„Wir wollen empowern“

"Lesbisch-feministischer Hardcore? Wunderbar." alessandra luvisotto | CC BY-NC-SA

Anti-Corpos ist eine lesbisch-feministische Hardcore-Band aus Brasilien. Ihr drittes Album „Contra Ataque“ wurde im Februar fertig. Mit der Platte ist die Gruppe durch Europa getourt: Berlin, Köln, München, Poznan, Gliwice, Barcelona, Madrid, Rennes, Marseille. Lesbisch-feministischer Hardcore war überall. Im Spätsommer ist die Gruppe auch nach Mainz gekommen. Radio Itinerante sprach mit der Gruppe über Sexismus in der Hardcore-Szene, Empowerment und ihre Erfahrungen in Europa.

Radio Itinerante: Wir sprechen mit Anti-Corpos, einer Band aus Brasilien, die lesbisch-feministischen Hardcore macht. Welche Botschaften transportiert ihr in eurer Musik?

Anti-Corpos: Wie du schon gesagt hast, sind wir eine feministische Band und legen Wert darauf, uns auch lesbisch zu nennen. Das ist eine Frage der Sichtbarkeit, sogar innerhalb der Hardcore-Szene, wo wir unsichtbar gemacht werden. Wir sprechen in unserer Musik darüber, was wir jeden Tag erleben. Es geht um Dinge, die damit zu tun haben, dass wir mit einem Körper geboren wurden, der durch die Biologie als weiblich definiert wird, es geht um all die Gewalttätigkeiten, die das mit sich bringt. Die Texte, die ich schreibe, handeln von diesen ernsten Dingen, die ich und Leute in meinem Umfeld durchleben.

Wie steht es mit den Feministinnen in der brasilianischen Hardcore-Szene?

Ich glaube, dass es in der Szene einige Frauen gibt, die Musik machen und es scheint so, als gibt es dort Befürchtungen, sich zum Feminismus zu bekennen und gegen die Probleme zu kämpfen, die Frauen in der Szene haben. Nichtsdestotrotz gibt es Bands wie Dominatrix, eine politische, feministische Gruppe, oder Tuna, die Positionen beziehen.

Ja, aber diese Bands sind nicht in der Hardcore-Szene. Es kommt darauf an, von welcher Szene wir sprechen. Innerhalb eines heteronormativen Milieus ist die Sichtbarkeit einer feministischen Frau gering. Es gibt Frauen, aber sie nennen sich nicht feministisch und verbleiben innerhalb von Rollenklischees. Aber es gibt auch Szenen, in denen sich Frauen als Feministinnen definieren und Workshops, Events und so weiter hosten, wo sie sehr sichtbar sind. Da passiert in Brasilien gerade was. Es gibt ein neues Milieu, das weder besonders Hardcore oder Punk ist, sondern feministisch. Dort gibt es neue Bands, neue Gesichter und Frauen, die mit viel Kraft und Bestimmtheit wieder in die Musik einsteigen. Es ist uns wichtig, uns als feministische, lesbische Hardcore-Band zu bezeichnen, weil es das so nicht gibt in Brasilien.

Ja?

Die Hardcore-Szene ist extrem Macho, viele Leute steigen aus oder starten eine neue Bewegung, weil sie frustriert sind und etwas machen wollen, an das sie glauben können. Wir versuchen, eine Mischung zwischen Hardcore, queer und trans*feministisch zu unserem Stil zu machen.

Auf welche Weise bringt die Hardcorebewegung sexistische Machtbeziehungen hervor?

