diese Entwicklung allein den Zugezogenen zu geben, wie es in klassischen Gentrifizierungsgebieten wie Teilen Berlins oder Hamburgs bereits geschieht. Die Parole “Touristen raus” scheint dabei eine einfache Lösung für das Problem Gentrifizierung anzubieten. Ohne Neuzuzug und Touri-Horden gäbe es auch keine Gentrifizierung, so die vereinfachende Rechnung.

Diese Abneigung ist scheinheilig. Schließlich geht es beim Kampf gegen Gentrifizierung darum, den Handlungs- und Bewegungsspielraum von Menschen zu vergrößern; unabhängig von ihrer finanziellen Situation. Es kann daher nicht unser Ziel sein, Stadtentwicklung als solche zu stoppen. Städte sind auch integrative Räume. Sie schaffen Infrastruktur, Netzwerke, verkürzen Wege und ermöglichen Austausch. Wir sollten die Stadt daher als ständig in Veränderung und Entwicklung befindlich begreifen, Gentrifizierung und Stadtentwicklung im Kopf trennen und Wege finden, städtischen Raum gerechter zu verteilen.

Friede den Hütten…?

Bei Gentrifizierung geht es auch immer um Häuser. Entweder weil irgendwo etwas neu gebaut oder kernsaniert wird, wie es gerade beim Inter1-Wohnheim zur Debatte steht, oder weil alte Gebäude abgerissen und durch neue ersetzt werden sollen. Dieser Fokus auf Bautätigkeit vermittelt den Anschein, als wären es geradezu die Neubauten selbst, die die Menschen vertreiben. Das Problem sind dabei jedoch nicht die neuen Häuser, sondern sondern der Fakt, dass sie nicht zugänglich sind.

Gentrifizierung ist keine Verdrängung durch Reichtum, sondern ein effektives Mittel, um viele Menschen von Reichtum fernzuhalten. Die Städte gehören uns, und die jetzige Verteilung ihres Reichtums müssen wir nicht hinnehmen. Es sollte daher weiterhin versucht werden sich Räume anzueignen; aber nicht nur bei Leerstand: auch den Luxus müssen wir einfordern. Er steht uns genauso zu.

Feindbilder durch Einsichten ersetzen

Wie geht es also weiter? Die hohen Mieten werden jedenfalls nicht von alleine verschwinden. Es ist erfreulich, dass das Thema Gentrifizierung so viel Anklang findet und auch immer mehr Betroffene in die Diskussion einbezogen werden. Wir können so gemeinsam eine Kritik an Verhältnissen formulieren, die Menschen ausgrenzen und ihnen ein gutes Leben vorenthalten. Auch offene Räume wie das Haus Mainusch oder der Infoladen Cronopios tragen zu einem Austausch bei, an dem jede_r teilnehmen kann.

Wir sollten neue Perspektiven auf die Stadt eröffnen und ihre Räume einfordern und nutzen. Vielleicht auch solche, von denen bisher noch niemensch zu träumen wagt. Und selbst, wenn dann die nächste Räumungsklage ins Haus flattert, sind da hoffentlich wieder Genoss_innen, auf die mensch sich verlassen kann, wie es auch bei mir damals war.

Daniel Braun

Über Daniel Braun

Daniel hat einen Hintergrund in der politischen Jugend-­ und Erwachsenenbildung und setzt sich gerne mit verschiedensten politischen und popkulturellen Themen auseinander, über die es sich zu diskutieren und streiten lohnt. Nach seinem Abschluss an der Uni Mainz wollte er erstmal weg und wohnt zurzeit in Jerusalem, wo er sich mit Schreiben, Leben und dem Schauen von Zombiefilmen beschäftigt.

Ein Gedanke zu “Schöne neue Stadt für wen?

  1. utzlglutzl

    Hallo, guter Artikel – aber….mmmm, auf dem Foto steht „Freiraum statt PRIVATISIERUNG“ auf einem Bauschild der LB-BW-Immobiliengruppe, also der Landesbank Baden-Württemberg, also erstmal keinem privaten Investor. Womöglich verwandelt die LB-BW noch durch Verkauf an private Bauherren die Immobilien von staatseigen in privat um, was ein Paradebeispiel dafür wäre, wie Staat und Kapital Hand in Hand arbeiten.
    Warum tun sie dies? Weil sie können, weil man sie lässt. Widerstand ist also auf jeden Fall angebracht. Aber warum KÖNNEN sie? Weil die Stadt nämlich erstmal nicht per se „UNS“ gehört, sondern in Besitz von Staat/Landesbanken, privaten Immobilienbesitzer/-fonds und – nicht zu vernachlässigen – der Kirche ist.
    Natürlich sitzt hinter derlei Deals kein Kapitalist, der sich sadistisch die Hände reibt, sondern kapitalistische Profitzwänge „zwingen“ Kapitalanleger dazu, Geld gewinnbringend anzulegen – z.B. in Immobilien. Oder die Landesbank möchte, da sie politisch auf z.B. Vermögenssteuern verzichtet, oder sich verspekuliert hat, ihre Kasse durch „Verscherbeln des Tafelsilbers“ auffüllen.
    Das Anliegen „Handlungs- und Bewegungsspielraum von Menschen zu vergrößern“ ist ja unterstützenswert, INSBESONDERE „unabhängig von ihrer finanziellen Situation“. Warum aber vermieden wird zwischen Tätern/Opfern bzw. Profiteuren/Benachteiligten klar zu trennen, erschließt sich mir nicht. Es sind IHRE Profitinteressen gegen UNSERE Wohnräume. Das wurde in Häuserkämpfen der 70er Jahre klarer formuliert. Das Galerien, Cafes, Alternativläden leider unfreiwillig als Türöffner für Investoren dienen, ist tragisch, aber letztlich werden auch diese aus den Stadtteilen verschwinden und anonymen Yuppiebars weichen. Am Ende sind also auch sie Opfer.
    Die Stadt als „ständig in Veränderung und Entwicklung befindlich zu begreifen“ ist letztlich banal, dies zu postulieren akzeptiert allerdings die Auflösung gewachsener Viertel und ihrer Strukturen. Niedrige Mieten sind auch erstmal nicht beliebig erhöhbar, weil sie an Mietverträge gebunden und durch Mietervereine geschützt werden. Der Idealfall für Investoren ist daher ein Wegzug von Mietern mit solchen Verträgen.
    Auch Detroit oder spanische Immobilienblasen waren/sind einem Wandel unterlegen – und es spricht nichts dagegen, sich kollektiv Räumungen zu widersetzen und sich die Wohnräume auch als Besitz kollektiv anzueignen.
    Das wäre aber ein zäher, mitunter militanter Kampf. In der jetzigen Situation bleibt wohl nur das Einfordern von sozialem Wohnungsbau…die Stadt Wien zeigt wie es geht:

    https://www.youtube.com/watch?v=AvBc35DuEuw

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