Wütender Fahrradmob legt Wiesbaden lahm

Das Blut ist rausgewaschen,die Kampfmontur trocknet, Anma | CC BY

Mit wildem Geklingel, rasiermesserscharf gekanteten Flugblättern und teils in professioneller Kampfmontur (s. Bild) bahnte sich heute Nachmittag eine ca. 50-köpfige Meute auf Rädern den Weg ins Herz Wiesbadens. Nach einer  einstündigen Kundgebung vorm Hauptbahnhof von zweieinhalb Rednern, die die Menge derart zu erhitzen wussten, dass der Dauerregen förmlich auf ihren Körpern verdampfte, brach in der Landeshauptstadt das schiere (Verkehrs-)Chaos aus.

So, und nun, da ich mir eurer Aufmerksamkeit sicher bin, werte Leser_innen: Was wirklich geschah. Bei den global climate marches gingen heute weltweit über eine halbe Million Menschen auf die Straße. Auch in Wiesbaden sind ein paar zusammengekommen und haben mit einem kleinen Fahrradkorso durch das Zentrum gar nicht mal wenig Aufsehen erregt. Mit mehreren Transportern, Motorrädern und Streifenwagen geleitete uns die städtische Polizei durch die Stadt. Dank Blaulicht waren wir weithin sichtbar. Passant_innen, Autofahrer_innen, Wartende an Bushaltestestellen, sie alle streifte das Thema Klimapolitik am heutigen Tage immerhin.

Der Hintergrund: Die nächste Klimakonferenz steht ins Haus. In Paris finden sich während der kommenden zwei Wochen wieder Größen aus Wirtschaft und Politik zum Mauscheln zusammen, diesmal unter dem klangvollen Namen COP21. Die Klimakonferenz soll Richtlinien verabschieden, die die Erderwärmung bis 2030 unter 2°C halten. Kritiker_innen sind überzeugt, dass ohne einen Systemwandel – weg von der kapitalistischen Wachstumswirtschaft hin zur Subsistenz – jeglicher Klimarettungsversuch von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Die Konferenz listet unter ihren Sponsoren stolz Multis wie Coca Cola und BMW; auch deswegen dürfte wenig Grund zur Hoffnung auf Hilfe von oben bestehen.

Klimaschutz ist Handarbeit

In der hessischen Landeshauptstadt nutzte eine handvoll Leute, unter anderem ich, den Korso zudem, um auf die Klimacamps 2016 aufmerksam zu machen. Radeln gegen Klimawandel und Kapitalismus mag ganz nett sein, aber noch an vielen weiteren Punkten sollten wir ansetzen. Bekanntlich sind ja fossile Energieträger für den Löwenanteil an CO2-Emissionen verantwortlich und die werden in Deutschland beispielsweise in der Lausitz und im Rheinland sehr gewinnträchtig in Form von Kohle aus der Erde geholt. Das Bündnis EndeGelände hat daher bereits in diesem Sommer zu Aktionen zivilen Ungehorsams aufgerufen und unter anderem die Grube Garzweiler bei Köln für einige Stunden blockiert.

Dafür gab’s ordentlich Kloppe. Beim Pariser global climate march kam es ebenfalls zu Gewaltausbrüchen auf Seiten der Staatsmacht. COP21 – der Name ist offenbar ein sprechender. Nach den Anschlägen und dem bis Ende des Jahres geltenden Notstands darf sich die Zivilbevölkerung zwar auf Weihnachtsmärkten oder Fußballspielen tummeln sowie die Auserwählten auf der Konferenz. Doch kein Protest, keine öffentliche Kritik darf geübt werden. Die geplante Abschlussdemo am 12. 12. wurde offiziell verboten, jüngst gab es Wohnungsdurchsuchungen und Mitorganisator_innen sind unter Hausarrest gestellt worden. Die Wiesbadener Beamt_innen waren nun hingegen erstaunlich milde. Wo ist die militaristische Kluft, das Pfefferspray, der Gummiknüppel? Statt vor vermeintlicher Terrorgefahr schützten sie uns tatsächlich nur vor Raser_innen, wenn wir bei Rot mehrspurige Straßen überquerten.

Die Lage gestaltet sich sowohl in französischen als auch anderen europäischen Großstädten bekanntermaßen deutlich anders. Die Repressionen nehmen Überhand. Ich will natürlich keine wütenden Mobs, keine Ausnahmezustände und keine Straßenschlachten. Doch mir scheint, nicht nur unser Klima, sondern auch unsere Freiheit ist bedroht. Also:

Auf das Rad! Auf nach Paris! Auf in die Grube!

