… dein Tod und Helfer

Erwinz Tinz, schlafend auf einem Stuhl, mit Krücke

Erwin Tinz war immer mit einer Krücke unterwegs. Peter Schausberger | Public Domain

Am heutigen Tag vor 34 Jahren starb der Mainzer Obdachlose Erwin Tinz mit 57 Jahren in einem Weinberg bei Nackenheim, angeblich an Herzversagen. Dort wurde er am nächsten Morgen tot aufgefunden. Am Nachmittag des 11. Dezembers hatten ihn drei Polizisten am Mainzer Staatstheater belästigt. Sie waren dort statt des Rettungsdienstes eingetroffen, den ein Passant zuvor unter dem Eindruck verständigt hatte, Tinz ginge es schlecht. Wie schon mehrfach zuvor hatten die Polizisten beschlossen, Tinz aus der Stadt zu schaffen.

Ein weiterer Beamter hatte den Plan anschließend ausgeführt und den Obdachlosen bei Minusgraden kurz hinter Nackenheim ausgesetzt. Bis auf einen wurden die an der Aktion beteiligten Polizisten damals zu geringen Geldstrafen verurteilt – nicht etwa wegen Verschleppung und Totschlags, sondern wegen Freiheitsberaubung auf der Fahrt nach Nackenheim. „Das Gerichtsurteil ist natürlich als windelweich zu beurteilen.“, kommentiert der ehemalige Wiesbadener Sozialarbeiter und Buchautor Jürgen Malyssek den Prozess.

In einem Flugblatt zum dreißigjährigen Todestag des Obdachlosen schrieb die Mainzer DFG-VK über Erwin Tinz: „In seiner Wahlheimat Mainz lebte er als wohnungsloser Nomade im städtischen Raum. Sein angestammter Platz war vor dem Mainzer Theater. In kalten Nächten legte sich Erwin auf den warmen Abluftschächten eines benachbarten Kaufhauses zum Schlafen. Als Charakter war Erwin vielen Mainzern eine bekannte Persönlichkeit. Er hatte keine Berührungsängste, sondern legte seinen Mitmenschen gegenüber eine durchaus offene und kommunikative Art an den Tag. Erwin ergänzte durch seine Präsenz das Stadtbild um einen wichtigen Aspekt. Er versteckte seine Armut nicht. Er war im Grunde eine tägliche Herausforderung an das solidarische Sozialverhalten seiner Mitmenschen.“

Polizeiliche Willkür gegen Obdachlose nicht unüblich

Im Auftreten von Obdachlosen in der Innenstadt sah die Mainzer Polizei offenbar eine ganz andere Herausforderung. In einem Flugblatt, das Mainzer Obdachlose 1980 mit Hilfe einer Gruppe von Studierenden verfassten, beklagten sie nächtliche Überfälle der Polizei, bei denen Hunde auf die Berber gehetzt wurden, wie sich die Obdachlosen in dem Schreiben selbst nennen. Zuerst wurden diese Vorwürfe von der Polizei und dem Innenministerium dementiert. Es fanden sich jedoch Zeugen, die die regelmäßigen Verletzungen von Obdachlosen durch die Hundebisse belegen konnten, zwei Hundeführer der Mainzer Polizei wurden zu achtmonatigen Bewährungsstrafen verurteilt.

Brisant für den Fall Tinz ist, welche Vorwürfe die Berber in dem Flugblatt außerdem gegen die Polizei erhoben: Neben der gezielten Entführung von Obdachlosen ins Polizeipräsidium und dortigen Misshandlung durch Beamten prangerte das Flugblatt Verschleppungen aus dem des Stadtgebiet heraus an. Illegale Vertreibungspraktiken wie die, die zum Tode von Erwin Tinz führte, waren in vielen Städten die Regel, wie ein ZEIT-Artikel aus dem Jahr 1981 dokumentiert. Durch die Allgemeine Zeitung, die über die Flugblattaktion berichtete, war dies der Mainzer Öffentlichkeit bekannt. Hätten mehr Menschen die Vorwürfe ernst genommen, hätte der Tod Tinzens womöglich verhindert werden können. Von der Mainzer Polizei wurde nach dem Tod von Tinz bestritten, dass das illegale Wegschaffen von Obdachlosen aus dem Stadtgebiet üblich sei.

