Ein Zollhafen für alle

Schilder auf dem Boden

"Her mit dem guten Leben!", ruft der Dino. Seven Resist | CC BY-NC-SA

Die Baudezernentin Marianne Grosse sagt es gegenüber der Presse gerade heraus: „Die nördliche Neustadt [wird] in den kommenden Jahren eine enorme Aufwertung erfahren“. Am Zollhafen sollen 2500 Menschen in die Neustadt einziehen, in der derzeit ca. 25.000 Menschen wohnen. Das Projekt am Zollhafen wird die Bevölkerungsstruktur der Neustadt stark verändern, sich auf Infrastruktur, Freizeitgestaltung, Lebensweisen auswirken. Wo heute kleine Gemüsehändler_innen, günstige Cafés und vergleichsweise billige Mieten die Neustadt prägen, erwartet uns die Ausdehnung der Mikrogentrifizierung eines Gartenfeldeplatzes auf die ganze Neustadt.

Das Leben am Wasser wird teuer

Denn das Leben am Wasser wird teuer: Um einen Quadratmeter Wohnraum zu kaufen, muss etwa das 2,5-fache des für die Neustadt üblichen Preises über den Tresen gehen. Die Hochglanzbroschüren des Investors „Rheinkai500“ versprechen im Gegenzug einen Yachthafen, Elektrotankstelle und Lofts mit Wohnflächen zwischen 109 und 144 Quadratmeter. Dirk Klemme, Geschäftsführer von Kairos und Projektentwickler von Rheinkai500, will mit diesem „visionären Konzept“ Mainz „mit einem hochwertigen urbanen Stadtviertel neu definieren“ – so heißt es zumindest in der Broschüre.

Der Stadtgeograph Andrej Holm spricht in diesem Zusammenhang von Neubau-Gentrifizierung: Entwicklungsprojekte in ehemaligen Hafen- oder Industrieanlagen seien typisch für diese Form städtischer Aufwertung und Verdrängung, die anders als klassische Gentrifizierungsprozesse nicht dadurch entstehen, dass Altbauten saniert und teurer an reichere Haushalte weitervermietet werden: „[D]ie Umwandlung ehemaliger Industriebauten in luxuriöse Lofts oder auch die Errichtung sogenannter Townhouses auf städtischen Brachen haben einen nur scheinbar verdrängungsneutralen Charakter“, so Holm in seinem Büchlein „Wir Bleiben Alle!“.

Spektakuläre Neubauten, so Holm, werten auch die umliegenden Wohnviertel auf, indem die hohen Bodenwertrenditen – also das Geld, das sich mit dem Eigentum an Grundstücken verdienen lässt – andere Eigentümer_innen neugierig werden lässt. Außerdem reduziere sich der Anteil preiswerter Wohngelegenheiten in den betroffenen Gebieten und verschärfe die Schließung innerstädtischer Wohnungsmärkte für ärmere Haushalte, so Holm weiter.

Wie der Zollhafen attraktiv gemacht wird

Das Wohnungsmarktgutachten 2008 des empirica-Instituts vergleicht die „Lagequalitäten“ verschiedener Flächen, an denen gebaut werden soll. Die „weichen Faktoren“ – die häufig darüber entscheiden, welcher Wohnraum teuer und welcher günstig ist – werden 2008 für den Zollhafen im Vergleich zu anderen Flächen gering eingestuft. Die „Aufenthaltsqualität“ gilt als wenig ausgeprägt, die Lärmbelastung sei zu hoch. Stadt und Investoren bemühen sich seitdem, Kreativität und Kultur in den Dienst der städtischen Aufwertung und Verdrängung zu stellen: So laden Anfang des Monats die Investoren zusammen mit der Allgemeinen Zeitung zu einem „Hafensommer im Zollhafen“ ein.

Ein Designmarkt, Poetry Slam, Livemusik und Tanz sollen dann die weichen Kriterien, den Flair produzieren, der die gut begüterte Menschen später dazu bewegen wird, am Zollhafen eine Loft zu kaufen. Auch die Stadt müht sich eifrig, den Zollhafen aufzuwerten. Dazu veranstaltet sie nun zum zweiten Mal große Konzerte auf der Nordmole. Schon lobt Marianne Grosse den „Rheincharme“ des Zollhafens in der Lokalpresse.

Wie ein Zollhafen für Alle aussehen könnte

Statt Luxuslofts und Kultur für die Wohlhabenden braucht es aber einen Zollhafen für alle: Einen Ort, wo Kreativität, Kultur und Geselligkeit nicht Mittel zum Zweck der Aufwertung sind, sondern ein öffentlich zugänglicher Selbstzweck. Ein solcher Ort hätte keinen Platz für kommerzielle Großveranstaltungen oder hippe Kultur, sondern würde einen Raum bieten, in dem verschiedene Lebensweisen sich nicht gegenseitig verdrängen. Um das zu erreichen, sind ungehorsame Formen von Protest und widerständige Lebensweisen gefragt: Denn nur, wenn sich die Logik der Aufwertung zurückdrängen lässt, können Menschen an der Basis wieder über ihre Stadt verfügen.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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