Unser „Wir“

Der Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten.

Auch ein Raum kollektiver Identität? Auszug aus dem Cover von Golovas Buch. Transcript Verlag | ©

Die Autorin Tatiana Golova taucht tief in das Berliner Freiraum-Geschehen ein – mit einem ethnographischen Blick nimmt sie auch an der Organisation und Verteidigung einer Szene-Kneipe teil. In „Räume kollektiver Identitäten: Raumproduktion in der ‚linken Szene‘ in Berlin“, dem vierten Kapitel ihrer Dissertation, die 2011 als Buch erschienen ist, wird dieser Freiraum von einer Räumung bedroht.

„In den Plan der Hausbewohner zum Widerstand gegen die Räumung wurden die Mitglieder des Kneipenkollektivs drei Tage zuvor eingeweiht. Er sah vor, dass sich die anwesenden Menschen in Ketten zusammen geschlossen vor den Eingang stellen sollten. Falls genügend Leute (ab 50 Personen) dem Mobilisierungsaufruf folgen würden, sollte sich ein Teil auch in die Durchfahrt sowie ein weiterer Teil davor stellen. Somit würden sie, in ein langes Banner eingewickelt, eine Art „Tropfen“ bilden.“

Es geht darin um die äußerst spannenden Fragen wie die „linke Szene“ in Berlin eine kollektive Identität im Raum produziert und reproduziert. Was machen die Kneipenabende in besetzten Szenelokalen mit dem „Wir“ der Linksradikalen? Wer sind diese Menschen überhaupt und was verbindet sie? Welche Rolle haben die Poster in den „Freiräumen“ für die sie kämpfen wollen?, die unbezahlt hinter der Theke arbeitenden Kollektivmitglieder des Szenelokals und ihre schwarzen Bauchtaschen?

Die Untersuchung geht tief, tief in die Lebenswelt der linken Szene und tief in die emotionale Welt von Tanja. Tatiana Golova analysiert Flugblätter und Demoaufrufe, macht Interviews mit Menschen in den Berliner Hausprojekten und vor allem eine beobachtende Teilnahme. In einem ihrer Protokolle heißt es:

„Es sind drei Tage seit der Räumung. Ich bin zu einem Plenum ins Hausprojekt gegangen. […] Nach dem Plenum gehen einige Leute – ich auch – nach unten, um die Zerstörungen anzusehen, die der Eigentümer und die von ihm engagierten Bauarbeiter auch gestern noch angerichtet haben. […] Ich stehe in der Stube und es ist einfach unfassbar – es ist alles kaputt! (…) Es tut einfach total weh, es anzusehen! Auch jetzt, wo ich das schreibe, kommen mir die Tränen in die Augen. Es macht mich traurig, mich daran zu erinnern. Und wenn ich daran denke, wie ich im zerschlagenen Raum stehe, so war es nicht nur Traurigkeit, sondern auch das Gefühl des Unfassbaren.“

Zwischen den soziologischen Analysen, die mitunter eine kritische Perspektive auf subkulturelle Macht- und Ausschlussmechanismen liefern, stellt sich die Frage: Wer schreibt hier überhaupt? Ist es Tatiana Golova, deren Name auf dem Buchcover steht? Oder ist es die in den Interviews manchmal „Uchm“ sagende russische Antifaschistin Tanja, die mit Anfang Zwanzig um 2003 rum ihre Promotion in Berlin schreibt? Die Mitglied des Kollektivs ist, das einen linken Szeneschuppen betreibt, auf Demos geht, die bei der Räumung von „den Bullen“ um ein Haar eins auf den Deckel kriegt, der nach der Zerstörung ihres Freiraums die Tränen kommen?

Tatiana Golova bezieht sich positiv auf das „Coming home“ – ein ethnographisches Konzept, das der Forscherin durch einen regelmäßigen Rückzug aus dem Feld ihrer Beobachtungen einen objektiven Blick sichern soll. Doch was für eine Objektivität kann es geben im Bezug auf den Erhalt nicht kommerzieller sozialer Treffpunkte, wie die sozialen Zentren Berlins es sind, angesichts wuchernder Mieten, Standortmarketing und immer stärker werdender urbaner Segregation in dieser Stadt? Wohin geht die Forscherin, dem „coming home“ Konzept zufolge, wenn „Simone“ aus Westberlin zu ihr sagt:

„Ähm (.) jetzt müsste ich das natürlich mit Inhalten füllen, es ist aber total_ weitläufig, halt antipatriarchal, ähm (.) natürlich antirassistisch, antifaschistisch, antisexistisch +jetzt ist es alles dieses Anti, das hört sich immer negativ an, will ich auch nicht. Im Grunde geht’s_ nach meiner Meinung, im Grunde geht’s darum, allen Menschen+_ ähm (.) allen am liebsten halt ein gleichberechtigtes und schönes Leben zu ermöglichen, so. Darum geht’s eigentlich. Und weil die Umstände aber so sind, dass es absolut nicht gegeben ist, so(?) Durchs System, durch den Kapitalismus, durch die Existenz vom Geld, durch Kriege, durch Vertreibung von Menschen, und_ Staaten, die bestimmte Leute bevorzugen und andere nicht, also nicht nur Staaten, alles was dazu gehört. Geht’s halt darum, sich zu über_ also, das nicht einfach so hinzunehmen, sondern was dafür tun wollen, dass es eben mehr Menschen gut geht.“?

Eine Wir-Definition (oder ist es vielmehr eine Ihr-Definition?) zeichnet sich schematisch ab, doch ist die Autorin in ihr enthalten? „In Bezug auf die Anpassung ist noch anzumerken, dass ich mir schnell bestimmte Kleidung wie Kapuzenpullover, Schlag- und Arbeitshosen und andere Artefakte wie Zigaretten der „richtigen“ Marke zulegte, um mich dem ‚herrschenden Geschmack‘ anzupassen. Dies ist jedoch nicht als eine passive Spiegelung oder Nachahmung zu interpretieren.“

Natürlich fragt sich die linke Szene bei der Lektüre dieses Buches, ob ihre Identität korrekt porträtiert wurde, ob das Porträt von innen oder durch eine emotionale Außenperspektive entstanden ist. Doch es geht bei dieser spannenden Ethnographie nicht darum, sondern um das vielfältige soziale Geschehen auf der Straße und in den Freiräumen, in den Kneipen und Sozialen Zentren, in den Absteigen und Hausprojekt-Bars – eine Analyse dieser Lebenswelten, die viele spannende Fragen aufwirft und Prozesse aufzeigt, derer wir uns im Alltag nur selten gewahr werden, ob mensch sich nun inner- oder außerhalb der linken Szene verortet.

Lotta Liest

Über Lotta Liest

Lotta liest am liebsten Bücher, die aufregend sind, die von Politik, Theorie, sozialen Bewegungen oder der Praxis des Widerstands handeln. Sie hat auch mal studiert. Heute lernt sie von ihrer Umwelt und hat Spaß dabei.

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