Als Anti-Corpos angefangen hat zu spielen, im Jahre 2012, in São Paulo, haben wir wenig Offenheit für fundamentale politische Kritik vorgefunden. Viele Männer haben sich schrecklich benommen, sodass wir viel zu ertragen hatten. Ich habe in der Vergangenheit und auch Heute mit verschiedenen Hardcore Bands gespielt, die viel gehört wurden, bekannte Bands. Es ist sehr kräftezehrend zu versuchen, dort etwas zu verändern. Ehrlich gesagt fühle ich allein bei dem Gedanken, nochmal Veränderungen anzustoßen, eine riesige Trägheit. Wir leben in einer Welt, in der es so schwer vorstellbar ist, dass es grundlegende Veränderungen geben wird. Ich denke daran, wie es ist, eine Frau innerhalb der Hardcore Szene zu sein, in diesem steilen Gefälle aus Machtbeziehungen. Es ist unmöglich!

Als wir mit diesen Hardcore-Leuten Musik gemacht haben – ein halbes Jahr lang war das – waren die uns gegenüber aufgeschlossen. Aber ich habe nicht über mich gesprochen, auch über meine Freund_innen nicht. Sonst wäre ich dort nicht mehr willkommen gewesen. Du wirst abgelehnt, zurückgewiesen, die Leute werden über dich lästern, dich hassen. Wenn du auf die Straße gehst und jemand von denen begegnest, werden sie dich anschreien. So geht’s da ab. Es ist bedauerlich.

Es ist sehr mackerig, sehr sexistisch. Aber der öffentliche Diskurs auf der Bühne ist total gegensätzlich: „Wir sind gegen Homophobie, gegen Rassismus“, sagen die da. Ein hübscher Diskurs, aber wenn sie von der Bühne steigen, fällt die Maske.

Ihr zieht es also vor, auf Distanz zu der Hardcore-Bewegung in São Paulo zu gehen.

Nun, es hängt von der Bewegung ab. Es gibt ein paar neue, die uns den Rücken stärken. Ich glaube, dass Anti-Corpos eine Band ist, die immer schon mit dem Feminismus verbunden war. Punkt. Wir spielen mit anderen Frauen zusammen. Das kann Samba, Afoxé, Punk, Folk sein. Unser Anliegen ist ein Politisches. Musikalische Stile kümmern uns weniger. Wir wollen sichere Räume für uns und andere schaffen und stärken.

Ihr habt in der brasilianischen Hardcore-Szene Debatten über den Sexismus angestoßen. Glaubt ihr, dass der Kampf gegen das Patriarchat für die Bewegung von grundlegender Bedeutung ist?

Als wir mit dieser Hardcore-Szene gebrochen haben, fingen einige Debatte über den Machismo in der Szene an. Es gab unter den vielen Fällen von Gewalt einen extremen Fall von Aggression. Eine Frau hatte einen offenen Brief geschrieben und die Szene fing an über sie zu sprechen. Sie wurde angegriffen und begann an Orten aufzutreten, wo der Machismo der Hardcore-Szene diskutiert wird. So kamen einige Debatten in Gang, aber hörten dann auch schnell wieder auf.

Ich glaube, dass der Hardcore solchen Prozessen wenig Bedeutung zumisst, er denkt sowas nicht mit. Wir sind eine Band, die nicht nur Musik macht. Wir beschäftigen uns mehr mit der politischen Debatte als mit der Musik. Es ist uns wichtiger, an einem feministischen Event teilzunehmen, wo wir diskutieren können und Workshops machen, uns austauschen, als auf einer Megabühne mit dieser oder jener namhaften Band zu spielen.

Ja, wir sind eine Hardcore Band, aber es ist kein Problem für uns mit diesen Bands zu spielen. Es geht darum mit Leuten in Austausch zu kommen, die unsere politische Haltung mit uns teilen. Die Verbindungen zwischen uns zu stärken, mit den Leuten was zu machen, die mit unserer Musik was anfangen können, tut uns, die wir ähnlich denken, sehr gut.

Seid ihr Teil einer feministischen Gruppe in Brasilien?

