Tanzen durch die Wüste

Das Fuchsdampfer-Musikmobil inmitten einer Crowd auf der Theoder-Heuss-Brücke.

Raven für kulturelle Freiräume. Jetzt neu mit Fuchsdampfer. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Geht die Clubkultur in Mainz unter? Mindestens ist sie gefährdet – der Überzeugung sind rund 200 Menschen, die sich am Nachmittag dem Regenwetter zum Trotz am Mainzer Hauptbahnhof zu einem fröhlichen Protestrave versammelt haben. Mit einem Musiklaster und dem selbstgebauten Fuchsdampfer demonstrieren sie gegen den Verlust zahlreicher etablierter und alternativer Frei- und Feierräume in Mainz und Wiesbaden. Tatsächlich ist es um das Kulturangebot in der Stadt nicht gut bestellt.

So ist derzeit das Haus Mainusch auf dem Mainzer Campus von Räumung bedroht. Das Gebäude 27 musste schließen. Die Zukunft des 50° ist nach einem Verkauf seiner Räumlichkeiten ungewiss. Der Fuchsbau, legendäre Outdoorlocation bei Nackenheim, hat seinen Ruf nicht überlebt. Der Zwischennutzungsvertrag der Planke Nord läuft diesen Winter aus und wird nicht wieder verlängert. Der Keller hat nach nur einem halben Jahr seine Räumlichkeiten verloren. Das Gestüt Renz in Wiesbaden wurde auf Druck von Anwohner*innen geschlossen. Das Peng ist an den Rand der Stadt gedrängt.

Die Mainzer Musikszene mobilisiert gegen Gentrifizierung und Raummangel

Gegen diese Entwicklung mobilisiert nun ein breites Bündnis verschiedener Kulturschaffender, vor allem aus der Mainzer Musikszene. Die Beteiligten haben den heutigen Rave organisiert. Sie wollen die politischen Hintergründe der aktuellen Entwicklung offenlegen. Bei einem kurzen Zwischenstopp des Demozugs am Schillerplatz, zwischen wabernden Bässen und knackigen Claps aus dem Fuchsdampfer redet Chu, eine Organisator*innen der Demo, Klartext: „Eine Ausschanklizenz ist noch leicht zu bekommen, aber eine Clubkonzession erhält man hier nur sehr schwer. Und wer das geschafft hat, auf die kommen dann Vergnügungssteuer, Auflagen und GEMA-Gebühren zu.“ Als Geschäftsleitung des Clubs 50° weiß Chu, von was sie spricht.

Jakob, Mitorganisator bei Zirkustechno, ergänzt: „Es ist auch der Mangel an Flächen und Räumen, der hier zum Tragen kommt. Die Stadt legt die Priorität auf Luxusprojekte, wie die Verdrängung der Planke Nord durch die Neubauten am Zollhafen zeigt. Gentrifizierung und Investor*innen treiben nicht nur die Miete in die Höhe. Sie machen es auch zunehmends unmöglich, kulturelle Freiräume zu schaffen. Die hiesige Lokalpolitik duldet oder fördert so eine Stadtentwicklung.“

Kleine Labels, AStA und Mainusch ziehen an einem Strang

Für die Demo haben Chu und ihre Mitstreiterinnen viele Unterstützer*innen gewinnen können. Darunter sind viele kleine Labels aus Mainz wie Kleinlaut, Nice am Gleis oder Einbahnstraßen Techno, aber auch das Haus Mainusch, der AStA der Uni, das Team vom Fuchsbau oder das Bouq-Kollektiv. Auch das Peng, von dem es vorerst kein Rückmeldung gab, hofft Chu noch ins Boot holen zu können. Die Forderungen der Gruppe sind vielfältig, aber zielen alle in die gleiche Richtung: Der Kultur in Mainz und Wiesbaden wieder Luft zum Atmen zu geben.

So wollen die Veranstalter*innen unter anderem die Abschaffung der Mainzer Vergnügungssteuer und der Wiesbadener Sperrstunde erreichen, oder fordern den Erhalt des Haus Mainusch. Außerdem wünschen sich die Beteiligten einen leichteren Zugang zu Clubkonzessionen und aktive Förderung und Unterstützung der Kulturszene durch die institutionelle Lokalpolitik. Von der verlangt Chu mehr Transparenz: „Bekanntermaßen werden hier viele politische Entscheidungen bei einem Glas Wein im Hinterzimmer getroffen. Wir wollen, dass endlich mit offenen Karten gespielt wird und auch wir bei den politischen Prozessen Gehör bekommen.“

Das Bündnis will Kontakt zu den politisch Verantwortlichen

Der heutige Demorave könnte ein Anfang sein, eine größere Öffentlichkeit zu erreichen. Die tanzende und feiernde Meute erzeugt zumindest bei den Umstehenden und Vorbeigekommenen Aufmerksamkeit. Während sich zwei ältere Frauen etwas über den Mangel an Räumen zuraunen, springen witzig gekleidete Menschen mit skurrilen Kopfbedeckungen hinter den Musikwägen auf und ab. Der süßliche Duft von Kräuterrauch liegt in der Luft, als der Demozug nach einer Tour quer durchs Mainzer Bleichenviertel und die Neustadt schließlich auf einer Wiesbadener Rheinwiese ein Ende findet.

Nachdem ihr Thema nun mit der Demo in der Stadt präsent ist, wollen Chu, Jakob und andere Beteiligte nun direkt mit den politisch Verantwortlichen Kontakt aufnehmen. Gemeint sind vor allem die Oberbürgermeister von Mainz und Wiesbaden, aber auch die städtischen Kulturdezernate. „Viel Hoffnung machen wir uns gerade noch nicht“, meint Jakob. Trotzdem will er es auf den Versuch ankommen lassen und glaubt nicht, das schon alles verloren ist.

Kultur ist Kunst. Auch was wie hier machen fällt darunter“, stellt Jakob fest. „Wir wollen, dass das wertgeschätzt wird und uns die Stadt nicht länger Steine in den Weg legt.“ Als nächsten Schritt will er auf eine bessere Vernetzung der Kultur- und Musikszene hinwirken. „Wenn wir uns zusammen organisieren, dann nehmen wir unsere Probleme als gemeinsame Probleme war, dann können wir etwas erreichen“, ist sich Jakob sicher. „Mein Ziel für nächstes Jahr: Ein neues Festival in Mainz.“ Es wird sich zeigen, ob dieses Projekt Erfolg haben wird.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

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