Bis zum bitteren Ende

Bild vom Inter 1

Ist hier bald ein Medienhaus untergebracht? Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Das Wohnheim Inter1 soll Ende März diesen Jahres geschlossen werden. Die Entscheidung steht seit Mitte Januar endgültig fest, nachdem der Eigner, der Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung (LBB), den Nutzungsvertrag für das Gebäude mit dem Studierendenwerk gekündigt hatte. Dagegen regt sich bei den Betroffenen Protest: Wegen der fast fünfzigjährigen Geschichte des Inter1 und der lebendigen Gemeinschaft seiner Bewohner_innen. Weil es den mit Abstand günstigsten Wohnraum des Studierendenwerks bietet. Und nicht zuletzt weil das Inter1 laut einem Wirtschaftsbericht von 2012 schwarze Zahlen schreibt. Wie kommt es zu der Schließung?

Das erste Mal kam das Gerücht eines möglichen Endes des Wohnheims im Jahr 2008 auf. Zu dieser Zeit begann die Renovierung des benachbarten Inter2. Laut Informationen des Wissenschaftsministeriums wurde damals die Renovierung des ersten Inter geprüft, doch stellte sich schnell heraus, dass bei einer Erneuerung des baufälligen Hochhauses die Kosten explodieren würden. Erschwerend kam hinzu, dass der Nutzungsvertrag mit dem LBB bereits 2013 auslaufen sollte, während der Zeitrahmen für eine Sanierung unklar war.

Medienhaus statt Wohnheim?

Zur Zeit der Renovierung des Inter2 gab es tatsächlich erstmals Pläne, was mit dem Inter1 nach dem Ablauf des Nutzungsvertrags geschehen sollte: Das Gebäude, dessen Weiternutzung als Wohnheim zu teuer erschien, sollte zukünftig ein Bürogebäude werden. Spätestens 2009 kam unter Beteiligung von Michael Ebling, zu diesem Zeitpunkt Wissenschaftsstaatssekretär, dem damaligen Chef der Staatskanzlei Martin Stadelmaier und Medienwissenschaftler_innen von Uni und Fachhochschule die Idee eines neuen Medienhauses auf. Darin sollen sämtliche medienzentrierten Studiengänge wie Filmwissenschaften, Medieninformatik oder Publizistik zusammengelagert werden und mit gemeinsamen Arbeits- und Seminarräume, sowie einer Bibliothek ausgestattet werden. 2010 wurden diese Pläne schließlich durch das Wissenschaftsministerium öffentlich gemacht.

Derzeit heißt es von der Uni Mainz, dass der Baubeginn für das Medienhaus für den Sommer 2015 angesetzt ist. Das Land gibt an, dass die Pläne zum Umbau des Inter1 in das Medienhaus Ende September diesen Jahres in die Tat umgesetzt werden sollen. Ob dies tatsächlich geschehen wird, bleibt abzuwarten. Die Kosten des Projekts sind mit etwa 16 Millionen Euro allein für die Sanierung nicht unerheblich, der Baubeginn wurde bereits mehrfach verschoben. Es scheint daher nicht ausgeschlossen, dass sich der Bau des Medienhauses weiter verzögert und das Inter1 nach seiner Schließung erst einmal leersteht. Angesichts der steigenden Mietpreise in Mainz und der Knappheit an bezahlbarem Wohnraum in der Stadt wäre dies kaum zu vertreten.

Hohe Mieten ersetzen sozialverträglichen Wohnraum

Was das Platzangebot angeht, sieht sich das Mainzer Studierendenwerk im Moment noch auf der sicheren Seite: Laut dessen Geschäftsführer Matthias Griem gibt es derzeit für den Einzug in die Wohnheime keine Warteliste, es seien sogar noch einige Zimmer frei. Sehr bald sollen im neuen Wohnheim Binger Schlag noch einmal 240 Plätze dazukommen. Fürchtet das Studierendenwerk also Leerstand? Laut Griem ist eine Vollbelegung aller Wohnheimsplätze im Interesse seines Unternehmens, um kostendeckend arbeiten zu können. Womöglich deshalb hatte das Studierendenwerk bereits im Dezember, etwa einen Monat vor Bekanntwerden der endgültigen Entscheidung zur Schließung des Inter1, versucht, die Bewohner_innen zum Umzug in die neuen Wohnanlagen zu bewegen.