Anti-Corpos ist unsere Gruppe. Außer Anti-Corpos sind wir in keinem feministischen Kollektiv. Eine von uns organisiert aber das Girls Camp, das ist das wunderbarste Camp der Welt. Es ist ein Rockcamp für Frauen, das 2001 in Seattle angefangen hat. Frauen zwischen 7 und 17 Jahren fahren für eine Woche weg, um ein Instrument zu lernen. Sie nehmen an verschiedenen Workshops teil. Die Themen reichen von Fanzines über Gitarre, Bass, Schlagzeug zu Texten und Selbstverteidigung. In einer Woche lernen sie ein Instrument spielen, gründen eine Band und am letzten Tag performen sie.

Es ist absolut empowernd, dort auf der Bühne zu stehen mit dem Instrument, selbstbewusst und in der Gemeinschaft mit anderen Frauen. Es gibt dort keine Rivalitäten, alle sind sehr hilfsbereit.
In den letzten zwei Jahren nehmen wir auch verstärkt an den lesbischen Demonstrationen in São Paulo teil. Wir machen auch immer mal wieder einzelne Aktionen und versuchen so viel es geht für Frauenrechte in unserem Alltag einzustehen.

Auf Do-It-Yourself-Festivals haben wir oft Auftritte. Dabei ist es uns wichtig, nicht bei der Musik stehenzubleiben, sondern darüber hinaus Workshops anzubieten, um uns zu vernetzen und auszutauschen. Wir wollen Leute empowern.

Wie war die Erfahrung eurer Europatour bisher? Was sind eure Eindrücke von der Bewegung?

Jede Show war eine unvergessliche Erfahrung. Für uns war es nicht einfach hierherzukommen. Roberts von Refusar Record hat uns viel geholfen, diese Tour auf die Beine zu stellen. Dann haben wir die Flugtickets gekauft, ohne wirklich Ahnung zu haben, was uns erwarten würde. Wir mussten erstmal sechs Monate arbeiten, bis wir das Geld für die Reise zusammen hatten. Am Anfang wussten wir nicht, ob wir die große Zahl an Gigs werden spielen können – bisher sind wir 25 mal aufgetreten.

Das ist ganz schön viel für einen Monat, wir waren uns uneins darüber, ob Rebeccas Kehle das mitmachen würde. Unser erster Gig war dann in Berlin. Die Leute waren super offen für unsere Ideen und außerdem sehr tanzfreudig – es war eine große Freude! Die Bedeutung dieser Tour liegt nicht darin, dass sie in Europa stattfindet. Nein, es ist wichtig, dass wir hier sind und euch kennenlernen.

Gerade hatten wir ein spannendes Gespräch mit einer Schlagzeugerin, gestern haben wir mit einer Band gespielt, in der zwei wunderbare Frauen mitgespielt haben. Vorgestern haben wir mit einer Schlagzeugerin aus Amsterdam gespielt, auch eine super Erfahrung. Ich will sagen, dass es sehr schön war, zu connecten, unser feministisches Netzwerk auszubauen. Das Besondere, was ich hier in Europa sehe, ist, dass in jeder Show, die wir gespielt haben, die anderen Bands Musikerinnen hatten. Das ist super cool und es freut mich, dass alle Shows gut besucht waren. Die Leuten waren sehr sympathisch. Viele haben uns in ihre Wohnungen eingeladen, mit ihren Familien oder uns in ihren eigenen Zimmern übernachten lassen. Das hat uns gerührt, diese Nähe.

Das Audiointerview zum Anhören auf Brasilianisch findet ihr hier:

Radio Itinerante

Über Radio Itinerante

Radio Itinerante bietet einen Raum für autonome Kommunikation und kritisiert verschiedene Ausbeutungssysteme, wie den Sexismus, Rassismus, Kapitalismus und Speziesismus. Wir wollen Wissen darüber verbreiten, wie sich die Systeme zeigen und Erfahrungen von Widerstand und Organisation mitteilen. Soziale Bewegungen, wie der Feminismus, Ökologie, Veganismus, Anarchismus, Studierende, Kollektive, Indigene und Bäuer_innenbewegungen. Radio Itinerante heißt so, weil es keinen festen Ort gibt, über die wir Informationen verbreiten, sondern immer verschiedene Orte, Städte und Gemeinschaften.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.