Anne-Marie Butzek

Über Anne-Marie Butzek

Eigentlich eher an den Rahmenbedingungen der Textproduktion (sprich: Verlagswesen und Literaturwissenschaft) interessiert, bemächtigt sich das aktive journalistische Schreiben in letzter Zeit immer mehr des wahlmainzerischen Nordlichts. Der Anspruch dabei: Die Welt besser machen oder zumindest ganz famos dabei scheitern.

3 Gedanken zu “Wütender Fahrradmob legt Wiesbaden lahm

  1. Dino

    Hi Annemarie,

    wir hatten ja schon mal das Vergnügen..

    das mit dem Klimawandel, der Umweltbelastung find ich auch ziemlich blöd. Morgens und am frühen Abend, während der Rushhour, geh ich kaum noch nach draussen und Lüfte auch nicht mehr wegen der schlechten Luft. Viel zu viele Flugzeuge, Autos, Fabrikmief… sau-ungesund..
    Auch mag ich keine Menschen, die blind Befehle befolgen. (z.B. manche Polizisten)
    Allerdings fehlt mir bei solchen Artikeln immer wieder die Kritik am Bürger, am Konsumenten, an uns selbst.
    Es ist doch nicht die Schuld von Bullen und Politikern, dass offensichtlich die klare Mehrheit der Leute glauben, sie brauchen alle ihr eigenes Auto ( schon gar kein elektrisch betriebenes) und wollen zwei-drei Mal im Jahr für zwanzig Euro in Urlaub fliegen oder ans andere Ende der Welt, um ihren kulturellen Horizont zu erweitern oder so ähnlich. Auch muss man als Bürger nicht Braunkohle benutzen, vielleicht werden die staatlichen Subverntionen dann ja auch mal gänzlich eingestellt.
    Ich finde, man sollte sich doch als intelligenter Mensch mit viel Schulbildung (wie Du z.B.) mal die Fragen stellen „Wieso demonstrieren wir hier immer fast alleine? Wieso kommen von 200.000 Menschen nur fünfzig?“ Und die Folgefrage müßte doch lauten „Sind die anderer Meinung als wir oder was ist der Grund für das Fernbleiben? Haben wir nicht ausreichend für die Demo geworben oder woran liegt es?“
    Wieso wendet Ihr Euch nicht direkt ans Volk, sondern immer nur an Regierung und Polizei? Klärt doch einfach mal Eure Mitmenschen auf , die s offensichtllich nicht besser wissen, statt immer nur gegen das Establishment zu wettern(!) Das fänd ich toll. Da würd ich dann auch gerne mithelfen und ans Mikro gehen.
    Ich habe auch einen Kommentar zu Eurem Artikel „Ohne Mampf kein Kampf“ geschrieben, den ich Dich bitten würde mal durchzulesen. Er geht in die gleiche Richtung und gibt Anworten auf die hier gestellten Fragen. Vielleicht stellst Du Dir die hier von mir gestellten Fragen mal selbst, bevor Du vielleicht den Kommentar zu „ohne Mampf kein Kampf“ liest, damit Du nicht vorher durch mein Geschriebenes beeinflußt wirst. Vielleicht erklärt es der sogenannte Kabarettist Hagen Rether auf Youtube 2015 auch besser als ich , im Prinzip ist er, glaub ich, aber ungefähr der gleichen Meinung.

    Herzliche Grüße und bis bald mal im Cronopios, wo ich demnächst mal hingehen werde. Ciao

  2. Anne-Marie ButzekAnne-Marie Butzek Autor

    Hallo Dino,
    tut mir leid, dass ich erst jetzt auf deinen Kommentar aufmerksam werde – war keine böse Absicht! Den von dir erwähnten anderen Kommentar lese ich gleich und möchte jetzt schon mal kanpp auf deine Kritik reagieren. Die hat meiner Meinung nach gar kein Fundament, da die Idee von Fahrradkorsos und sonstigen Klimaaktionen 2015 und darüber hinaus, doch gerade ist, die Menschen außerhalb der Regierungsgebäude und Firmenzentralen anzusprechen. Warum dennoch auch dort nur taube Ohren an den Köpfen prangen, ist eine gute, aber kaum lösbare Frage.

    • dino

      hi annemarie,

      dass es das ziel von umweltaktionen und dergleichen ist, leute zusammenzubringen, ist mir schon klar. das ergebnis siehst du ja. ich glaube nicht, dass die alle blöd und taub sind,weil sie fernbleiben. vielleicht hast du ja recht und diese frage ist wirklich unlösbar. das würde aber auch bedeuten, dass du sie dir selbst schon gestellt und darüber nachgedacht hast. deine antworten würden mich sehr interessieren.. danke

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