Zahlen oder Nichtzahlen

Die Anglistik an der Uni will Geld für die Lehre sparen. hellobo | CC BY-NC-SA

Wer hat gesagt, an der Uni lerne man nichts fürs Leben? Sogar weltfremde Englischstudierenden werden an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität vor dem Bachelorabschluss schon auf die harte Welt da draußen vorbereitet und auf (arbeits-)marktkonform getrimmt. Haben die Bologna-Reformen die Grundmauern des akademischen Elfenbeinturms rissig gemacht, bringen ihn die Bildungsstätten endgültig zum Fall, in Mainz und anderswo.

Ein Beispiel vom Flur des Fachbereiches für Sprachen und Philosphie der hießigen Johannes Gutenberg-Uni: Da hängt ein Zettel mit einer Stellenausschreibung der Anglistik/Amerikanistik. In dieser wird eine Praktikumsstelle zur Betreuung einer seminarbegleitenden Übung ausgeschrieben. Üblicherweise machen so etwas wissenschaftliche MitarbeiterInnen, beispielsweise Menschen, die während ihrer Doktorarbeit mit viel Glück an den Instituten untergekommen sind.

Das Uni-Praktikum als Win-Win-Situation?

Doch warum sollten nicht schon erfahrenere Studierende die Möglichkeit haben, Kurse zu gestalten? Für sie ist es eine nette Abwechslung, denn statt langweiliger Theorie auf Metaebenen in abstrakten Räumen bietet so eine Übungsleitung handfeste Praxis im Hörsaal. Sie dürfen unter anderem den Jüngeren erklären, wo sie bei der Multiple-choice-Klausur das richtige Häkchen setzen müssen.

In der Anglistik ist ein Praktikum zum Ende des Studiums hin sowieso Pflicht – in Unisprech: Das Praktikum ist Bestandteil des Moduls „Indepedent Studies“. Und wenn das mal keine klassische „Win-Win-Situation“ ist! Die Studierenden haben ihr Modul fix beisammen und die Uni eine Lehrkraft mehr. Erstgenannte sammeln die volkswirtschaftlich so wertvollen praktischen Erfahrungen und die höhere Bildungseinrichtung kann ihr Kursangebot ausweiten.

Die unternehmerische Universität muss sparen

Der Haken bei der Sache ist nur, das Praktikum unbezahlt ist. Wäre ja auch zu viel des Guten, zu viel des „Wins“ auf der Seite der Studenten, wenn ihnen finanzielle Vorteile entstünden. Und was bringt schließlich ein allzu behütetes Studium? Der freie Markt in der echten Welt funktioniert doch genauso: Einerseits finden PraktikantInnen bei gnädigen Unternehmen Unterschlupf. Praktische Kenntnisse und der Eintrag im Lebenslauf sind Lohn genug.

Andererseits muss die durchschnittliche bundesdeutsche Bildungseinrichtung stets einsparen, effektiver werden, sich gegen die Konkurrenz durchsetzen, ganz wie jedes Erfolgsmodell in der Privatwirtschaft. Die billigste reguläre Variante des Unterrichts, der sogenannte Lehrauftrag, kostet die Anglistik/Amerikanistik der Uni Mainz immerhin noch 600 Euro – im Semester, versteht sich. Das entspricht einem effektiven Stundenlohn von knapp 5 Euro. Die kostenbewusste akademische Institution kann dies aber mit unbezahlten Praktika noch unterbieten.

Verhungert ist erfahrungsgemäß an der Uni noch niemand; in der Geschichtswissenschaft beispielsweise bringen Studierende zu den Übungen auch mal ein paar Euro mit, damit ihr Übungsleiter oder ihre Übungsleiterin sich in der Vorlesungszeit mal ein belegtes Brötchen gönnen kann. Wie lange mag es noch dauern bis der Elfenbeinturm sein Personal gänzlich begräbt? Eines steht fest: Danach übernehmen die Abbruchunternehmen aus der Privatwirtschaft.

Anne-Marie Butzek

Über Anne-Marie Butzek

Eigentlich eher an den Rahmenbedingungen der Textproduktion (sprich: Verlagswesen und Literaturwissenschaft) interessiert, bemächtigt sich das aktive journalistische Schreiben in letzter Zeit immer mehr des wahlmainzerischen Nordlichts. Der Anspruch dabei: Die Welt besser machen oder zumindest ganz famos dabei scheitern.

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