Vorfahrt fürs Fahrrad

Critical Mass Fahrrad Demo

Kritische Masse, aber nicht nuklear: Eine Fahrrad-Demo in Mainz. Lukas Schilling | CC BY-NC-SA

Der erste Freitag im April: Der Frühling lässt noch auf sich warten, aber viele Mainzer Radfahrer_innen schreckt das nicht ab. Über einhundert Menschen haben sich am frühen Abend vor dem Staatstheater versammelt, um mit Fahrrädern eine größere Rücksichtnahme auf ihre Interessen zu fordern. „Wir blockieren nicht den Verkehr – wir sind der Verkehr!“ ist das Motto der Veranstaltung, „Critical Mass“ der Name.

Fahrräder spielen zwar schon eine gewisse Rolle im Mainzer Stadtverkehr, was nicht zuletzt durch die MVG-Leihfahrräder, einem der ersten Systeme dieser Art in Deutschland, unterstrichen wurde; nach oben hin gibt es aber immer noch Luft. Insbesondere vielbefahrenen Straßen wie der Großen Bleiche oder der Kaiserstraße fehlt es an Infrastruktur und Sicherheit für muskelbetriebene Fahrzeuge. Auf diese Bedürfnisse möchten die Teilnehmer_innen der Critical Mass hinweisen, indem sie sich ihren Platz einfach nehmen.

Pfiffige Ideen…

Das Konzept macht sich dabei eine Klausel aus der Straßenverkehrsordnung zunutze: Eine Gruppe mit mindestens 16 Fahrrädern gilt als geschlossener Verband – und darf damit nicht nur eine komplette Fahrspur in Beschlag nehmen, sondern auch Ampeln überqueren, selbst wenn das Licht in der Zwischenzeit auf Rot umspringt. Dabei gibt es in der Theorie weder Hierarchien noch Organisatoren. Die kritische Masse soll sich spontan zusammenfinden und ihren Weg suchen, ohne Verantwortliche und festgelegte Route.

Ganz ohne Initiator_innen geht es natürlich nicht, allerdings beschränken sie sich auf das Nötigste. Sie unterhalten eine Facebook-Seite und den Twitter-Kanal @cm_Mainz, um Interessierte auf dem Laufenden zu halten. Über das städtische Verkehrsdezernat besteht auch ein Kontakt zur Polizei, die die eineinhalbstündige Radtour durch die Innenstadt und Kastel gelassen und umsichtig begleitete. Dennoch hoffen sie, dass die Idee sich mit der Zeit verselbstständigt und zu einer festen Institution in Mainz wird.

…sind nicht aufzuhalten

Die Idee zu Critical Mass entstand Anfang der 1990er Jahre in San Francisco und hat sich seitdem über die ganze Welt ausgebreitet. In vielen Städten finden sie regelmäßig statt, in Budapest trafen sich schon bis zu 80.000 Menschen zum gemeinsamen Radeln. Die erste Fahrradaktion dieses Jahr in Mainz macht dann auch all denjenigen Mut, die sich am liebsten aus eigener Kraft fortbewegen: Nicht nur die Teilnehmer_innenzahl war erfreulich groß, auch die Reaktionen der motorisierten Verkehrsteilnehmer_innen ließen durchaus Sympathie erkennen.

Sicherlich sind nicht alle erfreut über den spontanen Rückstau im freitäglichen Feierabendverkehr, den der beeindruckende Bandwurm auf Rheinallee, Theodor-Heuss-Brücke und Weißliliengasse verursacht. Aber die freundlichen Grüße und das fröhliche Klingeln aus der radelnden Masse provozieren auch neugierige Blicke bis hin zu unterstützendem Hupen. Und vielleicht ist der eine oder die andere ja am 2. Mai mit von der Partie.

Interview:

Lukas Schilling

Über Lukas Schilling

Lukas studiert Politikwissenschaft, Soziologe und Öffentliches Recht in Mainz und interessiert sich neben Medien, Sprache und Gesellschaft für alles Mögliche. Sein Lieblingsgrundrecht ist die Meinungsfreiheit.

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