Die gesamte Gesellschaft trägt die Verantwortung

Heute hat sich an der Situation der Obdachlosen nicht viel geändert, wenngleich solche außergewöhnliche Willkür wie im Fall von Erwin Tinz nach der Einschätzung von Jürgen Malyssek nicht mehr weit verbreitet sein dürfte. „Gleichwohl bleibt es bei der Vertreibungspraxis von Wohnungslosen und sozialen Randgruppen, nur läuft das alles rechtlich abgesicherter und in der Form kontinuierlicher Ausgrenzung und Stigmatisierung.“, kommentiert Malyssek. Selten kommt es zu Skandalen wie beim Bekanntwerden der polizeilich organisierten Schikane von Randgruppen wie Punks oder Obdachlosen in der Hamburger Innenstadt.

Die Mittel der Vertreibung sind heute subtiler geworden: In Mainz ist beispielsweise immer wieder laute klassische Musik an den Straßenbahnhaltestellen am Hauptbahnhof zu hören, offenbar um die dort lungernden Punks loszuwerden. Die Knappheit an Übernachtungsplätzen erzeugt auch kein Gefühl des Angenommenwerdens. Andernorts werden Schlafplätze unter freiem Himmel gezielt unbrauchbar gemacht, wie durch das Errichten von Zäunen unter Brücken (Hamburg) oder die Installation schnell flackernder Lichter in Bushaltestelle (Wiesbaden).

Doch auch für solche Gängelungen sind nicht nur einzelne Täter verantwortlich: Das Entstehen von Obdachlosigkeit wäre nicht ohne Ausbeutung und mangelnde Solidarität als gesamtgesellschaftliche Erscheinungen möglich, Diskriminierung und Vertreibung nicht ohne das stillschweigende Einverständnis einer Mehrheit. Der Tod von Erwin Tinz vor 34 Jahren ist nur ein besonders tragisches Ergebnis dieser Situation.

Den Tod von Erwin Tinz vor 34 Jahren kommentiert der Aktivist Georg Schumacher (ehemaliger Rechtsanwalt) im Interview mit Peter Schausberger:

Außerdem hören wir den Buchautor Jürgen Malyssek (ehemaliger Sozialarbeiter) im Interview:

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

Peter Schausberger

Über Peter Schausberger

Schon seit vielen Jahren ist Peter Schausberger aktives Mitglied bei einem Freien Radio und hat schon viele Beiträge dem Bundesverband Freier Radios zur Verfügung gestellt. Sein journalistischer Arbeitsschwerpunkt liegt im linksalternativen Spektrum, wie etwa in der Umweltbewegung.

2 Gedanken zu “… dein Tod und Helfer

  1. Antispe Mainz

    Wenn die Linke zurecht sog. „KZ-Vergleiche“ ablehnt – z.B. „Tier-KZ, „Hühner-KZ“ oder „Abtreibungs-Holocaust“ – eben weil diese Sprechweise den Holocaust relativiert, dann sollte mensch auch bei anderen Themen eine gewisse Sprachsensibilität praktizieren. Vor allem bei linken Themen selbst.

    Insofern halten wir den im obigen Text verwendeten Begriff „Deportationen“ bzw. „deportiert“ für unglücklich. Es gibt für den zu beschreibenden Sachverhalt unzählige andere Wörter, die den Sachverhalt fast identisch auszudrücken vermögen.

    Piep, piep, piep wir haben Tiere lieb…

    Eure Antispe Mainz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.