Ob die neuen Wohnheimplätze, die die Bewohner_innen der Inter1 priorisiert beziehen könnten, tatsächlich noch sozialverträglich sind und damit dem eigentlichen Auftrag des Studierendenwerks entsprechen, steht auf einer anderen Karte. Ein großes Zimmer im Inter1 kostet monatlich 283, ein kleines gerade einmal 220 Euro und ist damit als einziges Zimmer des Studierendenwerks mit der BAföG-Wohnpauschale bezahlbar. Im neuen Wohnheim Binger Schlag hingegen ist selbst das kleinste Zimmer mehr als 80 Euro teurer als ein kleines Zimmer im Inter1. Der Durchschnittspreis von monatlich 345 Euro für ein Einzelzimmer beim Studierendenwerk in Mainz liegt noch einmal deutlich höher. Auf den Quadratmeter umgerechnet ist dies etwa doppelt so hoch wie die durchschnittliche Monatsmiete in Mainz. Von einer sozialen Förderung studentischen Wohnens kann hier wohl keine Rede mehr sein.

Die Standortlogik fordert ihre Opfer

Eins steht fest: Diese Preisentwicklung mag zwar kein politisches Ziel sein, mindestens aber wird sie von den Entscheidungsträger_innen billigend in Kauf genommen. Denn das Geld zu einer Sanierung des Inter1 ist vorhanden, wie die vom Land Rheinland-Pfalz dafür zur Verfügung gestellten 16 Millionen Euro unter Beweis stellen. Nur wird dieses Geld nicht eingesetzt, um das Inter1 als Wohnheim zu erhalten, sondern als prestigeträchtiges Medienhaus herzurichten. Die Ausgaben für eine weitere Nutzung als Wohnheim wären laut Angaben des Wissenschaftsministeriums mit etwa 14 Millionen Euro geringer gewesen. Diese auf den ersten Blick seltsame Priorisierung erklärt eine Pressemitteilung der Staatskanzlei von 2012, in der die Rede ist von der „Profilierung des Medienstandorts“ Mainz, der mit dem Projekt ein „Aushängeschild“ erhält. Es wird damit eine Logik bedient, die die Universitäten und Städte gleich Unternehmen in einen Wettbewerb untereinander stellt.

Der Bau des Medienhauses reiht sich damit ein in eine lange Liste ähnlicher Projekte in Mainz, wie den öffentlichkeitswirksam vermarkteten Bau von Luxuswohnanlagen am Zollhafen („Schaffung von attraktiven Wohnstandorten und Arbeitsplätzen“), die Teilnahme der Uni Mainz an der Exzellenzinitiative („Mainz als international konkurrenzfähigen Standort mit leistungsstarker Forschungslandschaft und ausgezeichneter wissenschaftlicher Infrastruktur profiliert“) oder der Ausruf von Mainz zur Stadt der Wissenschaft („Visionen für die Zukunft sichern Mainz als Wissenschaftsstandort“). Investoren sollen in die Stadt gelockt werden, während die öffentlichen Güter der Stadt privatisiert werden. Dieses Buhlen um Aufmerksamkeit und private Investitionen fordert seine Opfer: Bezahlbarer Wohnraum gehört mit dem Verlust des Inter1 nun zum wiederholten Male dazu.

Das Inter1 soll nicht sang- und klanglos untergehen

Verschiedene Initiativen in Mainz, wie die Nachttanzdemo oder die AG Wohnen des AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) machen auf die daraus folgende Verdrängung armer Menschen aus der Innenstadt schon seit Jahren aufmerksam. Auch im Inter1 formiert sich  Widerstand gegen das Ende des Wohnheims. Schon im vergangenen Jahr hatte die Heimverwaltung (HV) erfolglos versucht, vom Studierendenwerk Informationen über die damals noch nicht besiegelte Schließung zu erhalten, und in dessen Verwaltungsrat gegen das Vorhaben vorzugehen. Nun sind einige Aktive aus dem Inter1 dabei, andere Gruppen in ihr Vorgehen miteinzubeziehen, und auf Facebook Sympathisant_innen und ehemalige Heimbewohner_innen zu mobilisieren. In Planung ist auch ein dreitägiges „Protestival“, das Ende März noch einmal viele Menschen in das Wohnheim bringen soll.

Die Mobilisierung hat gerade erst begonnen, die Bewohner_innen des Inter1 suchen noch nach Unterstützung. Mehr als 1000 Stimmen, die bei einer Unterschriftaktion für den Erhalt des Heims gesammelt wurden, lassen ein großes Mobilisierungspotential vermuten. Wie der Protest sich konkret entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Wer ein Treffen der HV besucht, spürt aber einen großen Enthusiasmus, das Inter1 nicht einfach sang- und klanglos untergehen zu lassen. Doch wird es tatsächlich gelingen, die Schließung  zu verhindern? So viel scheint gewiss: Die Entwicklung jetzt noch aufzuhalten wird nur möglich sein, wenn sich eine breite Basisbewegung dagegen organisiert.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

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